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UNIVERSITY I
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TORONTO -x LIBRARY '
PALAESTRA.
Untersuchungen und Texte aus der deutschen und enghschen Philologie.
Herausgegeben
Alois Brand! und Erich Schmidt
XXII.
Von P e r c y zum W u n d o r h o r n.
l^eitriige zur Gescliichte der Volksliedforschuns" in Deutschland.
Von Heinrich Lolirc
Berlin «ml Leipzig Mayer & Müller, G. ni. b, H. 1902.
PALAESTRA XXII.
Von Percy zniii Wnnderhorn.
Beiträge zur Geschichte der Volksliedforschuug in Deutschland.
Von
Heinrich Lohre.
Berlin und Leipzig Mayer & Müller, G. m. b, H.
501
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Geraany
Inhalt.
Seite
Kialeitaiig: IX
I. Die Anfnahino der RoHqni's in Deutschlaiul. . . . . - ■ i
Erste Recensionen 1
Die ftöttinsrr'i' 2
Herder S
Fr. A. Ursinus. Merok 25
Bodmer 37
Fr. H. Bothe 48
A. "W. Schlegyl 55
Einzelübertrag'ung'?n 56
II. Die Wiedergeburt des deutschen Yolksliedes 61
Goethe 61
Jnnjr-Stilling:, Lenz. Maler ISliUler, Schulart • • . 67
Horder C)8
Nicolai und andere Gegner 70
J. Moser 72
Jon. Georg Jacobj 73
Lessing 74
Zeitschriften 74
An.selm Elwert 70
Ansätze i:ur Volk.^kunde 80
Fr. D. Gräter nnd die Mitarbeiter der ^Bragur-* • 80
.Meissner'« „Apollo" 113
Sclmadahüpfi und Kuhreiiien llo
Fr. H. Bolhe 117
A. W. Schlegel HS
Reichardts „Berlini.sche Musikalische Zeitung" • • 120
„Wunderhorn" 121
Beilage 132
Namen 134
Vorbemerkung.
Die ersten 37 Seiten dieser Arbeit erschienen schon im Sorajnor 1901 unter dem Titel „Zur Gescliichte des Volksliedes im 18. Jahrhundert" als Berliner Dissertation. Ich lege nun den vollständigen Abdruck vor und spreche dabei den beiden akademischen Lehrern, deren Namen die Sammlung ,Palaestra' trägt, insonderheit Herrn Professor Erich Schmidt meinen herzlichsten Dank für alle em- pfangene Förderung aus. Auch den öffentlichen Biblio- theken zu P>orlin. Göttingen, JV! Uneben, Zürich und Bern bin ich für ihre entgegenkommende Unterstützung ver- pflichtet.
Friedeuau bei Berlin, 9. Januar 1902.
Heinrich Lohre.
Berichligungou.
S. 11 Z. S vou iiiiton lies: .hosilzl es «loci»' S. 34 Z. «) lies: ,s. oben S. XI', S. 101 Z. 1 lies: ,Suhm'.
Einleitung.
1.
Die Wiedergeburt des Volksliedes im ausgehenden 18. Jahrhundert ist in erster Linie an die Namen Percy, Herder, Arnim -Brentano geknUpft. Aber zwischen den „Reliques of Ancient English Poetry" und Herders „Volks- liedern" liegt mehr als ein Jahrzehend, zwischen diesen und dem „Wunderhorn" etwa ein viertel Jahrhundert. Welche Männer und Werke schlugen die Brücken? Eine Übersicht der Entwickelung in der Weise zu geben, dass auf die weniger bekannten Strecken der Bahn das reich- lichere Licht fällt, will vorliegende Arbeit versuchen.
2.
Von den einschlägigen Vorarbeiten ist die älteste keines- wegs die unwichtigste. Kobersteins reiche Anmerkungen zu den betreffenden Abschnitten seiner Litteraturgeschichte sind noch unentbehrlich. Ich benutzte sie in der vierten Ausgabe, dem eigentlichen Werke Kobersteins; die fünfte, von Bartsch bearbeitete Ausgabe wurde verglichen. ') Sehr wertvolle Nachweise danke ich ferner dem ausführlichen Anhange zu E. Schmidts Lenorenaufsatz in den ,Charakte- ristiken' 1, 234. Dagegen giebt ein Aufsatz von P. Holz- hausen: „Die Ballade und Romanze von ihrem ersten Auftreten in der deutschen Kunstdichtung bis zu ihrer Ausbildung durch Bürger", in Zachers Zs. 15, 129 u- 297,
1) 4. Aosg. 1,864 ff.; 2 die im Verzeichnis \mter „VoUw- gesang" citierten Stellen; 8,2624 0.
X
der das vorliegende Thema auch nur streift, wenig Auf- schlüsse. Die gebräuchlichen Bibliographien, Goedeke 2. Aufl. II, § 111, John Meier in Pauls Grundriss II 1,750, Böhme im Anhang seines „Altdeutschen Liederbuches", endlich ?]rk-Böhmes „Liederhort" I, XLIII, wurden natür- lich auch herangezogen. Einzelne sonst nicht zu findende Nachweise gaben mir die weitschichtigen bibliographischen Anhänge zum letzten Bande von Child's grosser Samm- lung „English and Scottish Populär Ballads" (Boston 1882 — 98), die sich nicht auf das Englische beschränken. Dem Herausgeber dieser Sammlung stand ja für das deutsche Gebiet nach Ausweis der Vorrede öfters Reinhold Köhlers unerreichte Fachkenntnis zur Seite. — In den letzten Jahren sind zwei der vorliegenden eng verwandte darstellende Arbeiten erschienen: 1897 eine Heidelberger Dissertation des Amerikaners H. F. Wagener: „Das Ein- dringen von Percy's Reliques in Deutschland" und 1900 acht Vorträge von Dr. Wilh. Uhl: „Das deutsche Lied" (Leipzig. Avenarius). Erstere Arbeit fädelt streng chrono- logisch die in den einzelnen Jahren erschienenen Ülx^r- tragungen, Recensionen und sonstigen Äusserungen zu den Reliques mit kurzem Urteil auf. Dies Verfahren über- hebt mich der unfruchtbaren Mühe, alle Spreu minder- wertiger Einzelübersetzungen in Zeitschriften, Almanachen U.S.W, hier nochmals zu berühren; mit der Angabe von Ort und Jahr ihres Erscheinens hat Wagener alles gesagt, was darüber zu sagen ist. Dagegen giebt er für die Be- urteilung der grösseren Sammlungen noch wenig; er greift nur die Percy-Übersetzungen aus ihnen heraus, während sie meist noch aus Ramsa}' und anderen englischen Quellen — Percy war ja in seiner Heimat nicht der erste Sammler — schöpfen; eine allgemeine Charakteristik im Hinblick ^uch auf die Persönlichkeit des Herausgebers ist nicht ange- strebt. In Wageners Behandlung der Botheschen Samm- lung ist überdies. \vie zu zeigen sein wird, durch ein und dasselbe fundamentale Versehen eine ganze Reihe objek- tiver Unrichtigkeiten gekommen. — ühl konnte im Rahmen
XI
von Vorträgen, die weitere Kreise berticksichtigten, nur andeutungsweise vorgehen. Das Buch ist sehr extensiv, entliält eine grosse Fülle von Namen, Titeln und Citaton, nirgend aber wird eingehender verweilt. Dass wegen mancher Ungenauigkeiten eine stete Nachprüfung aus den Quellen erforderlich sei. hob auch die Recension Ernst Martins in der Deutschen Litteratur-Zeitung vom 13. Jan. 1900 hervor
8.
Das Interesse an der englischen Sammlung und das Interesse am Heben der heimischen Schätze verschmelzen in der zu behandelnden Zeit aufs engste. Eines löst das andere aus. Dennoch wäre es misslich und verirrend, die Compliciertheit dieses Processes in die Darstellung zu übertragen; vielmehr erheischt hier die Übersichtlichkeit, die Aufnahme der Reliques von dem Wiederaufleben des deutschen Volksliedes zu trennen. Geringe Übergriffe eines Mannes, der vornehmlich auf dem einen Gebiete thätig wnr, in das andere, lohnte es freilich nicht, gesondert zu verzeichnen. Den Anteil der einzelnen Persönlichkeit an der Bewegung voll zum Ausdruck kommen zu lassen er- schien dem Verfasser auch wichtig genug, um ein dabei unvermeidliches Vor- und Zurückgreifen in der Zeit mit in Kauf zu nehmen.
Die in Betracht kommende Periode steht, namentlich im Anfange, dem Volksliede noch unsicher und tastend gegenüber. Man verquickt das Interesse daran mit dem Interesse am Mittelalter und an den Minneliedern. Nament- lich aber aus Percy's bunter Fülle sucht sich mancher vorerst noch die kunstmässigeren Stücke aus; schon Merck beklagte 1777 im „Teutschen Merkur" (II, 260), dass man „aus den Sammlungen, wo eins so oft unter drei Manieren vorgetragen wird, gerade die modernste und steifste aus- wähle". Es ist interessant zu mustern, und doch bisher weniger beachtet, wer für das wahrhaft Volksmässige den reineren Instinkt bewiesen hat. Manche Nummeni der
XII
Reliqucs, wie z. B. die von Boie benutzten überaus künst- lichen Madsongs, geben sich ja auf den ersten Blick als Kanstpoesio zu erkennen; bei anderen wies schon Percy selbst auf die moderne Entstehung hin. Seitdem Child uns eine ersch^jpfende, verlässige und das Kuristniässige ausschliessende Sammlung der englischen Balladen gegeben und Brandl im zweiten Paragraphen seines Artikels über englische Volkspoesie in Pauls Grundriss (II 1. 839) ver- lässige Kennzeichen für den volksmässigen Charakter eines Liedes nachgewiesen hat, ist die Scheidung vollends kein Wagnis mehr. Mindestens wird sich bei den grösseren Sammlungen, wenn hier auch strittige Fälle bleiben, fest- stellen lassen, nach welcher Seite die Auswahl vornehm- lich hinneigt; ein Punkt, der z. B. für die Beurteilung von Bodraers Sammlung ins Gewicht fällt.
I. Die Aufnahme der Reliques id Deutschland.
Das Interesse der <,^M,)ild('t(Mi niid litterarischon Kreise am Voll<sliede kam. iiaeli <zaiiz vcn'iiizelten frUlioren Äusserungen '). in Fluss dnicli das Erseheinen vor. Percy's Reliques of Aneient Englisli Poetry. London 1765. Von der jungen Cle^icralidii in Dcntsfhland freudig anfgenununtMi. blieb di(?se .Saunnlimg etwa ein Jahrzt^mt liindurcb das konkurrenzlose Haiulbueli der Volkspoesie: Zeit genug, um mit ihrer vollen Eigenart zu wirken, der von ihr geweckton neu<u Balladendiehtung selbst intimere Stihnerkmale mit- zugeben, die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Volksliede aber auch mit ihren Mängeln anzustecken, zu denen insonderlieit die modernisierende, i'rdo Textgestaltung und die vage Umgrenzung des Vt)lksiiedbegriffes gehörten, in welchen Percy fast jede Art nationaler, nicht antiki- sierender Kleindichtung einbezog.^)
Noch im Jahre des Erscheinens widmete Rudolf Erich Raspe der vSannnlung eine wohlwollend( . doch nicht oben tief dringende Recension, die er I7()() noch fortsetzte.*)
') TTobov il'wi-e E. Sfhinidl, Charaoteristikeii, 1, 2:54; A. Fie- SBuiii.s, Dts.-U. l.itl.-Z<•,^ 1S02, 7f)8-70 (RBferaf). l\^v ± iJuiul von Rudolf llilil»'l)iaiuls iiachgelassonen .,Malorj;ilinn zur (icscliiclitti (los •U'iitsclion Volksliodcs'' (I, 1900) s(»ll niflir briiigca.
'^) Die (\>nlrole von Percy '.s Tt^xtbehiindlung 'sf. in Wfiteni Unifange ennöjrlic'hl durch die VeröffentHohung seiner iIau])tquollo, des um löfH» entstandenen, sogenannten „Folio- Man uscriptes": ..IJishop rere^">< Folio Manu.script, ediied by John W. Jlales and Fredtrick J. Furnivall." 8 vols. London 18ß7/ßK ((^Uiert: ^F..|.-Ms.")
•') Netii' Bibl. d. .schönen Wi-sensth. u. l'r. KünsMe T, 1, 170; II, 1, 54. Über diese und die folgenden Bespr(»chungon, .sowie über den (JüUiiiger Auszug ausführlich "Wagener, S. 11 ff. Palaestra XXJL 1
2
Das Bomorkcnswortrste daran iRt. dass er sotrloich nacli einem dcutscluMi Percy ausschaute; sein- scliwaeh aber sind die heijj^egeboFien Übersetzungsproben. Ihm folgten in den Jahren 17()6 und 17G7 Oerstenberg') und Christian Hein- rich ^chmid ^) mit kurzen anerkennenden Worten. Nach- dem dann noch 1767 ein dürftiger Auszug (11 Lieder) in Göttingen erschienen war. wurde eben dieses halbenglische Gottingen und der Bund der dort studierenden jungen Dichter zu der vornehmsten Pflegestätte eines warm be- triebenen Studiums der Reliques und eines daran ent- zündeten weitergreifenden Interes.ses am Volkslied.
Der Leiter des Bundes. Boie. dessen nacIi dem Eng- lischen des Henrey Carey gedichteter „Scbuhknecht" heute, leicht variirt. als „Lore am Thore" populär ist, plant« längere Zeit hindurch eine englische Chrestomathie, in der Percy sicher nicht gefehlt hätte, wie klar daraus hervor- geht, dass er Herders Volksliedern zu nahe zu kommen fürchtet und dass Herder ihm dann den Percy ausdrück- lich freigiebt.'') Der Plan zerschlug sich mit anderen Editions- und Üborsetzungsplänen J3oies. Doch dichtete er 1775 „Die Wahnsinnige" (Weinhold S. 317) nach Mo- tiven der Madsongs bei Percy. ) Diese gehören freilich zu den künstlichsten Stücken der Reliques. und so blieb er dem echten Volksliede noch näher, wenn er zwei von Gay im Stil der Volksballade gedichtete Lieder. „Wilhelm" und „Suschen" 1792 in den Vossischen Musen-x\lmanach (S. 7 ; Weiuhold 340) einrücken Hess. Den Stil der eng- lischen Volksballade spiegelt auch seine „Elfenburg"
1) 8. Litt.-Brief: Seufferts Deutsche Litleraturdenkmale No. 29 u. 30, S. 58.
2) Theorie der Poe.sie nach den neuesten Grund.sätzen und Nachricht von den besten Dichtein, erster Teil, Leipzig 1707, S. 76.
») Herder an Boie, 3. Juni 177B; Weinhold S. 182: vgl. S. 73 u. 2t)6 Anin. 1.
*) A. Schrüen-s' kriti.><che Ausg. der Heliqnes 1S93 — künftig „R" citiert - S. 403. — Gedruckt v^iirde „Die Wahnsinnige" erst 1792 in Vossrn.'» Musen-Alnianach S. 119 mit Änderungen gegen die erste H».
— 3 —
(Weinhold 350) deutlich wieder. Aber vor allem: er be- währte sich auch auf dem Gebiete des Volksliedes als der Leiter, Förderer und Ri'daktor fremder Arbeiten, zu dem er geboren war. Er nahm an Mercks Plänen zur Her- ausgabe „englischer Songs** lebhaften Anteil'); er drängte den verstimmten Herder, endlich seine „Volkslieder" zu veröfifentlichon und zeigte ihr nahes Erscheinen mit warmen Worten im Deutschen Museum (Mai 1777) an. Er ver- schaiTte Herder die Kämpeviser und Ramsay's „Ever- green"; er gewann ihm den Verleger, las die Correctur, Uberwacbte den Druck.-) Boies vertraute Sprachkenntnis stand den jungen Pcrcy-Lesern des ikmdes zuverlässig bei; sein Deut.sciios Museum gewähi-t« mehreren, zum Teil wichtigen (später zu besprechenden) Veröffentlichungen aus dem Gebiete des Volksliedes Obdach,
In seinem ßundesbruder Jobann Heinrich Voss aber weckte der fremde Schatz die Erinnerung an den noch ungehobenen heimischen, von dem ihm in seiner ländlichen Heimat Einiges zu Ohren gekommen war. Zweimal, am 24. Februar und am 13. Juni 1773, jiiahnt er seinen Lands- mann Brückner, „alte Gassenlieder" zu sammeln, wie er sie in Mecklenburg noch glaube gehört zu haben ''): der- selbe Voss, der später Arnim wegen des Sammeins von „Gassen- und Kirchenbauern" so ungebärdig angriff. Be- geistert nennt er eine Od<^ der Sa.ppho und ein „litthauisches Mädchenlied" in einem Att-ni und braucht gleichnjässig von beiden die Ausdrücke: „göttliche Epistel", „unsterbliche Galanterie". ]n seinem Alnianach bittet er „Freunde kunst- loser Natur' um Volkslieder, wie F. Stolberg eins gesandt (1776, 222, vgl. 1777, 79). Er selbst glaubte sich zum Volksdichter berufen. Wie ein den Reliques beigegebener Aufsatz Percy\s von {Um wandernden Barden und Minstrels erzählt hatte, so möchte Voss mit dem gieichgestimmtea
») Briefe an Merck 1835 Ö. 40.
2) Redlich in Suphans Herder- Ausg. 25, XV ( \-; hang 3. 682 u. 686); Hajm 2, 90 u. 96; Weinliold S. 182 ff. 8) Briefe von J. H. Vo.sa 1, 130 u. 142.
1*
_. 4 -
Froiiixic TIcilty Dcntschlaiul (liiicliwandiMii und „d;iM Leben und die (ieschilftc; d(;r Laiidhowohner vckmIcIi in Li(Mleiii und Idvllcn darstellen". Kr trügt, sieh 177'» dem Maik- graf(>n von Raden {geradezu als ljanddi<litvr an.'» Sriiie meist spilter entstandonon Lieder für das iiandvolk al«er stehen mit iiirf>r i^ezwun^cMien Einfalt oder Derhheit und moralisierenden TnM-kenheit dem wirkliejien Volksliedc fern, wenn auch einmal ein einzelnes lie;:iinstiijt von (In' Melodie, zeitweis ins V'olk eindrang.-) iMit K'etjit wurde die Werkeltagspjosa in den meisten dieser V«>:ssiselien Lieder von der Romantik vers]>ottet.'') Was Voss spät für seine eigene Produetion den Reliijnes ahgewann. seinen „Flausroek" (1790) nach „Take thy old Cloak alK.ut thee-* (R. i:U)) und „Knecht RolxM-t auf einer Ma^skeiadc" (1792^ nach „Rohin Üood-Fellow"* (1*. «>!>;;). sind sehr freie lie- arheitungen kunstmässiger Originale,^)
Der empfindsame.]. M. Miller entnahm den Reliques, bezeichnend genug, das gefühlvolle sehäfeilielu' Kunst- liedclien „The Passionate Sheplierd to Ins Love" (R. 157), als dessen Dichter schon Perey Marlowe nannte. Millers gewandte Ühersc^tzung erschien zuerst im Oöttinger Musen- Almanach von 1772 (,S. l;}8).'') Die prodiictive iieistener zum V(dksliede gvlang ihm besser als Voss; wenn aucl» die Melirzahl seiner Bauernlieder unwahr ist, so erlangte doch eine Ausnahnie. das 1772 entstandene „Klagelied eines Bauern" („Das ganze Dorf versa nnnelt sich"), in
•) Rriefii :\, T.") u. lOd.
■-) Her Coniputiisl .1. A. V. Schulz meldet in tli'i- Vorboniorkiinfr seiiuM- „l.ituitT im VolksUni", IJerlin ITSL*. <I(m Heijr«ii: „Sa»;! mir ;iii, AV.vs scluiiim/elt ihr" wiinic in ciiiiijcii Cosr'Mnlen Nied'-i- (l<'uls('hhin(ls fast all;;vmoiii auf IJauiin-l looli/citen {riManzl.
:') A. W. Schioocl „AV«'tt<jre.s;;i>.ü:". Werk.- 12. SO; (ühros, ICin- .siedhMZfilung, ITaffs Noudr. S. H!»S.
*) I{oi(K^ von ixnny. unvolkstiiiMliihcr StnuihiMdurm und onl- si)i'oclu'iidem \Viiri-<«-lial/.o.
'>) Spiilfi uoi-li i>n «re.dnick»: 1ami>/. M.-A. 177;5, S. 1!»2; L'isimi.s S. 251; Miller.s (JcUu-lih-, l Im 17s:i S. 0»): ih>v /weile Tfil zuerst in V(w.son.s M.-A. 1 !), U7; l^ulhe S. 210.
L'inraclKMii sanKl'iUciii Kli^tlir iis. voiiiliiT^rlinnl dif Orltiing »Miirs Volkslicdt's: os wii >^''; in llio?:(Mi(Jt^n liliUteni der iH'idcn letzten lalir/rliiitc Aon 18. Jaliiiiuiid<'j'ts und im bo;^iiiii»Mulon li). hiiiitig ^-cdriickt. und der Vorfass»'!- eiiior iiiclit [larodiscli soiuk'rr! »M-iist j^cineinton Nachahmung- von Xicolais Ahiianach, d(M- sich Hans JJcch'i'hidd u(Mint. spendet ihn) hohes Ijoh.') Eiu an(hTcs in IMilhTS Jj.vrik auszu- '/,cichncn(U>.s Stück: „Was tra^^' ich viel nach Gehl und l.iut". führt noch heut als vidkstündiches l^ied, nehst >' j\leh)die von Neele, ein allerdings stark ahschwellend"S Leben.
D«'ni gel)oi(Mien jj.yrikei Höltv stand Percy's Balladen- sanindunj,^ ferner. ..A«l<'lstan und Röschen" geht doch im Ton, in ein/.elnen grellen Effecten uiul in der ausführlichen Motivierung weit vom Volksstih' ah, den Höltys Vorlage. ..Margarets (Ihosf, obwohl auch nur eine NachahmViug Mallet's, doch in der Hauptsache festhielt: noch weniger füllt ins Gewicht, dass der Schluss von „Töft'el und Käthe" untei' dem Einlluss Pejryscher Geisterhalladen stellt.'^) Er nuig liald gar nicht nndir '^alladen dichten, wie er im April 1774 an Voss .schreibt: ein Balladensänger kommt ihm ..wie ein Harlekin (sder wie ein Mensch mit einem Raritätenkasten'" vor. Aber wenn er singt: „Mir träumt', ich war" ein Vögelein", so klingt er an das deutsche Volkslied an: uiul als Volkslied singt man noch heut: ..rb" immer Treu und Redlichkeit".
Einen einzigen, aber charakteristischen Griff in die Reliipics that (>in vertrauter KriMind des Bundes, Matthias Claudius, nnt dem lyrisch -n^flektierenden Kunstliede: ,,My mind to me a kiugsdom is".'') Dieser Lobgesang auf
') Kllinfrors Vorrede z>i s»>inoni NiMidrucke von Nicolais Al- manac'h S XXX IT.
-) Vjrl. Rhoadfvs: .,HnIt.y8 Verhältnis zu der enp]. Litter.atur". C.öttiiiger Diss. 1S02. S. 22 n. 2r).
3) ZiuTst Wandsbeckor l?ote 1771, Nu. OU Werke, ed. Redlich 1, 2, 41. - "Das Lied ist unvolkstümlicli in Wortschatz iiud Sfrcphenbau.
— 6 -
das Ollick iHyllisf'hor ßofirlirärikunir war Rcin*»r innersten Natur verwandt. So koniito er statt «'inf'r bloswen Über- setzung eine Nachdiditung im pcrsönliclisten Stil geben. Stilrker al)er als Pt^rcy bewegt<* ihn die Poesie Ossians, das zeigt deutlich seine Recension von Heniers Ossian- Aufsatz.') Wenn aus seinen eigenen Liedern trotz iiirer Sangbarkeit und SchlichthiMt fast nichts in den Volks- liedcrschatz überging, so liegt es wohl daran, dass ihnen der kräftige Erdgeruch *niang<'lt; sie schweben zu luftig und leise daher und ^mpor zu den „goldnen Sternlein", um sich im Volke zu halten. Es ist rein individuelles Ver- fahren der Herausgeber, wenn wir bei Herder sein ..Abnnd- lied" und im Wunderhorn (JIl, 153) seine „Christiane" (,Es stand ein Stcrnlcin am Himmor) wiederfinden. Auch von seinem „Neujahrsliede" hat nur der kraftvolle und hellere zweite Teil sich als ein studentisches Festlied variirt erhalten.
Auf keinen der Göttinger aber übten die Reliques so tiefen Einfluss aus wie auf Bürger. Ihm wurden sie geradezu zum Retter. Sie wiesen ihm über dem konven- tionellen burlesken Romanzentj'^pns, der gerade für Bürgers Natur gefährlich war, ein neues Balladenideal, das all seine besten Kräfte aufrief. Was er erreieht<% blieb zwar vom echten Volksstilo deutlich, besonders durch mangelnde Zurückhaltung und Sparsamkeit geschieden, aber es hatte daraus Kraft und vor allem Bewegung gründlich geschöpft, Bürger ging auch von allen Göttingern am geradesto.n auf die echte VolksbalUide zu. Unter den von ihm be- arbeiteten Stücken sind nur zwei, die mit dem Volks- liede gar nichts zu thun haben: ..Frau Schnips" nach ,The wanton wife of Bath' (R. 655)*). und „Des Schäfers
1) Wandsbecker Bote 1773, No. 69 u. 71 ; Werke ed. Redlich, Nachlese S. 25.
2) Charakterisiert sich .schon durch die litterarische An- spielung im Anfange:
In Bath a wanton loife did dicelle Ak Chaucer he dfBS wrife ferner durch da.s leierhafle Versmas.s als schlechte Kunatballade.
— 7 —
Liebeswprbung'' nach Marlowes .Passionate Shepherd to bis Lovfi' (s. 0.). Zwei andere, ..Bruder Oraurock" (,Friar of Orders graj\ R. 174) und die „Entfllhrung" (,0bild of Elle', R. 82) haben echten volksmässigen Kern, wenn dieser auch bei Percy nur frei bearbeitet erscheint. ') „Der Kaiser und der Abf' (R. 466) ist eine im besseren volkstilmliclieii Tone gehaltene Broadsidc-Bailade (wahr- scheinlich des 17. Jahrhunderts, Child 1, 403) und „(Iraf Walter* (R. 595, Child 2, 83) gehört ebenso wie der zur ,,Lenore'' in Beziehung stehende „Sweet William's Ghost" (Child 2. 226) zum alten Volksgute. Die nähere Ver- gleichung mit den Percyschen Originalen ist seit dem fein- sinnigsten Beobachter A. W. Schlegel von mehreren, unter denen F. W. Valentin Schmidt Erwähnung verdient''), ge- führt worden. Nur die von Schlegel übergangene ..Liebes- werbung" sei hier mit dem ,Passionate Shepherd' (R. 157) konfrontiert.') Sie ist, was bei den Balladen nicht immer zutraf, der Vorlage durchaus überlegen. Das Eingangs- niotiv: zusammenklingende Natur- und Liebesfreude, im Original nur zwei Strophen hindurch festgehalten, wird von Bürger glücklich zum Hauptmotive erhoben, und in
') Der ,Kriar' i.sl, eine Percy.sche Mosaikarbeit, deren Grund- mu.ster Goldsmith's , Edwin and Angelina' und eine — von Child auKgcsohlossenc — Kunslballade dos Fol. -Ms. (3, 524) „Genlle herd.s- man, teil lo me" abjjreben. Die letzte Quelle all dieser Balladen aber i.st. wie ein Vergleich zeigt, eine in der Weltlitteratiit ver- zweigte Volk.'^ballade des 16. Jhd.s. : „The Bailiffs daughter of Is- lington", Child 2, 284. Au.sser jenen Balladen schrieb Percy für den ,Friar' auch namentlich Shakespeare aus: Hamlet 4, 5, Tam- ing of Ihe Shrow 4,1, Lear 3, 4; auch dichtete er ganz frei hinzu. — „Tlie Child of Elle" gehört in die ebenfalls weitverzweigte Sippe des ,Earl of Brau", Child 1, 88; Percy dichtete aber das im Fol.-Ms. (1,133 ff.) aufgefundene volksmässige Fragment von 39 Zeilen zu 200 Zeilen auf.
-) Balladen und Romanzen der deutschen Dichter Bürger, Stolberg und Schiller, Berlin 1827.
^) Dass die beiden Gedichte sich ent:»]; rochen, bezeugt die Vorrede zur ersten Ausgabe von Bürgers »/lulichten 1778, und ein Brief an Voss, Strodtmann 3, 114.
fliiif S(tM|)|i«-ri mit (»irifi- Küllt« des IVi««'lu's(fii hf^tails jin>- j^n'nilirt; (l;i^ ini(Ü«>r<' Motiv: Liclu-lwiis \nsst;«Hun}f. wini dvv ^csnrhU'M oxotischcn Zifp, mit der es im Origiiuile um^j^cfuMi ist. (ivi(? biids, roral chusps. amhor '>tu(ls), crit klt'iddt '); das Scldussmotiv: Litihchens Ständchen, wird um eine Strophe ( rwoitcit, als an sich annintig. und um voj- allem das zwcimaliiic Anschlairen des Ilofrains nicht aulzugehen. Das (ianzt^ hat so leicht^en anmutiünn Wurf, dass ohne IMlrgeis eigenes ({eständnis schwerlich iin Un- eingeweihter hier Ai.lehnun^- an ein fremdes Ori>rinal f?e- wittert hätt^..
Aber nicht nur Bürgers Produktion wurde von den lieliques tief beeintlusst, auch ein theoretisches Interesse und die Sanimellust wurden in ihm rege. ,Jch gehe jetzt in allem Ernste darauf aus, die alten deutschen Volks- lieder zusammenzubringen und bin beinah willens ein Avertissement drucken zu lassen" schreibt er am 19. August 1775 an Boie; es sei zum Erstaunen, „was sich alles aus dem alten Zeuge herausstudieren lasse'" (Strodtmann 3,239). Was er herausstudiert hatte, trug er ein Jahr ditranf in» Deutschen Museum (177G l,44:t) als „Herzensausguss iU)er Volkspocsie'* vor die Welt. Echt Bürgerisch in der kraft- genialen Sprache, in dem Auftrumpfen gegen „die nackigten Poetenknaben" der lvunstdi(htung. in dem ganzen sich übernehmenden Enthusiasmus, geht der Aufsatz seinen Grundgedanken nach durchaus die W>gc, die ein Grösserer inzwischen gewiesen hatte: Herder, dessen Blätter „über Ossian und die Lieder alter Völker" in Bürgers Tasten wie eine Offenbarung hineingefahren waren. Erst im Zu- sammenhaugü mit diesem Vorbilde ist daher der Aufsatz zu betrachten.
Herders Interesse am Volkslied war durch die Re- liques neu geschürt, nicht erst entzündet worden. Er
•) Später wollte Bürger die Strophen 7 und 8, ai> immer noch zu viel „Apparat" enthaltend, überhaupt streichen und der Heruus- gelier Reinhard verfuhr nach seiner AHMreisting. Vgl. Arnold E. Bei'^er's lUirgerausgabe, T>e.sarten, S. 491.
Ii.itto lifioifs in [jivlaiu! als Kiinhc „in suIcIu'm ( . csjinirttn ersten Ton dci' Pocüir iiikI erste Kroft ri<'r ,M^l^i^k in aller Kinl'alt, S(,:irk(! und VVahrluMf' ii»^l'iililt'); dann als .Jünglinf in IhananniscluMn (Tfiste für riiiintives. IJr- anfänfrliehes interessiert, veröffentlielite er seiner Be- M'.lüUtigunii" mit Ossian zu gescliweigon-) — 1704 im 'M. Stüek der „Künigsbergschen (lelehrten und Politischen Zeitung" ein esthnisclies Lied als ,,7^eitrag zu unhekannten auakreontischen Gesängen noch roher V()lkor." '') Dass sein eben damals keimender Plan einer Oeschiehte des lyrischen (Jesanges sogleich auch nach Volksliedern aus- schaute, hat er selbst später bezeugt*) und auch die IVagnu^nta»'ischeii Skizzen, die von diesem Plane auf uns gckonmien sind, deuten daraui" hin. Denn hier will er unsere heimische Poesie von der nordischen Edda, in der er Volkspoosie sah, und von „der Barden und Skaldrer Clesangc" bestinmit sehen"') und erwägt, ob nicht „die cinlilltigen und einschmeichelnden monotonischen (Jadenzen iiuseier Kinder- und Baucinlieder" dem d(Hr sclwn Ohre ü't'nvässiM- seien als die kompliziene Bewegung antiker Metra''). l>ie Antithese: ,Natur- und Kunstpo(^ten' ist ihn! schon hier geläufig''). Solchen Ansätzen folgte <laiin J767 in den „F'ragmentcu"") als Herders Progranuu ein warmer Aufruf zum Sanuneln, von weitester Umschau begleitet: Rin jeder solle sich nach „alten Nationalliedern" erkundigen, um Stücke zu gewinnen gleich den litthau- isrhen Dainos in Lessings 33. Litteraturbriefe, gleich den „so vortrefflicben Ballads der Briten, den Chansons der Troubadoren, den Jlomanzen der vSpanier, den feierlichen
') An Raspe 25. Aug. 1772, WeiniarischoH Jahrb. ;), 4:5.
=*) l'bor dies© Hayni 1,441.
3) Vgl. Zs. f. deut^oho Phik)logio ^. M'>i\ Aniu. ])i)cli hnt Supiian durch Nichtaufnalime dioso.-; Deitraus in den oisien Band .seiner Au.^g-abo Herders Autorschaft wieder als /.weitulhafi Jiingestollt.
*) Werke 25,045.
) Lehtin.'ibild 1,3», 74. . «) EJbenda S. 70. ') Kbenda S. 70.
**) Zweite Samnilung-; Werke \,2m.
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Sngoliuds der alten Skaldror': au<:h kosakifiche Dunii, peruanische und amerikaniHchn Lied«,T, nichts will er aus- geschlossen wissen. Es verst^ihL sich, dass er selbst schon zusammentrug, was ihm erreichi)ar war. Wenn er im Winter J 770/71 Carolinen von ^seinem Kram" berichtet, aus dem er ihr noch manche „Idyllen" mitteilen könne'), „arabische von Eseltreibern, italienische von Fischern, amerikanische aus der Schnoejagd, item lapplilndische, grönUlndische und lettische", so waren solche Schätze Uir.ht von heut zu morgen aufgelesen. Dass er unterwegs der Volkspoesie nicht vergaset, lehrt eine Anspielung im Ossianaufsatze; reichliche Belege aber bieten sich uns dann fUr die Strassburger und die BUckeburger Zeit, wo öfters Übersetzungen mit erläuternden Beigaben an Merck und Caroline abgehen-). 1771 verdichten sich dann Herdex-s lang herumgetragene Gedanken über Volkspoesie zu einem ersten geschlossenen Aufsatze: „Über Ossian und die Lieder alter Völker", der im September 1771 an den Verleger Bode abgesandt, aber erst 1773 in dem Saramelhefte „Von deutscher Art und Kunst" gedruckt wurde.
Der Art und Kunst dr_ V^olksliedes, seinem Stile iin weitesten Sinne, gilt denn auch dieser Aufsatz, der von Ossian nur den ersten Auegang nimmt, um sich alsbald an echtere Lieder mannigfacher Nationen zu halten. Sie werden mit jenem allemplanglichen Sinne verhört, mit dem Herder stets den Dingen nähertrat. Dass dabei der nach Goethes Wort „in die Welt horchende" Verfasser auf Ton, Klang, Rhythmus und jede Art sinnlicher Da- Stellungsmittel vor allem achtete, darf um so weniger ver- wundern, als hier ein steter polemischer Oberton gegen rationalistische Poetik mitschwingt. Aber auch das Dra- matische der volksmässigen Darstellung wird gebührend
») Lebensbild 3 », 204. Vgl. den Brief an Merck -vom 28. Okt. 1770, in den Briefen an Merck 183ö S. 12 über frühe Beschäftigung mit den Liedern bei Shakespeare.
■^) Lebensbild 3 ',280, .313, 317. Briefe von und an Merck 1K38 S. 31 u. 30.
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heivorgelioben und das Spninj^hafte stark horausgea-heitet, so dass die Wendung „Sprünge und Wdrfe" wie ein Leit- motiv imnier wieder auftaucht. Doch alh^nthalben wird über die empirische Feststellung der Merkmale liinaus ein psychologisches Verständnis angestrebt; Herder sucht sich die in Volksliedern thätige jugendlich primitive Einbildungs- kraft in ihrer Arbeitsweise ganz deutlich zu machen. Da- zwischen eine praktische Mahnung zum Sammeln, schliess- lich ein Ruf an die lebenden Dichter, nicht zum manirierten Nachahmen, sondern zum verständigen Lernen. Zugleich wird der Ausdruck „Volkslied" durch diesen Aufsatz erst verbreitet, der somit gleichsam die Taufurkunde der Gattung darstellt M. Der Begriff spielt freilich hier und in anderen Schriften Herders noch in zahlreichen Nuancen, von denen der jeweilige Zusammenhang bald die eine bald die andere besonders betont: bald denkt der Schüler Hamanns und Rousseaus vornehmlich an die Lieder der sogenannten „wilden" oder „Natur"-Völker, bald der Schüler Montcs- quieus an die Offenbarungen eines Volkscharaktors; in dem spUter vorherrschenden Sinne des Liedes unlittora- rischer Volkskreise wird der Ausdruck gebraucht, und wiederum mit dem von Percy her üblichen Nebensinne des Mittelalterlich-Romantischen; endlich ist Hordern jedes einfache und vor allem sangbare Lied in gewissem Sinne Volkslied, besitzt er doch in der Sangbarkeit, die Herder mit Gerstenberg und gegen Ramler als ein Qrunderfordernis des Liedes überhaupt ansprach, die wichtigste Ausstattung zur Verbreitung. Für die Zeitgenossen war die Anregung um 80 grösser, je reicher der Begriff. Man berauschte sich an der Fülle der Gesichte. Dazu kam die Form des Aufsatzes. Sprunghaft wie das Volkslied selbst in der Darstellung, rhapsodisch bewegt im Ton, mit Proben wie
1) Gleich im Anfange, Werke 5,160: „Lieder des Volkes"; weiterhin S. 189 „Volkslieder"; beide Ausdrücke noch öfter, da- neben „Provincialliedor", „Baiierulieder". — Percy hatte nur in seiner Vorrede da.s Kpitbeton „])opular" bisweilen angewandt, im Titel gar nicht. Der .Acoent la? bei ihm noch auf dem „ancienl".
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(\('\u „F<](lwar(l" und (l»Mn liiiT Ptidlidi roii^cminl vpnleutsfthlen liiippliindcrlicde i\iistr<'st;\ttot. Ili;if er juil' das joii^n' (}c,- sclih'cht dio j;rösst(' Witktiny. ..Wio ein Liobhabfr Fiacli den ersten Stunden di'v I.iehc" Iki'k- llffdcr ^cHprochon, nuMute Cliiudius'), und mit, riuvv iM;i<iit ^wie die Donau, die ihr Pfeil wjisser aus sieben M(irMliin;.'en zuirleieb ins Meer strömt." ßijrgvr ahei- =?tannnelte entzückt-): „O Boic, ßoie, wele-lie Wonne, als ieb fand, dass ein Mann wie Herder eben das deutlieher und bestinniiter lehrte, was ich (hmkel srhon län«(st gedacht und empfunden bntte!" f^elion dieser Ausspruch lässt vermuten, dass ein eigener „Uerzensausguss" Büi'gers ül)er Volkspoesie im wesentlichen ein E>:ho der Herderischen Leitmotive sein werdf^. Nicht diesem auf Schritt und Tritt begegnenden Widerhalle, nur dem Neuen nachzugehen kann hier Auf- gabe sein. Da ist vor allem der hier zuerst gegebene Hinweis auf das Zersingen der Volkslieder zu rlihmon, und di(> daraus abgeleitete Forderung einer kritischen Behandlung der Texte. Bürger schreibt: ..Freilich hat {\u} mündliche Tradition oft manches hinzngethan oder weggenommen und dadurch viel lächerlichen Unsinn hin- ein gebracht" - ein gesundes Zugeständnis, das sich mancherlei Übertreibungen des Aufsatzes vorteilhaft ent- gegenstellt. Herder hatte, füi' Feinheiten des Vortrages fast mehr als für das Inhaltliche interessiert, auch wohl überängstlich jedem rationalistischen Anscheine aus- weichend, auf solche "sachliche I^ngereimtheit.«^n im Volks- liede nicht den Finger gelegt. — „Und wär"s denn wohl (ler Mühe nicht wert", fährt Bürger fort, „dass ein Mann n\it Hemsterhuysisch kritischer Nase sich darauf beflisse, den heterogenen Anflug wcgzun<^hmcn und die alte ver- dunkelte oder gar verlorene Leseart wieder herzustellen?" — Worte, die sich fast wie ein Ausblick über die Komantik hinweg auf Uhlands Bestrebungen lesen. W^eniger gesund
») Wandsbecker Bote 1773, No. 69 u. 71 = Redlichs Nachlese S. 2Ö ff.
2) 18. Juni 1778. Strodtmann 1, 12l>.
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als «liest; hIoIK sieli die aiulorc s|irc-itiscli Bürgerischo Forderung, die der PopularitUt tiir alle und jode l'ocsic, dar; am >v«'.nii;vU'n. ^v'>l)n uns als Bcisin'cl snlclior Lidwe') y,Lenard(> uinl ßlandifU';" uii,i(<*lK>tfn wird. dit> t-her als eine Parodie der Fordern riK^u des Aufsatzes dem erste ji Drucke im Deutseh.'n Museum unmittelhar folf^te.
Herders Beinüliuir<ren um das Volkslied hatten nach dem Ossiananfsatze nieht ausgesetzt. Seinen theoretischen l)arlegunii;en eine praktische l"\)lge zu geben, stellte er 1773 aus seinen Saninielschiitzeii ein P>ändchen „Alte Volkslieder. Englisch und Dmitsch" zusammen, das, nach mancherlei widrigen und verstinimenden Erfalirungen aus der Druckerei zurückgezogen, schliesslich wieder zu dem blossen Materiale gesehlagen wui'dc, aus dem die be- rühmte Sanuiilung von 1778/70 ei-vvuehs-). In mehrfacher Hinsicht sticht diese erste Sammlung von der späteren ab: durch eine — obwohl lockere — ethnographische An- ordnung, die später in eine ästhetiscbe verwandelt wurde ^), durch Beifügung von Originaltexten; dann durch ausge- dehntere, bedeutsamere und ungleich frischer geschriebene Vorreden der vier Bücher, von denen die des ersten, dritten und vierten später zu dem Aufsatz „von Ähnlich- lichkeit der mittleren englischen und deutschen Dicht- kunst" zusammengeschweisst wurden; fernör durch aus- gedehntere Verwerthung Shakespeares, dem das ganze zweite P.uch, neben l^iedern auch ganze Scencn bringend, gcwidnu't war^j; endlich aber auch durch den Charakter der mitgeteilten Übersetzungen. Zwar die Nachbildungen der kunstmässigen Stücke^') linden sich hier schon fast
') So meinte es l^ürger: an Roie, 15. Aj^iil 1770, Strodt- üiann ],21t7.
-) ("bor diese Vorg-än^re ausfiihrlifh Ilavm J,Gi)0.
•') Den Ciründeu dieser Uniwanilliiii^' it^oht .Suj)lian nach, Zs. f. deutsche l'tiUologie 8, 45.^.
■*) (her alle diese Punkte ausführlich llaym l,(t!)o.
•'^'j l)io von Redlich, Werlce 'Jf), 24 11'. u. 75 11'. aiig'efiihrlen, welche sich alle leiclil als solche zu erkcuiieu "cheu.
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genau so, wio sie in die spätere Saminlunjj ein^'ingen; bei den eigentlichen Volksliedern aber geht Herder 1773 erheblich weiter in der genauen Nachbildung all des Altortümlichcn , Eckigen und Rauben der Sprache, des mündlich -improvisatorischen Vortrags, der Unebenheiten und Kühnheiten des Metrums*). Dass dies nicht unwill- kürliche Befangenheit durch das Original, soudern be- wusßte Absicht war, zeigen deutlich noch frühere uV»ür bereits freiere und glattere Übertragungen der gleichen StüQke im Ossianaufsatze oder in den Briefen an Caroline, sowie beim „Edward" und bei „Wilhelms Geist" der aus- drückliche Trumpf Herders: wer es „silbengezählter" wolle, möge die Blätter von deutscher Art und Kunst einsehen. Mit freudiger Genugthuung bemerkt er überdies zu letzterer Ballade: „Fast Wort für Wort nach dem Original", wäh- rend er sich bei einem Kunst Hede wie „To Althea from Prison" gerade der Freiheit seiner Bearbeitung rühmt: „der zu gezierten Art dieses Verfassers hat man mit Fleiss nur frei folgen wollen, eigentliches Volkslied ist's tiberdem nicht." 2) Nicht um Treue unter allen Umständeu war es also Herder 1773 zu thun, sondern um das, was er „den Aerugo" nennt, der sich nur bei den Volks]iedc^'n findet. Den alten Liedern sollte „ihr heiliger Rosl und Moder bleiben", wie die Vorrede der Sammlung sagt. Der von E. Schmidt durchgeführte Vergleich der Fassnngei) des „Edward"'') liess die der älteren Sammlung als am meisten hierauf bedacht erkennen; hier auch erscheint der in Elisionen schwelgende Vers: „Lass all's da stehn, bis 's sink und fall". Aber die Beobachtung gilt nicht lUr den „Edward" allein, sondern ebenso für „Wilhelms Geist",
') Die „Hchüne Rosemunde" au.s der meist Bänkelsängerlieder enthaltenden .Pepys-Colloction', von Child nicht aufgenommen, reihe ich dennoch hier unter die Volksballaden, weil sie ihnen im Stile nahebleibt und deshalb ihre Übertragung bei Herder die- selben Beobachtungen zulässt, wie die der echten Volksballaden
2) Werke 26, 24.
S) Festgabe für Richard Heinzel, 1898, 8, 31.
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für „Young Waters" '), für die „schöne Rosemunde". Neben diesen aber kommt für den Vergleich nur noch die „Juden- tochter" in Betracht, denn sie ist die einzige in der älteren Sammlung noch übrige wirkliche Volksballade. Diese steht in der That etwas für sich da; Herder hat sie im wesent- lichen so gelassen, wie sie von Anfang war, nur ganz geringe Änderungen, die allerdings zum Teil auch Glät- tungen bedeuten, erscheinen 1778.-) Indessen ist ver- ständlich, dass gerade diese Ballade eine Sonderstellung einnimmt; ihre Wirkung ist so sehr auf den sinnlichen „Mord- und Nachtklang" gestallt, dass glättende Eingriffe sie weit empfindlicher getroffen hätten, als andere Balladen, denen sie zum Teil sogar vorteilhaft waren. Man ver- gleiche nun aus den erstgenannten Balladen „Wilhelms Geist", 14. Str.:
1773: Denu auf und kräht der rothe Hahn Und anf und kräht der Grau'. Ist Zeitl ist Zeit! mein Marg'reth theiir Dass du nun von mir schaust. (S. 74) 8)
1778: Da kräht der Hahn, da schlug die Uhr Da brach der Morgen für! „Ist Zeit, ist Zeit nun, Gretchen Zu scheiden weg von dir." (S. 626)
Nur die ältere Fassung bewahrte den improvisatorisch- mündlichen Eingang des Originals; „Then up and crew . . .". Ähnliche Eingänge, die 1778 beseitigt wurden, in zwei Strophen von „Young Waters":
Str. 7. \71S: Aus denn brach des Königs Wuth
Und ein wüthger Mann war er . . . (S. 120)
1778; Da brach des Königs Eifer aus
Denn eifernd war er sehr ... (S. 380)
') In die erste Sammlung zwar scldienslich nicht aufge- nommen, aber dafür bestimmt: Werke 25,119.
2) Die Varianten Werke 25, 190.
3) In den folgenden Beispielen beziehen sich die Seitenzahlen auf den 25. Bd. der Suphan.schen Ausgabe.
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Str. 5. 177.J: lud donn spiaili eiu [litter8iii;inii Zur Könijjin Hpra<th er
Wor ist der HchiJno Junker dort . . . t^S. 120) 1778: Wer ist denn, spracli ein Rittorsmann, '/.UV Köni^'in spijuh er . . . (S. 380)
])i(» As-;()ii;i(iz ,,;4raii ; schaust" in do.v cliu'vUm Strophe von , Wilhelms Cieisf ist gu/iz voiksmässig: 1778 wird sie durch oinen IJoim ersetzt. So machen auch in den Strophen () und 8 (lfTS''lbcn Bnllade die Assonanzt^n: .Erdenmann: lang' und ,Gewinn : Tiauering' später Reimen Platz. Die Reimfornud ,Hand und Pfand' weicht in derselben achten Strophe später der nicht mehr reimenden, aber geläufigeren ,Woit und Treu'. Tn der 6. Strophe al>er geht mit der ReimiinderungeincOlättuiigdcrKonstruktionHand in Hand:
iTT.'i: . . . Ich bin kein Erdenmanii
Ihid soll ich küssen deinen Rosonmnnd Dein Leben so ist's uieht lang. iS. Ti)
1778: ... so küss ich Tod ihr an. (8. 524)
Auch in Str. 10 der „schönen Rosemunde'* steht eiiie naivere Jvonstruktion der J^"'assung von J773 einer kunst- volleren, mehr buchmässigen Periode in der späteren Fassung gegenüber:
177B: Doch ach das Ciliick, d;is lächelt jetzt, so bald orß^iuunl es .-.icii! (iar bald schwand unsi-rs Königs Lust und 's Fräulein^! Ilulio wich. (S. 14)
177S: Doch ach das (ilück, das oft crgriniml, Wo CS zuvor gelacht, IJeiKiidot bald des Königs Lust Und Höscliens Liebespraclit. uS. 13(5)
Für die metriscjic Glättung aber, welche die Lieder 1778 erfahren, ist namentlich ein Vergleich der beiden Fassungen von „Young VVateis" belehrend, z. B. die Strophen :
1773: Sie nahmen \ ouug Walers, zwangeu ihm in Ketten Fus.<- und Hand 8i6 nahmen den Jüngling, sie zwangen ilin ein wu ijiu kein T.^glicht fam'. (S. 120)
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1778: Sie rissen ihn, sie zwangen ihm In Ketten Fuss nml Hand; iSie rissen ihn, sie zwanjxen ihn Wo ihn kein Tagliclit fand. (S. ;^81)
Oder Str. 'S:
l"!^: . . . und "n Mantel von brennend rothem Gold düi- war ilun Windesdaeh. (S. 120)
1778: . . ein Mantel reich an rothem Gold
war Wind- nnd Wetlersdacli. (S. 379)
Der rliytlmiischenScliwierigkeiten wc<ren scheintHerder die letzte Slroplie dieser Ballade 1778 ganz fallen ge- lassen und durch Wiedei'holung einer früheren ersetzt zu hiihcn. Anch in ., Wilhelms Geist" klingt die Frage: „Ist da noch Rauni zu Haupten Wilhelm?" rhythmisch härter, aber mündlichrr als die sp.ätere: „Ist Raum noch Wilhelm dir zu Haupt".
Speciell zeigt sich die Beseitigung von Elisionen, für welche die oben citierte Edwardstelle den Hauptheleg ab- siebt, in Stellen wie den folgenden: („Schöne Rosemunde", Str. 11):
1773: Sein eigner undankbai-er Sohn, ihm selbst fast würde gleich Dem Vat'r eutgeg'n erhub den Krieg in Frankreichs Königreich. (S. 14j
1778: Des Königs undankbarer Sohn, den er selbst lioch erhölit, Empörte .sich in Krankreicli stolz nach Vaters Majestät; (S. 130)
Oder Str. 8:
I77B: Dass niemand sond'r ein Leitgarns Bund da ka0i nicht ein noch aus. (S. 14)
1778: Dass sonder eines Leitgarns Bund
Niemand kam ein und aus. (S. 136)
Oder „Wilhelms Geist", Stf. 5:
1773: l>cin Hand und Pfand geb ich dir nicht s' wird nimmer dein Gewinn Bis dass du kommst in mein (Jemach
und küss'st mein Mund und Kinn. (S. 73) Palaestra XXIL 2
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1778: l»<'in Wort uml Treu m-h ich (Jir nicht Gehs nimmor wie«ler dir Bis du in nioin« Kamnier kommst Mit LiobeskuHS zu mir. (.S. i)2i)
Fast jede Strophe der Liedci- »Mithält irf(('ii(l oiii Hoi- spiel für die Beseitigung der ]77:} so beliebten Hllisioneii, die ja auch in den Shakespearischeii Prob<'n der Samm- lung masslos wuchern.
Ferner ist der volksmässige Pnrallelismus der Vers- zeilen in der viert- und drittletzten Strophe von „Young Waters" 1773 dem Originale genau nachgebildet:
Oft hab ich geritten durch Stcrlingschloss
bei Wetter und l?egengus.s Doch nimmer ritt ich durch Sterlingwohloss
mit Ketten an Jland und Fuss.
Oft Jiab icli geritten durch Sterlingschloss
bei Wind und Wetter allein Doch nimmer ritt ich durch Sb'rlingschloss
um nimmer zu kehren heim. (S. 120)
1778 aber ist dieser Parallelismus beseitigt, sogar um den Preis eines leeren Flickverses:
Oft ritt ich ein in Sterlingschloss
bei Wetter und bei Wind Doch nie lialt ich an Hand und Fuss
was diese Ketten sind.
Oft ritt ich ein in Sterlingschloss
bei Wetter und bei Sturm Doch nimmer nimmer fand ich mich
im finstem tiefen Turm. (S. 881)
Man wird hier der Fassung a'oii 1773 den Vorzug geben dürfen.
Eine besondere Vorliebe zeigt die Sammlung von 1773 auch für „andringliche" Verdoppelungen :
Wilhelms Geist, vorletzte Str.:
1773: . . . verschwand er in Pin'n Nebel hin und liess sie all' allein (S. 74) später: . . . und liess sie- stehn allein; (S. 526)
— 19 — Rosemunde, Str. 20:
I77»i: Dor oft denn, oft mit KötiigHarm
umfasst', umarmte sio (S. 16 unten) spüti-r: Der oft denn seinen Künigsarm
voll Liebe schlang um sie; (S. 198)
ebenda Str. 39;
177S: Bat tief ho lief gebeugt llir ab
was sie ihr I^eids begunt ... (S. 18) später: Rat tiefgebeugt ihr alles ab (S. 141)
ebenda Str. 40:
1773: Erbarm rief sie, erbarme dich . . . später: Erbarm dich, rief das holde Kind ... (S. 18 u. 141)
So zeijrt sich dieselbe Tendenz der Glättuug in einer ganzen Reihe stilistischer Erscheinungen.
Das Gesagte gilt zunächst nur für die Übertragungen aus den „Reliques". Es ist gar nicht zu erwarten, dass dieselbe Beobachtung auch sofort bei den Übersetzungen aus anderen Sprachen — deren die ältere Sammlung übrigens nur sehr wenige aufnahm — zutreffen werde. Aus den wenigen Stücken, die von anderen entlegeneren Nationalitäten Herdern vorlagen, trat ihre besondere Manier längst nicht so eindringlich und zur Nachahmung reizend hervo", als aus der Fülle der englischen Lieder. Ihre Übertragung war in höherem Maasse ein freies Schaffen, Bei dem lappländischen Sehnsuch tsliede, das in vier Fas- sungen vorliegt'), sehen wir jede spätere Fassung der vorangehenden überlegen, während bei den englischen Liedern der Vorzug bald der früheren, bald der späteren Form gebührt. Es geht hier wie bei einer selbständigen Dichtung, die der Dichter lang herumgu tragen hat und die immer mehr ausgereift ist: der anfangs noch sorglos mit kleinen Füllwörtern arbeitende Ausdruck wird immer knapper und straffer und deckt reiner die Empfindung. Auch bei den iitthauischen Dainos, soweit sie in mehreren
>) a) Silb. Buch = Werke 25, 405 Anm.; b) Üssianaufa. =t Werk© 5, 171; c) erste Sammig. = Werke ^5, 93; d) zweite Sammig. = Werke 26,405.
2*
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Fassuiifren vorliegen, war die spätor hcTvortrolendo Be- R(;hriinknn^'^ df'r ^ohüuftcn ücminutiva dos Originals klu^r. Aber die wSpilrlicIikoit dnr aus t'iitlejrcnereu Sprachen UIht- haiipt zum Vfirfrleich stehenden StUcke widerrät, nach durchstehenden Tendenzen hier zu suclien.
Wührend die Veniflentlichunf^ dieser erst<'n Sanindunf( sioh zerschlu«::, steuerte Herder um diesell»' Zeit einifje Obersetzuiif^en anonym zu dem Göttin<rpr Musennhiianache bei'); 1772 „Why so pale" (R. 736) und „You mcaner Beauties" (R. 212): 1773: „The Sweet Neplecf* (R. G71 ) \ind „To Althea Irom Prison" (R. 482): 1774: „Jealousy tyrant of the mind"" (K. 1072) und „Winifreda" (R. 227j. Wir seilen, diese durchweg kunstmässjfjen-) Stücke waren keineswegrs das beste was Herder schon besass, sie tielen nur so nebenbei ab. Ausgiebiger aber maclite er sicli das Herz frei mit seinem im Novemberheft 1777 des Deutschen Museums (2, 421) erschienenen Aufsatze: ..Von Älinlichkeit der mittleren englischen und deutschen Dichtkunst nebst verschiedenem was daraus folgt", in den er ja die Vor- reden zum ersten, dritten und vierten Buche der älteren Sammlung zusammengezogen hatte, njit dem neuen Titel nur sehr unvollkommen die Fülle des Inhaltes umschreibend. In der Hauptsache galt dieser nach wie vor der Volks- poesie. Hier zieht Herder die Maschen weiter als im Ossianaufsatze, Volkssagcn. Märchen. Mythologie ein- begreifend und so ein rechtes Programm für spät«Te romantische Bestrebungen, namentlich der Heidelberger und der Schwaben, entrollend: ja noch weit moderner klingen Fragen wie diese: Wie sind die ]\lärchen entsprungen?
») 1772: S. 13S, ino; 1773: S. 170, 12; 1774: S. 119, 229. Die Chiffren sind sänitli'li sc hon von l'r.siniis aVifgelöst.
'^] Nach ]'ei'cy"s eigener An;:jahe i.-^t : ,^Vhy so pale' (R. 736) von John Suckling; „The Sweet Necrlecf (H. G71) von Hcn Jonson: „To Althea froni Pri.soii" (R. 4iS2) »/on Hirhanl Lovelaee; irgend eine Anlehnung an den Volksslil i.sl nicht vorlianden. Anch „Von meaner Beauties" (R. 212) kennzeicliuet sich auf den ersten Blick als Kunsldichtnng. eben.so ..Jealonsy, tyrant of the inind" und -Winifreda".
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Wie haben sie sich verbreitet, wie anders ^restaUet? welche antiken Motive hat das Mittelalter benützt? „Dem Ganj<e der Verwandliiniren nachzuspüren wäre allein so lehr- reich''.') Stärker als in den Andeutungen des Ossian- aufsatzes wird auch der anthropoloffische Gesichtspunkt hervorgekehrt: Volkslieder, Märchen u. s. w. ,.!j:anze, treue Natur<!:eschichte der Völker in eiiren<Mi Denkmalen", und der geschichtsphilosophische: Volkslieder ., Abdrücke der Seele die Zeiten hinunter'.'^) Alle diese Anrejjfuni^en sind patriotisch accentuirt; Hauptzweck des Aufsatzes ist, in den Deutschen die Eifersucht zu schüren, dass sie für ihr Mittelalter und ihre Volkspoesic das Gleiche thäten, was England getlian, und wahre Notschreie nach einer deutschen Volksliedersanunlung ertönen hier. Gekürzt und vor allem im Ausdruck geglättet war (Wo Umarbeitung gegenüber der Urgestalt; ab(T das .Jugendfeuer spottete doch der Dämpfer. Von dieser Wärme entfernen sich leider weit die müden und verstimmten Beigaben zu Herders Haupt- sammlung, die nun in zwei Bänden 1778 und 1779 er- schien: ja es berührt wehmütig, den gehetzten Mann bis an Verleugnungen seiner Jugendideale streifen zu sehen, in Sätzen wie: „Der Sammler dieser Lieder hat nie weder Müsse noch Beruf gehabt, ein deutscher Percy zu wer- den"-^l; oder, auf Nicolai anspielend: „Wenn man nicht Koth und Unkraut zusanuncntragen will, so ist es schlimm und arm ein deutscher Percy zu werden". Aber durch die t'bertragungen selbst wurde diese allausspreohende Sammlung dennoch zu dem centralen Werk aller Be-
') Werke 25, (in f.; 9,525. In dfr zweiten (iesUlt des Auf- satzes treten diese Aurejrungon, wie manche andere, etwas ab- geschwächt auf.
-) Werke 9,580.
^) Die Herau.s(?ober der Cottaischen Ausgrabe von Herders Werken konnten gar nichts Unglücklicheres thnn, als das unmxitige Nachwort des Bündchens von 1778 zum Vorworte ihrer vcrändeHon Ausgabe der Volkslieder zu machen, so dass, wer die „Vulg&ta" Jfufschlägt, den citierten Satz als erstes zu lesen bekommt.
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mnhnn}/on um das Vfdkslird vor dem „Wundcrhorn". Was dio Auswahl der <'r)trlisclipn SKlrkc antrt-lit, so lief zwar hier wio in den anderen Teilern der Sammlurifr norli viel Kunfttpoesie mit; das Entsclieidendc war aher doch, dass die Volksbalhiden ersten Ran^'es: „Edward", ..Patrik Bpence" und .,Olievv-Chase'\ das Beste d<T (ranzen l'ercy- schen Saninilunj^, mit siclierem Instinkte lierausjrctrriffen wurden.') Und trotz jener Rllckzü^f* in den Vorreden verliess Herdern das Interesse am \'oiksliede auch fortan nicht. In seinem Hauptwerke, den „Ideen'', feiert wiederum der Anthropolojjre die Volkslieder, unter Hijiweis auf die eigene Sammlunji;, als „einen wahren Commentar der Denk- und Empfindun^'sweise aus dem eigenen fröhlichen Munde der Völker". 2) Als ihn 1797 dius Problem der Metem- psyrhose interessiert, versäumt er nicht, die Lieder pri- tnitiver Völker darüber zu befragen'); als er spiiter den Volkscharakter der Preussen in den „Gemälden aus der preuösischen Geschichte" analysirt, gedenkt er auch ihrer Lieder."*) Ein Liedfhen aus Paul von der Aelst, „Hätt ich sieben Wünsch" in meiner Gewalt", das er schon 1773 in der Vorrede zum dritten Buch der ersten Sammlung erwähnt hatte, ahmt er 1800 in Schillers Musenalmanach freier nach."') Vor allem aber arbeitet in seinem stets be- wegten Geiste der Gedanke einer .Palingenesie' seiner Volkslieder. Er und Caroline setzen ihre Sammelthätig- keit fort**!, und ISu'i wirft er die Grundlinien eines neuen
') Für allos Nähere übor die Sammlunpr sei auf Haym 2,90 verwiesen.
2) Weike 13,329 vgl. auch S. 327 und, aus dem bei Suphan noch fehlenden vierten Teile, S. V.) der Originalau.sgabe (Riga und Leipzig 1791).
3) Zfrj^treute Blätter 6. 191 ^- Werke 16, 362 f. Das dort an- gezogene Kamtschadalische Lied auch im 30. Stücke des Journals von Tiofurt: Schriften der Goethe-0©.«5p]J.sohaf( 7, 307. Vgl. noch "Werke 16, 323 f.
♦) Adra.^tea 3,106 = Wery.e 23, besonders S. 466 f.
'•>) S. 199, Chiffre E: vgl Werke 29,184.
•') Sie notiert z. B. 17Sö die uiadegassischen (richtiger: psendo-
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Planes aufs Papier, ^vonach die Sammlung .,v^'rmelirt, nach Läiiilern, Zeiten, Sprachen, Nationen geordnet und .aus ihnen erklärt, als eine lebendige Stimme der VfUker ja der Menschheit selbst"' neu erstehen sollte. Diesen zu dem einst verlassenen Principe ethnographischer Anord- nung zurücklenkenden Ausblick gab er in dem Adrastea- Aufsatze „Volksgesanir"' '). zu dem der bereits vom Tode Gezeichnete noch einmal die Feder angesetzt hatte: mit der Ruhe des Alters schreibend, auch etwas \\illkürlich Einzelheiten herausirreifend und das Ganze trübend durch gehässige Polemik gegen Gedichte wie Goethes ,. Bajadere'', al>er loch die meisten früher vertretenen Gesichtspunkte noch einmal streifend, und eiü'entümlich neu in der Be- tonung des erzieherischen Elementes der Volkslieder. Diesen Punkt hatte Herder bisher nur ganz beiläutig — so im Vorwort zu der ersten ungedruckten Sammlung — bedacht. Er traut eine veredelnde Wirkung dem Volks- liede zu. wie es ist. und namentlich soweit es aus der alten starken Zeit stamme; wir wissen, dass andere, voran Voss, ein moralisch wirksames ^'olkslied erst schaffen wollten. Beide beweisen jedenfalls, wie sehr der moralische (Gesichtspunkt jener Zeit am Herzen lag: höchst drastisch tritt das auch hervor aus einem Vortrage „Über den Wert der Volkslieder'', den ein Dr. Hoc he am 14. Mära 1798 in der litterarisclien Geseilschaft zu Halberstadt hielt und der bald darauf gedruckt wurde.-) Ausgehend von der richtigen Erwägung, dass nicht abstrakte Sätze sondern nur konkrete Bilder, sinnUche Eindrücke, über das Volks- gemüt Macht hätten, meint der Verfasser in dem phantasie- anregeiiden und sangbaren Volksliede das Mittel gefunden zu haben, schlechterdings alle menschlichen und bürger-
madegassi.scheü. vgl. D. Jacoby. Zs. f. deutsches Altertum 24,236) Lieder und ISOl f. Fragmente von bairischen; er das plattdeutsche „Hänsken set im Sohorsten"; Redlich in den Werken 25, IX u. fi89.
») Werke 24,263.
2^ In den „Jahrbüchern der preu.^sischen Monarchie unter der Regierung Friedrich Wilhelms 111", 1799 II. 3.
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lirlif'i) Tupondon dein Volko oinzusiripTn, besondor« d''n Piilnotisniiis. der sehr aurdriiit^lifli in dem iranzcn Vor- tnii.'"'' liiriiit. SolclicWuiuh ilichkcitCM. die auch an Ziicliarias Beckers „Mildlieiiuisches LicderlMiili" ^'cinalinon, la^rcn Herder iiatUrlieli fern. — Die Grundf/i-danken seines Auf- satzes „Volks^esan^'' finden wir ausserdem poetiscli um- schrieben in der „Zueignunj;'' der Volkslieder an die beiden Ajirastccn "Waiirheit und Gereclitifrkeit: Distichen, die der- selben letzten Zeit anjjfehtiren.*) So sejien Avir von der Jugendzeit bis in die letzten Tage hinein das Interesse am Volkslied Herder begleiten. Nur bei (roethe ist Ähn- liches zu beobachten.
Von Herder aus hatte sich in der Zeit der Blätter von deutscher Art und Kunst die Liebe zum Volksliede in die Kreise dex jungen rheinischen Genies übertragen. Aber sie haftet bei ihnen nicht an den Reliques, sondern nimmt alsbald die Richtung auf das Heimische. Wenn auch Goethe im Herbst 1771 zu Herder sich über den Unterschied des Tones in den Reliques und im Ossian aussprach"), auch späterhin noch gelegentlich eigene Ge- dichte an Stücke der Reliques anlehnte, z. B. „Rckstlose Liebe" an das schon im Ossianaufsatze angezogene „Love Avill find out the way (R. 730), und noch 181G seine Ballade „Die Kinder hören es gerne" an .,The beggars daughter of Bednall Green" (R. 364), wenn auch Lenz Hamilton's Balladen nachahm ung „Braes of Yarrow (R. 506) übersetzte'), so wehte doch die Luft am Rheine selbst zu
») Werke 25,045. — llayni (2,98 Anm.) und Kfd lieh (25,090) haben Snjxhan's frühere Vermutung-, diese Zueisrnung- .-ei schon für die Sammlung' von 1778/79 bestimmt gewesen, witlerlegt. Die Angabe a'oti Horders Sohn, .sie solle einem gefilanten Aufsatze „tn^or das deulsrho Volkslied und den Charakter der Deutschen" vorausgohen, wurde schon von S'uphan (Zs. f. deutsche Philologie 3,462) zujüokgowiesen.
2) Weim. Ausg-. IV 2, 3.
•J) Gedichte ed. Weinhold, S. 162: vgl. Anm. S. 291. Das Protokoll der Salzmannschen Ijitterariscben Ge.sellschaft nennt als Quelle, \viö Weinhold angieht. ..Dodslcy's Sammlung"; damit dürften
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licderreicli, um einoni T'^inspinru'n in dio frcnidf BalliuliMi- \\v[{ irüiLstiji" zu sein.
Dagegen warben liic ßlättor von cknitschtM- Ai-t iiiul Kunst den Keliques einen neuen Liebhaber an August Friedrich Ursinus. dessen „Balladen und Lieder alt- endischer und altscliottiselier Dichtart", eine Antwort auf Kicolai's Spott nacli des Herausirebers Meinuni: ^). ein Jahr vor dem ersten Bande der Herderschen Sammluiiii- erscliienen, an Bedeutuna weit zurückstehend. Trsinus war ein Berliner, aus einer Beamtenfamilie gebürtig- und selbst auf die Laufbahn eines Staa'4)eamten bedacht, als Liebhaber aber namentlicli während seiner Universitäts- zeit zu Halle littcrarischen Interessen zugewandt und in eigenen, teils auf Bardenton gestimmten, teils Berliner Lokal-Gedichten sich versuchend-). Die wcMiigen Nach- richten, die wir von dem jungen Ursinus im Beginne seiner zwanziger Jahre besitzen, — dreiundzwanzig^jährig Hess er die Sammlung ausgehen — deuten gleichmässig auf einen empfänglichen, liebenswürdigen Dilettanten, dessen menschliches Wesen und litterarische Neigungen wohl eine gewisse Salonfärbung aufwiesen — wie er z. B. nach da- maliger schöngeistiger i\lode Stammbucheintragungen be- rühmter Männer sammelte'') — ohne sich indessen in diesem Elemente zu erschöpfen. „Eine ganz gute Art
die Relique.s gemeint sein, die auch Herder im Ossiananfsatzo nach dem Verleger eitiert, schwerlich die seltenere Sanimhing' Dodsley's „Colleetion of Poems in six voliimes hy .several hands"* London 1752. — Lenzen« Vo7la<ie bezeiohnote schon Peicy's Vor- bemerkung al.« eine von William ILimilton in hewusstem An.schhxsse an den Stil der Volksballade gedichtete Nachahmung.
') Vgl. den Brief an Herder T:)ei Haym 2,89 Anm.
2) Gott. Mus.-Alm. 1770 S. 183; Hamburger Mus.-Alm. i77(.) S. 208. Gedike und Biestcrs Berlinische Monatsschrift 1884 4, 28f»; 1790 16,184; 1794 24,77. Vgl. Holstein in Honigs Archiv 59,1, bes. S. 7 u. 13; von Holstein auch der kurze Artikel in der A. U. B. 39, 365.
•^) Dies Stammhucli in Auswalil gedruckt durcli Holstein a a, 0.
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von Monsclieri", sclirriM P.icstor r\n Biir<ror '). ^er hat wirklicli ein sehr wrirnu's Her/ und Kntliiisiasinus für alles, was er Mir ,^ut und s<-litin liiilt, hin und wieder nian<:('lts ihm wolil an Kenntnissen . . . rv hat tilr mich auch etwas zu sehr den Ton der feinim Welt." Älinlieh äussert sich Gökin^-'k ■■^;. Nur jn:;endlie]i schnellfertiner Enthusiasmus kunntc in der That an eine Sannnlung denken, wo erst drei Ühersetzun^en im Pulte lagen: denn nur die drei Stücke .Alcanzor and Zaida', ,Queen F'^lianors Confession' und .The danisel deploring" hat Ursinus seihst beigesteuert, alles andere wusste er sich anderswoher zu herschaffen: in der Reiicl li(\ss er siel» von den Autoren bereits einz(;ln in Zeitschriften und Almanachen erschie- nener Ühersetzuniren einfach die Erlaubnis zum Wieder- abdrucke ireben. „Was sich doch manclic Leute die Autorschaft leicht machen können", spottete Bürger \). Die Hauptmasse der Lieder bezog er auf diese Weise von Esclienburg. der 9 von den 27 mitgeteilten Nummern beisteuerte. Davon waren zwei (.Lord Thomas and fair Ellinor' und .King Leir') eigens für diese Sammlung über- setzt und machen mit den erwähnten drei eigenen Ul)er- tragungen von Ursinus und einer von Laur (The Sailors Rant) die G einzigen neuen Nummern der Samndung aus. Eschenburgs Name würde, wenn diese bunte Compilation überhaupt unter piTSönlicher Flagge segeln sollte, mit dem meisten Rechte auf dem Titel stehen; denn er über- trug ausserdem die einleitenden .Vbhandlungen. Herder gab 7 durchweg schon früher gedruckte Lieder — der noch ungedruckte ,i*atrik Spense' kam zu späf»): Crome lieferte zwei, Campe, Claudius, Löwen, Merck (anonym) und Miller je ein IJed: während l^rsinus" Fleiss nur noch in einigen Partien der Anmerkungen zum Ausdruck kam. Die Sammlung stellt sich äussorlich dar als ein hand-
») StTodtmann 2, 133.
-) SlrotUiriann 1,254.
3) Strodtniatin 2,87.
■») Ursinus an Men-k, l?i iofi* ISR.". S. 114.
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lieber Duodoz-Band von ansehnlicher Stärke (354 S.), ge- schmeckt mit einem Chodowieckisclien Titelkupfer, das, j^anz ähnlich dem vor Bürgers Gedicliten, einen alten Sänger inmitten der lauschenden Volksmenge auf dem Markte darstellt und an sieh interessiert. Denn sieht man. wie fremd dieser Meister des zeitgenössischen Kostüms hier dem des Mittelalters gegenübersteht, so wird recht anschaulich, welch ein farbloser Schemen das Mittelalter für die durchschnittliche Vorstellung unseres 18. Jahr- hunderts noch war. Gewarnt vielleicht durch dieses Bild, bat sich Bürger einen „simpel aber modern gekleideten Sänger" aus, der ihn dann freilich auch enttäuschte.') In England, wo dank Vennittlern wie Sliakespeare und Spenser, Bild und Emptinden der alten Zeiten nie in völlige Ver- gessenheit gesunken waren, hatten die Illustratoren der Percyschen Samndung das romantisch -feudale Element ganz anders herauszubringen gewusst-). Dem Titel lässt Ursinus zwei Citate aus dem Spectator, die schon Hage- dorn kannte''), als Zeugnisse über Volkslieder folgen, und reiht ihnen als drittes das berühmte Montaigneschc Lob der Volkspoesie an. Zwei Abhandlungen „Über die alten englischen Minstrels'* und „Über die Liederpoesie" gehen ausserdem den Texten voraus; diese selbst stellen Original und Übersetzung stets nebeneinander, was ebensowohl einem wirklichen Ihteresse des Publikums als dem Stoff- mangel des Herausgebers diente; Anmerkungen schliessen das Ganze.
Der erste einleitende Aufsatz ist identisch mit Porcy's „Essay on tho ancicnt Minstrels in England", der mit anderen Prosaaufsätzen des gelehrten Bischofs den Reliques beigegeben war uud hier von Eschenburg wörtlich, unter alleiniger Verkürzung der .\nmerkungen, nach der Passung der zweiten Auflage (1767) übertragen wurde. Quelle
») StTodtmann 2, 277 f.
2) Ein nebst den Kupfern trefflich orlialtenes Exempljvr der 2. Auflage der Reliqiies (1767) besitzt die Kgl. Bibliothek in Berlin. ^) Vorrede der .,Üdpn luul Lieder", 1747 S. XVT.
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luid llher8(^tzer sind, oi'stcirc in diu Antiicrkunj^en am Scliliisso, ^o^rlilFlnt. Hier wunl(; also (lein wciUstcMi dfut- sclieii Leserkreise jenes ronuintische Id'-alhild des l'alirenden Minstrel nahe <cPl>raclit, das Prrcy mit ni<-lir Eritlmsiasmus als Kritik hauptsächlich nach Cahulosen mittelalterlichen (■hronisU'n, wie Cleulfry üT Monmoiitli und Wilhani of Malnicshury, entworfen hatte, und das zur Zeit dieser deutschen Verpflanzung in Enj^huid schon durch die kritischeren Untersuchungen Thomas Warton"s (History of En^Mish Poetry from the IHh to tlie 16^1» Century. 1775) korn;riert worden war'), — Die andere Ahhandlung „Üher die Li(Mleri)0(;sie" ist, laut einer Anmerkunir. von Eschen- hurg' übertragen aus John Aikins ,,Essays on Son^- Writing^ with a Collection of such Englisii Songs as are most eminent for poetical merit". deren hier benutzte zweite Auflaue 1774 zu ^^'arrillg•ton erschienen war. JJCi Übersetzer nahm einige Kürzungen vor. die sich vor- nehmlich auf Beispiele aus der englischen Litteratur be- ziehen, fügte die wenigen Fussnoten hinzu, verfuhr im übrigen aber wörtlich. Dieses Aikinsche Buch hat mit dem A^olksliede nichts zu schaffen; nur ein paar freie Na<'hahmungen d(u* Volksballade von Percy, Mallet, Gold- smith, beg(5gnen darin. Es ist eine Anthologie von Kunst- gedicliten für einen verfeinerten aristokratisclien Geschmack, fUr Salon und Damenwelt-), mit eingelloclitenen, elegant
') Der wissensfliafllii'lie Wort der I'ercysclien Srhildernng kann lieut an folgenden modernen Rfhandlunj^on d^r Themas ge- messen werden: Ten Brink „Gesch. der englischen Liifleratur" 2. Bd., ed. Brandt, Strassburj? 1893, S. 194 fl'. und die übrigen im Verzeichuis ciliorten Stellen; ferner William Molherwell .,Minstrelsy, aiu'ient and modern", New edilion, J'aisley 1S73, Einleitung S. XXVIIl 11 Vgl., auch W. Hertz' „SpiMlmann.sbiich""^ l!X>n. die Einleitung und die rt-ichon Lilteraturangaben. Um die Berichfigimg der populären Vorstellung hat sich namentlich Scott Verdienste erworben.
") S. X der Einl. wird ausdrücklich betont, die Auswahl habe sich gehütet „from olfending that charmiug delicacj of the sex, \vhi<'li evorv m.ui raust admire".
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geschrieboiKMi, al»er nicht (»i-i^jinnlleii uiul ticIV-icn Essays über lyrisclie Diclitkuiist. „Eine Susporto über jeilo be- liebige Tbiii"" nannte Merck diese Aufsätze mit ihrer seichten All^ienieinheit'j; was sie j^'orade vor einer \'olks- liedersamnilun^i" sollen, ist am wenitrsten einzusehen. Denn nachdem Aikin zu Be<2:inn seines zweiten Abschnittes „Über die BallaihMi und Hirteulieder" (S. LIX bei Ursinus) die Volksballade mit einii^^en teils schiefen, teils ganz ober- lllichlichen Benierkunizen irestreift hat, lehnt er mit einem von EschenburiT untcrdriicktcMi Satze am Ende des ersten Alinea ausdrücklich al). näher aul diese Gruppe der Balladendichtun<i- einzu^yehen: „As it is not my desiiin to collect pieces of this [sc. po])ularj sort, which is already done in a very elegant nianner by Dr. Percy in bis Rel. of A. E. F., I shall proceed to consider tlie ballad more as an artificial than a natural species of coniposition"; (S. 27 f. des Originals). Und so konuiit denn im Folii'enden wirklich nur di(! englische Kunstballade zur Erörterung. Die einzige andere, der erwähnten sclion voi-anstehende Stelle in diesen Essa^'S, in der das Volkslied noch flüchtig charakterisiert wird, schielt stark nach der Schäferdichtung hinüber. In dieser sah Aikin noch das Volkslied des Südens und in Theocrit einen ursprünglichen Naturdichter. (S. XLII und LXIV bei Ursinus). Nur mit Vorsicht dürfe der im Wesentlichen auf die z\ntike als Vorbild ange- wiesene m(.>derne Dichter vom \'olkc lernen; es war grosse Bescheidenheit von Percy, eigene Gedichte unter seine „alten Überbleibsel" zustellen (S. LXIl f. u. LXVJII bei Ursinus u. S^ 41 Anm. des Originals). Hinter all diesen Ausführungen sieht man eine durchaus klassicistisch ge- richtete Persönlichkeit stehen. Wii- werden auch ein be- sonders liebendes Verweilen bei der Naivetät des Volks- liedes nicht von einem Manne erwarten, der eine begojinene
') In seiner Kocensioii vtm l,'rsimis: Wiolniuls „Teutsolier Merkur" 1777 *2, 200. Merck nahm irrtümlich :in, d.is.s Ivschonbiirt!: selbst der Verfasser sei, was diosen 7.\\ einer Erkläniiif^ in der- selben Zeitschrift, 1777 3, 179 veranlasste.
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Übersetzung von Plinius' Naturalis Historia abbrach, als „too (lis^'usted by bis errors anfl old woni^n's fables." ') Selbst wer einzelnes Gesunde in Feinen AusflUirungen, wie die starke Betonung; der Sang))arkeit bei der De- finition des Liedes (S. XLVIIT bei l'rsinus) anerkennt, wird es Uberllüssig und ungeschickt finden, dass diesem Manne nach Herdör in Deutschland noch das Wort ge- }^eben wurde; auch die konstruktive Methode seiner Auf- sätze sticht ungünsti}^'' gegen Herders frische Beobachtung ab. — Zu den Beilagen der Sammlung gehören endlich die Anmerkungen am Schluss. In diesen steckt ein Stück eigener Arbeit von Ursinus, aber sie sind keineswegs ganz originell. Es sind vielmehr im Wesentlichen die bibliographischen Nachweise, die dem Herausgeber selbst zufallen, und die neben stetem Nachweis der Originale dankenswert sind durch Angabe moderner Kompo.sitionen der Lieder oder anderweitiger Übersetzungen (S. 320 auch eine französische) und verwandter Balladen. In den eigent- lich litterarhistorischen Teilen aber, also in den Unter- suchungen über das Verhältnis einzelner Balladen zu Shakespeare oder über die historischen Grundlagen der Lieder, fussen sie auf Percy und den Anmerkungen Eschenburgs zu seinem deutschen Shakespeare; gelegent- liche ästhetische Bemerkungen entlehnen sie vornehmlich aus Herders Ossianaufsatze. Allenthalben übrigens nennen sie aufrichtig ihre Quellen. Sein Bestes thut Ursinus hier mit der Anregung (S. 306): Gleichwie Maffei unter Lessings Beifall den Dramatikern des Hyginus Fabeln empfohlen habe, so möchte er ihnen „die alten Balladen und Legenden" empfehlen, in denen bisweilen die Gruppen zu ganzen Scenen schon gestellt seien. Wir denken dabei an den Schiuss des „Clavigo". auch etwa an Kleisfs „Käthchen*' niit seinen Beziehungen zu „Child Waters". Der Kern der Sammlung giebt in zwei Gruppen erst
1) cf. die Charakteristik Aikin's im ,Dictionary of National Biography' 1, 185.
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die Balladen, dann die Lieder; jt;ne mit einem bekannten Motto der Mrs. Kowe, diese mit einem Klopstockischcn Vorspruche ein'j^eleitot. Von dieser Selieidunjz ab^^esehen ist eine planvolle Gruppierung, etwa nach künstlenschen Gesichtspunkten, nur insofern zu bemerken, als durch den „Edward" — in Herders Übersetzunf,' — für einen kraft- vollen Einsatz, und durch Claudius' Lied ,Mein vSinn ist mir ein Königreich', das in der ausgesprochenen Absicht einen Schluss zu gewinnen, noch den Anmerkungen an- gehängt wird, für einen hellen sanften Ausklang gesorgt wird. Nur gelegentlich stehen innerhalb des so gebildeten Rahmens noch motiv- oder stinunungsverwandte Lieder bei einander; der ausgedehnte „Hermit of Warkworth" trat natürlich an den Schluss des Balladenteiles. Geschöpft sind die mitgeteilten Stücke überwiegend aus den Reliques, daneben einige aus Ramsays ,Tea-table-Miscellany'; zwei Ossianstücke finden wir und aus Shakespeare das Liedchen „Come away, death" (Was ihr wollt 2, 4) auf das Herders Ossianaufsatz hingewiesen hatte; endlich die von Percy gedichtete grössere poetische Erzählung „The Hermit of Warkworth". Über alle Quellen geben die Anmerkungen Rechenschaft. Unter 27 Nummern sind nur 4 wirkliche Volksbaliaden: Edward, Queen Elianor's Confession, Lord Thomas and fair Ellinor, Sweet William's Ghost'). Kein Wunder, dass da Boie an Bürger schrieb: „Für mich ist nicht viel darin und für dich gewiss noch weniger"-). Die ganze Auswahl erfolgte nicht nach rein künstlerischen Gesichtspunkten; vielmehr sollten die Lieder von Lear und dem Juden von Venedig, an sich wertlose Bänkelsänger- Reimereien, einem auf Shakespeare hinüberblickenden Forschungs- Dilettautisnms di(men. Di(! Aufnahme des letzteren Liedes stellt aber hinsichtlich der deutschen Übersetzung, in der es gegeben wurde, noch einen weit ärgeren Missgriff des Herausg(;bcrs dar; Eschenburg
1) Child 1,167; 8,257; 2,179; 2,226.
2) Strodtmann 2,85.
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nämlich hatte sie lediglich um dos Stoffes willen für den Commontiir seines deutschen Shakespeare gemaclit, ohne alle künstlerischen Ansprüche, mit Auigahe des Reimes; und sie durfte ans dei' Verborgenheit dieser Stelle, für di(^ sie geiiü^'-te, nie in eine Sammlung übergehen; mit ein paai' kleinen Besserungen war ihr nieiit auf'/uhelf<'n. Was sonst die künstlerische (Qualität der mitgeteilton lUur- setzung(Ui angeht, so ist — wenn wir v<»n Iferder hier ganz absehen — das Höchste, was Eschenburg, Ursinus und mit wenigen Ausnahmen aucli die übrigen Übersetzer err'Mchen, eine anstossfreie Lesliai'koit, ein einigermasscn leichter Fluss des Vortrags. Eschenburg zeigt sich dabei — den erwähnten Juden von Venedig abgerechnet — etwas gewandter als Ursinus, der mehr mit Vers- und Reimnöten zu kämpfen hat (Str. 1 u. 2 von Alcanzor und Zaida) und dessen Ausdruck nicht einmal sicher das Parodischo vermeidet (Str. :3 und die Schlusstrophe des- selben Liedes). Von einer Übertragung im höheren uml herderischen Sinne, die neben dem Inhalte auch auf Wiedergabe der sinnlichen Wirkungen des Originals bedacht wilre, einer Beibehaltung der volksmässigen Eigeniieiteii in Rhythmus und Syntax, einer Nach- bildung des Eormelhafteji u. s. w. ist aber bei beiden nicht die Rede. So kommt es, dass jene Lieder, die hin- sichtlich dieser Elemente die geringeren Anforderungen stellten, die regelmässigen Kunstballaden und die mono- tonen Bänkelsängerlicder noch am ehesten conform wieder' gegeben sind; einige Stücke, „die neuere Empfindung und Schäferblümchen atmen", so drückte es Merck aus, seien Eschenburg am besten geglückt. Erhebt sich aber auch hier der Rhythmus einmal zu complicierterer Bewegung, wie in dem Shakespcarischen „Come away, come away, death", so versagt wiederum diese Übersetzerkunst. Ur- sinus selbst meinte freilich, gerade bei einer echten Volks- ballade dem Originale recht nahe gekommen zu sein: seine Anmerkung zu „Queen Klianors ('onfcssion" spricht von einem „altdeutschen Tone", den er anstrebe, und der ihm
— ?,3
geeignet scheine, „das Drollig- Ftüerliclie des Originals'* wiederzugeben. Aber zunächst zeigt einniiil dies«' Be- merkung schon ein arges Verkennen dei- Stimmung des Liedes, und dann sind aucl» die Mittel, mit denen Ursinus auf die beabsichtigte Wirkung hinarbeitet, höchst ärmlich: ein paar ungewöhnlici>e Ausdrücke und Reime, wie ,han : lau', .Magdthum' (das in einer Anmerkung erklärt winl!), ,viel schlimm' sollen das Altdeutsche, und Worte wie , Popanz", , Mondkalb', ,Dauss', ,Hink-ins-Feld' sollen das vermeintliche Drollige herausbringen. Weit entfernt, das8 diese Elemente die Übertragung irgendwie echter machen, kann Ursinus vielmehr von GlUck sagen, dass sie bei ihrer Spärlichkeit nicht st()render wirken. Wie wenig ihm aber überhaupt der Geist des Volksliedes aufgegangen war, orliellt vor allem daraus, dass er die ungemein anschau- liche Schlussstrophe dieser Ballade:
The king lookt over hi.~^ left Shoulder
And a grimme look looked hee; Earl marsh.ill, he sayd, hut for my oathe,
Or hanged thou shouldst hoe
als ,.zu unbedeutend" tilgte, und statt dessen im Sinne der veralteten. Poetik nach einer „ernsten und lehrreichen Wendung" am Schluss ausschaute, die er in folgender un- säglich matt abfallender Strophe glaulite gefunden zu haben:
Nun, .seufzte Heinrich, ich hin Fürst
Und bin der ärm.ste MannI Ilah keine Gattin, keinen Freund
Worauf ich bauen kann!
Man glaubt ein Mägdlein greinen zu hören. Von solchen Missgriffen sind Eschenburg's Übertragungen frei; im Ganzen aber erheben auch sie sich nicht über ein an Farbe und Biegsamkeit armes Mittelmass. Auch L<')won, Campe, und der mehr interessierende Merck, mit je einer Übersetzung vertreten, bleiben in dieser Sphäre. IMorcks hier anonym mitgeteilte') Übei'setzung von „The Lady
•) Die Anonymität wird durch Bothe, der S. 307 ff. seine» Samnihmg diese Übertragung des in^wisc}len ver.storbenen Merck PAl&odtra XXIi. 3
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turpctl iScrving-Man" ist die einzi{<e aus Percy, die von ihi;i an die ÖfTontliclikcit trat. In Hordois Nachlasse aber haben sich, wie Redlicli mitteilt'), noch vier weitere Über- tragungen Mercks aus den Reiiques gefunden: Harpalus, Mariagc of Sir Gawein, Cupid and Cainpaspc. A Hue and Gry after Cupid. Diese Auswahl bevorzugt Kunst- niässigos, ja teilwois sehr Künstliciies-): und anderwärts tadelte doch Merck das Heraussuchen des Modernen aus Percy (s. oboi S. VII). Aber die erhaltenen Stücke er- schöpfen allem Anscheine nach keineswegs die Reihe der von Merck überhaupt bearbeiteten. Bereits am 2. April 1772 meldet er an Nicolai: „Ich verdeutsche beinahe die ganze Sammlung der Reiiques of Ancient English l'oetry"^); am 26. Januar 1778 erwähnt ein Brief ßoies aji Merck einer Samndung von ,, englischen Songs'*, die dieser plane, und der Zusammenhang der Stelle lässt vermuten, dass es sich auch hier vornehmlich um Übertragungen aus den Reiiques handle.^) Der Brief von Ursinus an Merck vom 3. Mai 1777^) spricht von einer Übersetzung von C3iild
w'fedorahdnuki, aiifgodeckt, seiiip Angabe dm-ch den Brief Ursinu.s' an Merck (1835, 8. li;{) bo.'^tiitigt. — Schon vor Ursinus hatlon die „Hambur^ischen Adresstünitoir-Nachrichlen'- 1770, St. 83 die l'ber- Iragung gebracht und inlürulicli „Claudius" darunter ge.selzl; vgl. Ursinus' Anmerkung.
') Werke 25, 8. XVll Anni.
~) Allen vulksmiiösigen Kern, der aber auch in starker Ver- hüllung bei Percy erscheint, haben nur „The Lady turned Serving- ]Vlan" (('hild 2,428. K. 013) und ^Marriage of Sir Gawein" (Child 1,2S8. 1{. 503); llaipaluH (R. 310) bezeichnete Percy .selbst als „An ancient English Pa-sroral"; „Cupid and Canipaspe" (R. 013) i.sl eine anakreünli.>^che Tändelei : „A Hue and Cry" (R. 004) ist, wie schon Tcrc}- angab, von Ren Jonson, und voll von unvolkslümlicher, antiker Mythologie.
'•') Briefe aus beni Freundeskreise von Goethe . . ed. K. Wagner 1847 S. 67.
*) Briefe 3T1 Merck 1S85 S. 40 (wo im Datum duich Druck- fehler „177.*^" steht, während der Brief in die Reihe dei' 73 er Briefe eingeordnet, 'i^tl vgl. auch S. 50.
'•>) Brief;« an Moick 18:^5, ö. 113.
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Waters, also einer echten Volk.sballade'), und noch Clemens Brentano empfing- von dem Sohne Mercks aus des Vaters Xachiass eine Partie ..Lieder, die njeist aus dem Eng- lischen scheinen''.-) All das deutet auf eine intensive Beschäfticruug mit den Reli(|uos.
Eine kleine, aber rühmliche Gruppe von Übertragungen lUeibt bei dem Compilator Ursinus noch übrig und um- fasst je ein Lied von Claudius, Miller, Laur — erstere beiden uns von früher bekannt, das dritte die ganz an- sprechende Wiedergabe eines unschwer greifbaren Kunst- liedes (The Sailors Rant, aus Ramsay ') — und zwei durch die Freiheit der Behandlung für sich stehende Ossian- stUcke des Einbecker Rektors, Philologen und Theologen Ludwig Gottlieb Crome. In dem ersten dieser beiden, „Armyn to Kirnior*' (S. 136), löst Crome die Macpherson'sche Prosa in Verse, die absichtsvollen Asyndeta in einen voll flutenden Strom weicher Rhetorik auf:
Often by the setting moon I see the ghosts of my children. — Half viewless; Ibey walk in moiirnfixl conferenco tugetlier.
Wenn der Mond mein stummer Zeuge Gegen Westen sinkt ins Meer, Kann ich bei dem Schimmer selien Meine Kinder wandern gehen Melancholisch gleiten sie daher —
Hand in Hand sich unterredend Schwebt das blasse Nachtgcsioht . . .
Der Tonfall erinnert bisweilen an Schillers Jugend- lyrik. Höher zu bewerten und weniger rhetorisch ist das
') Es kann auch „Y'oung Waters" gemeint sein, was aber gleichfalls alte Volksballade ist; .siehe Cbild 2, SB u M2.
2) Steig, Arnim u. lirentano S. 179 unten.
^) Rat Laur in Münster übertrug 1778 noch „Tlie Chiirl of Elle"; docVi wurde diese Übersetzung, nachdem ^fip Boic auf Bürgers Urteil hin (Stiodtmaun 2,2-18 u. 2.")2) vom Museum anS';6schlossen hatte, meines WLssens nicht gedruckt.
3'
— M —
zweite OsslanstUck .Oolma' (S. 200). 'j Völlig' nnliofangon übrigens lenkt in der Anmerkung b'rsinns von sulclien Übertragungen aus die AufnuMUsainkeit »los Lesers auf die Goethes im WertJiei', wie er denn ilb* rhaiipt Gutes und Scbleclites mit der gleichen heiteren Liebenswürdig- keit des weltniUnnisciien üiletfanten darl)ietct.
Die Sammlung erfreute sieh im Allgemeinen einer recht beifälligen Aufnahme, was mehr für i\(in Massstab, der vor Herders Volksliedern noch galt, charakterigtisch ist, als für ihren Wert. Selbst Bürger in dem •Mwähnlen Brief an Boie mildert doch seinen Spott durch die Bei- fügung: „Inmittelst hat er manches Mal seine Sachen nicht Übel gemacht", damit ein Urteil Boies wfullieh auf- nehmend. Wenn er ausserdem hinzufügt: „Sonderlich hat mir Eleonorens Beichte gefallen'", so werden wir das für ein recht Bürgerisches L^rteil nehmen: solche verfelUten Derbheiten wie Popanz, Mondkalb u. s. w. lagen auch ihm nur zu nahe. Aus dem Lob Aug. Hei-m. Nieniever's, des späteren Kanzlers der Universität Tfalle-), spricht die persönliche Eingenommenheit des Freundes; bei Justus Moser''), an den sich Ursinus vergeblich um Beiträge ge- wandt hatte, bemerken wir trotz eines im ganzen günstigen Urteils doch das Bestreben, lieber nuf sachliche Er- öi'terungen geschichtlicher Art abzulenken, und Wieland lässt Merck gegenüber d<'utlich durchblieken, dass or von der „Compilation" wenig halte^). Er bittet zugleich Merck, die Recension für den Merkur zu übernehmen: diese schon oben herangezogene Besprechung ist die gehaltvollste, die die Sanunlung erfuhr. Merck wünscht, dass uns die Ein- leitung statt ihrer Gemeinplätze liei)er unterrichtet hätte über „den mannigfaltigen Schnitt und Sitte aller der
0 In Cronie's „Gedicbten- ed. C. D. Ebeling 1795, S. 1.32 auch eine muntere Parodie von ,The Sbei>liord.s Resolution" (R. 637j. '^ Holstein. UerrifTs Archiv 59,24.
«) Verm. Schriften. Berlin u. Stettin ITiW, 2,230 u. 2m. *) Briefe 1838, S. Ü2.
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Stfickc" in den Rdifiiu's, „dio so verschieden sind wie die Klc'idortiatdit jod<'8 JalirliiuideitK von dorn 13. bi« hierher." „Wie vieles wilre iiiclit (il>er {Um epischen Märchengang der ältesten zu sagen . . . lilier die dranuitischen Sprünge, Veränderung der Scene u. s. w., dass sie mit dem Shakc- spcarischen oder älteren Drama so viel Ähnlichkeit haben." Das ist Herderisch gesagt, die Abstufung in den Reliques aber noch entschiedener betont als von Herder. Mercks Urteil über die Übersetzungen selbst ist zwar höflich und vorsichtig gehalten, da Wicland ihn gebeten hatte, aus Rücksicht auf den ihm verbundenen Verleger Himburg „säuberlieh mit dem Knaben Ursinus zu verfahren": aber aueli so sagt es dem Rlnsichtigcn genug. Gelobt wird die Beifügung der Originale. Diese scheint auch im Publikum gefalloi zu haben; 1794 begründet der Heraus- geber einer nui- englischen Auswahl aus Percy, Theophil Miller*), sein Unternehmen damit, dass Ursinus* Sammlung nun vergriffen sei.
Von einem „grossen Hunger nach Volksliedern" liatto "Mercks Rccension am Schluss gesprochen und die Dichter zur KonkiHTenz mit Ursinus aufgerufen, „um auf die be- scheidenste Art von der Welt zu sagen, dass eine Sache sich inmier besser machen lasse." Der Ruf sollte nicht ungehört verhallen. Denn eben jetzt drängen sich die Sammlungen: 1777 Ursinus. der noch eine im Hinblick auf Herder djinn unterlassene Fortsetzung bedachte-), 177R und 1779 Herders „Volkslieder" und schon im folgenden Jahre 1780 wieder eine neue Sammlung: Johann Jacol) Bodmer's „Altcnglische Balladen", denen er 1781 noch ein zweites Bändchen „Altenglische und altschwäbische Balladen" folgen liess.
Der buntscheckigen Mosaik von Ursinus stellt sich die Sammlung Bodmers als ein Buch in einheitlichem persönlichem Unu-iss entgegen. Nicht von einem Jüngling,
') „Ballnds and Songs chiefly taken from Dr. Percy's Rel. of A. E. r."; Halle 1794; Vorrede.
2) Brief au Merck vom :-). Mai 1777, Briefe 1835, S. 113.
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Rondorn von cint^ni //wc'jniidaclilzi^'^.jälin^'cn Urgn-ijs ^\n^ sie aus, den zu dems«dl)on liuchr, das die jun^'o (Jcneralion jotzt auf den Schild (mIioI), zwei l<btMishmg irepflefrte Interessen hint'(ihrt(Mi; (Ims am Mitti'laltcr un<l <las an der enf»lischen Liü.eratur. y\Is das letzte Wrrk in einer Reihe Büdnierseiier Ubertra^un^^cn iuis d<Mn Erj^iisciicn, in df-nen die Übersetzung des verlorenen Paradieses den Hauptplatz einnimmt, erschienen diese altenglischen Balladen.') Den Zusammenhang mit liodmers mittelalterlichen Interessen aber bekunden schon die beigegebenen Proben und Nach- richten von mittelhochdeutschen Dichtungen, darunter einige Episoden aus den Nibelungen und eine aus dem Parcival, in Balladenform.-) Das Ganze wurde dargel)oten n)it dem- selben werbenden Eifer, der Bodmer bei seinen früheren Veröffentlichungen geleitet hatte: er hoffte von Goethe, der während des Druckes der Balladen Zürich passierte, dass er „die Deutschen darüber pr^Tpoccupire".'') Es mag uns vielleicht wundern, dass Bodmer nach Ursinus und vor allem nach Herder solche Bemühungen anstrengt; ihm musste wohl die Samndung des erstcron — wenn er die im fernen Berlin erschienene überhaupt gesehen hatte — unzulänglich, neben der weit ausgreifenden Arbeit
') Vgl Th. Veiter: ^Bodmer und die euglische Litter.itur"; in „J. J. Bodmer, Denkschrift zum CC GeburtsLago", Zürich lliOO, S. 313.
2) Letztere ist als Probe, die noch vor Myllers Ausgrabe des Parzival (1784) fällt, bemerkenswert. Schon ITS;-*, halte übrigen.s Bodmer ein eigenes Güdiciit: „Parzival, in Wolframs von Kschil- bach Denkart" — in Hexametern! — ausgehen ias.'ipn fauch im 2. Band seiner .,Calliope'" 1767 S. 41). Quelle seiner Kenntnis war laut Anmerkung Balladen 2, 198 der alte Druck von 1477 (s. Lach- manns Vorrode S. XVI; „d" in der 5. Au.sgabe). — Am Schlüsse des 2. Bändchens stehen übe i dies ein paar eigene Gedichte Bodmers. Das wichtigste ..Die Büsserin'* (S. 140) i.«t aLs Gegen- stück zu F. Stolbergs gleichnamigem Gedichte geschaffen: vgl. "W. Keiper „Fr. L. Stolbergs Jugendpoesie" Berlin 1893, S. 58 f.
3) Brief an Schinz vom 4. Dec. 1779, Goethe- Jb. 5,215. Vgl. aueli Th. Vetter: „Zürich als Verniiltlcrin englischer Litteratur im 18. Jhd.-, Zürich 1891 (Programm der iiüheron Töchterschule) S. 13.
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Herders aber noch für eine speciell englische Sammlung Platz vorhanden scheinen.
Die Sammlung gieht sich schliclit, sie bietet die Texte oiinc viel erläuterndes und schmückendes Beiwerk. Eine sehr kurze Einleitung betont die Wahrheit, Einfalt und Kraft der alten Volksballaden, und lituft am Schluss, wo sie von dem Unterschiede zwischen dem Naiven und dem Bäuerisch-Platten, von „pöbelhaftem Witz und noch pöbelhafteren Verhunzungen der Wörter" redet, in eine deutliche Spitze gegen Nicolai aus. Eine nur wenig umfang- reichere Einleitung zum 2. Band untersucht die „Natur der Balladen". Es leuchtet ein, dass gerade Bodmer das Bedih'fnis fühlte, die Ballade mit dem grossen „ritterschaft- lichen Epos" zu vergleichen, für das er nach englischem Voibild den Ausdruck „Rojuanze" in Anspruch nimmt. Er findet den Hauptunterschied in der Abgrenzung des Stoffes: die Ballade habe es mit nur einer auffallenden Begebenheit, die Romanze mit einer ganzen Folge von Abenteuern zu thun, die durch denselben Hedden zusammen- gehalten würden. Für Bodmer ist also die „Ballade" eine romantische Novelle in Versen, er nennt jene von ihm übertragene Parzivalepisode „die Ballade von Jeschute" (2, 198): die „Romanze" aber ist ihm ein romantischer Ronmn in Versen. Zur Bedeutungsgeschichte der viel- berufenen Wörter dürfte auch das ein merkwürdiger Beitrag sein. Neben der Abgrenzung findet Bodmer den Unter- schied im Charakter des Stoffes: die Ballade sei „ge- meiniglich nicht aus dem ritterschaftlichen, sondern aus dem gemeinen Leben genommen" und sie entbehre eines romantischen Apparates von P'een, Zauberern u. s. vv^,; eine Behauptung, die doch die Thatsachen presst, und die Bodmer vollends nicht hätte jiiederschreiben können, wenn er schon dänische Balladen gekannt hätte. Auch gegen das Lied grenzt Bodmer die Ballade leichthin ab, während .er gut die Objektivität, Sparsamkeit und konkrete Sinn- lichkeit des Balladenstiles an verständnisvoll analysierten Proben zeigt, öfters dabei abschätzige Seitenblicke auf die
— 40 -
zfitgrnöshisohr Kiiiist«li(l»(mi^' wimIothI. In (loni.Million (iedankrn^aiij^e, wie diese Ix'id^n V<»rredon. bcwcpt sirli auch eine !j»'xnmt'tiisi'lic s,Knipfelilung der alten Biilladcn" am Schlnss (S. 244).
Der Text eatlKÜt iti dein ersten Bande 25. in dem zweiten 13 Ül»ei-traü^iingen aus den Rcliques — die alNin bp.mitzt sind — und schöpft damit reichlicher aus diesem Schatze, als irj^end eine andere Sammlung des 18. Jahr- hunderts. Die Auswahl ist fQr Bodmer charakteristisch: einmal bevorzujjte der Herold unserer alten höfischen Di<;htunj? die Stücke von ausgeprägt „ritterschaftlichem" KostUnie, und sodann that es der Cyclus von „Adam Bell, Ol.vm of the Oloujrh and William of Cloudesly'' (R. 111 -131) nn't dem an Teil gemahnenden Apfelschuss unserem Seinvoizcr an, der ja selbst ein ~- allerdings unglücklicher - Tcllcmiichter war.') Was aber Bodmers Auswahl zu hohem Vorzug gereicht ist dies: die aufgenon)menen Stücke gehören fast sUmtlich dem echten Volksgute an, und auch die eingefügten Kunstgedichte vermeiden das Gezierte, Tändelnde, Schäferliche, das Ül)ersetze'' wie ürsinus noch so gern bei Percy wied erfand cn.*) Bodmer halte Empfindung
•) Vgl, Roetbo In den „For.schuuyen zur deutscbeu Philologie-, rest{?al)c für Eiulolf Hildebrand 7um 13. März 1894, S. 229.
■•') Nur 8 von den 3» Nummeru sind kunstmässig und bei Child ohne Parallele: König Liar, MiJnch vom grauen Orden («. o. S. 7 Anm. 1), Kinder im Wald, Mantel mit Barten belegt. Die Pilperiu {„(ieulle herdsman teil to me** vgl. ebenda), Jlosemunde. Dos Mettlors Toclder, Die geduUlige Gattin. Bei einigen anderen macht Cbild Ein-wonduiigen, konstatiert Kinflüsso von der Kunst- )(i>cM©, berUcksifUtigt sie aber doch. Ich gebe wegen der z\i\veilen .abweichenden Titel eine Übersicht der Fundorte von Bodmers Stücken bei Cbjld: B.
|
1,12 =- |
Cb |
2,242 |
B. 1,88 = |
Ch. |
2,457 , |
B. |
2.10 |
= |
Ch |
1.88 |
|
1,18 = |
n |
I,2ö7 |
n 1,04 = |
n |
2,479 ! |
, |
2,31 |
= |
n |
2,200 |
|
1,27 = |
n |
2,40 |
r, 1.100 = |
•t |
2, 179 1 |
f. |
2,36 |
= |
r |
2,226 |
|
1,41 = |
91 |
2,8:-^ |
- 1, 1 10 = |
•? |
1,288 1 |
^ |
2.40 |
= |
„ |
3,257 |
|
1,58 = |
2.17 |
, 1,P2C = |
w» |
3,423 1 |
_ |
2,44 |
= |
„ |
2,179 |
|
|
1,59 r^ |
•1 |
3, 233 |
, i,ia4==. |
^ |
2,50 |
_ |
2,51 |
= |
n |
3,399 |
|
1,Ö8 ^ |
m |
5, 100 |
, 1,153-= |
^ |
2.240 |
., |
2, 78 |
^= |
r» |
3,14 |
|
1,78 -= |
j» |
2, 136 |
„ 1,100-- |
^ |
2, 429 |
_ |
2,111 |
-.— |
1,403 |
|
|
1,82 *= |
2,4'J6 |
. 1,107- |
f» • |
.34At,n,. |
.. |
2,117 |
^= |
„ |
5,11 |
|
|
1.86 = |
« |
2. 27t5 |
- 1,172=- |
5. OH |
- |
2.128 |
= |
- |
3,89 |
— 41 —
Mir (las Echte und Kräftlj^e: er lehnte auch dcMi Ossian ah und nannte ihn schroff genug nur „eine magere dUnne WHSscrichte Nahnmg", „eine Mahlzeit, wo einem nur Wild- pret, ^viewohI in starken gewürzten Brühen, aufgetischt wird".') Dagegen geht seine Sammlung nicht vorüber an einigen recht derben, ins Burleske schlagenden Stücken, wie „König Edward und der Gerber" und „Der Land- störzer". Seinen Reichtum künstlerisch zu gruppieren, trug Bodmer freilich keine Sorge.
Die Übertragungen selbst spicchcn den modernen Leser zunächst sehr wenig an: er wird vor allem den Eindruck der Steifheit und des mangelnden musikalischen Klai ges haben. Nähere Untersuchung findet diesen Eindruck alsbald schon in Reim und Metrum begründet. Mit dem Reime kam der den Hexameter gewohnte Dolmetsch nicht zu Stande. Der rührende Reim, ein Verlegenheitsprodukt, das als Reim kaum noch enipfun(h>n wird, tritt überreich- lich bei ihm auf.=) Reime wie „mir : dir**, „mein : dein'* stehen den rührenden ziemlich nahe und sind gleichfalls häutig. •') Die Verlegenheit schaut auch aus Reimen wie „William : kam" (2, 33), „Hollunder : unter" (1, 44), aus der Ersetzung dos Namens William durch „Isobrand" um auf „Schottland" einen Reim zu gewinnen (2, 36), namentlich aber aus folgender Strophe von „Sir Patrick Spense" (1, 57):
Der mich dem König' grelobt hat, sprach er, r)er "bereitete mir ein gewisses Weh
Das.s ich bei dieser späten Jahrszeit yoll halten die stürmische See.
Einmal freilich wusste Bodmer sich kühn zu helfen;
1,71: Über die Haide hinweg im Grunde
Sich schmiegend, wohin kein Axige kunute,
«) Vetter, Denkschrift S. 358.
2) So an folgenden Stellen des ersten Bd.: S. 7, Str. 2 u. 4; 12,2; 14,in.3; 26.2; 26, i : 27,j; 28,8; 85,»: 30,»; 37,3; S9,JU.i; 48,a; 61, <; 62.»: 70,5: 71,) u.2; 77, i ; 79, t.sn.j; 80, i ii.j; 82,?; 05, j; 98, i; 104, y Ferner im zweiten Bd. : 28, i ; .30, ? ; 32, ? n. s ; 34, « : 3ß, i ; 48, ) ; .54,2; 72,8; 10.3, j; 136, :j; 137,?.
"1 S. nameMtlich .l>e.« siissfn Williams Geist- iJW}.
— 42 —
Schnitten dio beiden Hich fürt h leur aiso Ktliffio Jiiy<son von frisr-liom Käso.
Dieser Reim gefiel ßodnier aucii so j<ut, dass er ihn an anderer Stell«; (2. m) wiedrrliolte tind mit Ijeliafilirbem Sc[iniunz<ila auch in der Vorrede zum 2. Bd. (S. 3) citierte. In metrischer Hinsieht aber ist es namentlich eine ab- weichend vom Originale ausgebildete starre Strophenform, die Bodmers Übertragungen steif maclit. Statt nämlich das in den meisten englischen Balladen herrschende Sep- tenarpaar mit seinem wohllautenden Wechsel von vier und drei Hebungen genau nachzubilden, verlängerte Bodmer gern die zweite und vierte Zeile um eine Hebung, so dass er nun eine monotone Strophe von lauter Zeilen zu vier Hebungen besass: z. B. „Patrik Spense" (1,56):
In üunferlin sasa der König zu Tisch, Das Fleisch war niedlich, der "Wein blutrot: Wer könnet einen geschickten Schiffer Der trotzt dem Sturm in dem segelnden Boot? für:
The king sits in Dumferling-toune
Drinking the bhido-reid wino: O where will I get a guid sailor
To sail this ship of mine?
Von dieser unglücklichen Strophe machte Bodmer den ausgiebigsten Gebrauch, und gleich misslich sind die Misch- formen, wo nur die zweite oder nur die vierte Zeile auf vier Hebungen gebracht ist, sowie der Wechsel verschieden gebauter, bald mehr, bald weniger der echten Septenar- form nachkommender Strophen in demselben Gedicht. •) Störend wirkt es auch, wenn Bodmer zwischen klingenden und stumpfen Reimen in sonst gleich gebauten Strophen regellos wechselt, wie namentlich im „Kleinen Musgrave" (1, 12) und „Königin Eleonorens Beichte" (2, 40). Zwei Rücksichten waren es, die Bodmers Metrik verhängnisvoll beeinüussten. Sein Vorwort zum ersten Bande und sein
') So z.B. in 1,12 Str. 3; 41, 1 ii.n; 65,?; und für den Wechsel der Strophen: 59, lu. -i; in 2,10 iu.2; S. 44 die ersten 8 Strophen von „Herr Thomas-.
I
— 43 —
Znsatz auf dem Titel des zweiten offenbaion uns, dass er nach der liiytb mischen Form älterer dcutschei- Poesie liiniiberblickte, was einem Bodmer ja vor anderen nahe liegen konnte und überliaupt den schweizerischen, gegen Opitzens Yersprincij) gerichtetenTendcnzcn entsprach. Wenn die Vorrede zum ersten Bande beginnt: „Das Silbenmass, das man in dieser Umarbeitung der altenglischen Balladen gebraucht hat, ist das Silbenmass der altschwabischen Minnesänger, mit den Nachlässigkoiten der viel späteren Dichter Wickrams, Waldis. Fischarts, Fuchsens*', so will dieser Hinweis jedenfalls Freiheiten, wie den zwanglosen Auftakt und die mehrailbigen oder sjmcopierten Senkungen den Opitzianern gegenüber mit der Autorität der alt- deutschen Dichter decken; und ebenso meint es die Be- merkung „In Eschilbachs Versart" auf dem Titel des zweiten Bandes. Befremdlich a1)er ist doch, dass der Epiker Wolfram und jene späteren Dichter in einem Atem mit den Minnesängern genannt werden; schied Bodmer denn gar nicht näher lyrische und epische Metren in unserer alten Dichtung? Die Übertragungen selbst legen es nahe, dass er häufig gerade das erzählende kurze Reim- paar, und zwar in seiner späten Form, im xAuge gehabt habe und von dessen gleichmässigen vier Hebungen und weitgehenden metrischen Freiheiten sich übel habe be- raten lassen. Auf diesen Irrweg konnte Bodmer auch durch suine schon gekennzeichnete Balladentheorie ge- raten, welche dio Ballade dem Epos allzu nahe rückte, ihre lyrischen Elemente übersehend. Freilich hätte er auch von der Metrik mittelhochdeutscher Lyriker füi- die Übertragung englischer Volksballaden nichts lernen können, und hätte besser gethan, den geliebten „altschwabischen Dichtern" höchstens einen vorsichtigen Einfluss auf seinen Wortschatz zu gönnen. Aber auch ein stihstisches Moment beeinflusste Bodmers Verse nicht günstig, v^chon in dem oben citierten Beispiele aus ..Patrik Spense" fällt auf, dass Bodmer von dem Fleisch und dem Sturme redet, von dem das OnVinal nichts weiss. Noch denIlicheT' abei- /eiiieii
— 44 —
die fo\^on(]r\\ Hoispiclc wie Boiltnor aiil' ß«T«i<'h«Tiinjr Hf'S I><'l;iils ;nis;;iii}^' tiiul diiivh seine Zurliatrn fluni» dio Verse atreckU\ -Köiiij^in KK'ononms Ik'ichte" (2,42):
Anioii, AnitMi, so spiadi dt-r Mais<h»JI. It'/I blass iMul bleich, dann fcucrrulli.
fllr die einfachere, orit?inale Stelle:
Amen, Aiiumi, qiiolh P>ail mnr'^hall, With a h(»a\\v heart spakc lie.
Oder, auf <1(m selben Seite unten:
Ich «rab iler scliönoii ünsoinimd (.Jifi,
Ich ffab ihn mit laclioiidoni MimkI nnil Küs><on.
(I iM>isono(l fair Ro^ianionil«'
All in l'air Woodtitocke buwer.^
Oder ebenda, (•l)en:
leb ging mil dem Marschall den oist<Mi Ta^', Don vfrittcn drauf zu IV'tl mil dem Küni«».
(Karl maisliall liad my uiaidejihou«!
Henoath tbis cloth of gold.)
Oder 2,86:
Ein Goist kam g'irrend mit h«»lilen Seufzern Vor der scbönen Marjraicte Thiir. VjV klo])fie mit dem uisernon Ring, Abor ilim ö(Tneio niemand die Thiir.
(There came a gliost lo Margaret'^ duor
With maii3' a griovoiis grone
And ay he tirk^d at the pin
Hut answer made she none.)
Parodisch aber wirkt folgender Bodmersclie Zusatz in „Patrik Spense", der überhaupt ungewöhnlich niiss- lungen ist:
(1,56): Patrik Spense las die erste Zeile,
Er lacht und strich sich den dicken Bart ... (The first line that Sir Patrik red A loud laxigh langhed ho.)
Von dem concreten Detail in der Volksballade hatte Bodmers Vorrede zum zweiten Bändeben ganz zutreffend gesagt (S. 6): „Die Erwähnung kleiner Begegnisse. am rechten Orte ausgezeichnet, sind ein vortreffliches Mittel, nicht nur Licht, sondern vornehmlich Wärme in die Er-
— 45 —
ziilihiiij,' zu hrin^'on." In seiner eigenen Praxis al;er ver- gass er das „am rechten Orte", uiul seine gute lieob- aclituiig trübte sicli zu der AulTassung, als sei HMuluiig des Detiiils volksniässig". Noch in eiMi{i:on anderen stil- istischen Punkten hat lioduier die Art des Volksliedes nicht rein erl'asst. Er verkennt die Sprunghaftigkeit, wenn er in ^Königin Eleonoreus Beichte" (2, 40) die Strophen 2 und 5 des Originales '/usamnienriickt, weil sie beide von dem Vorschlage des Iv'hiigs handeln, verkleidet zur Königin zu gehen: er bringt gelegentlich eine Pointe an. für die das Volkslied zu unschuldig ist:
(2,45): Im Felde mögen d'w. Ochsen fallen Im Stalle steibon dio. Säue, Dann bleibt mir von «lern Kauf nur übrig' Ein Schuittgen Brot und die Reue. . .
(And I sliall hm notbing to my seil
But a fat fadge by the Are.)
Hier wird freilich auch wieder der Reim verführt haben; aber kein Reim spielt mit. wenn er am Schbiss von „KTmigin Eleonorens Beichte"' ohne jeden Anhalt im Original, den Vers einrückt: „Sie sahn sich durch sich selber verraten'* (2, 43), eine Pointe, die dem Volksliede fernliegt.
Doch wäre es unbiUig, eine Fehlerliste statt einer Charaktei'istik zu geben. Bodmers Überti-agungen hinter- lassen bei allen Mängeln im Leser einen sehr bestimmten Eindruck, der sich nicht rasch verllüchtigt, wie bei dem farblosen Durchschnitt. ]\Ian darf sich zutrauen, eine Bodmersche Übertragung ausserhalb dei* Sammlung wieder- zuerkennen, während die meisten Nummern bei Ursinus von Hinz so gut als von Kunz sein könnten. Diese deut- liche Färbung der Bodmerschen Stücke ist nicht zum ge- ringsten begründet in der jjrovinziellen Frische des Sprach- gutes. Schweizerische Idiotismen, die stetig einlliessen, wirken als ein unbeabsichtigtes Kunstmittel. Wir begegnen da Worten und Formen wie: Güggelhahn (2, 38), Gezwerg (1.147), Mechlertuch (2.47), die Drelle (1,9), der Gaden (], 70). gach (2,78), beiten (1, 89), spielt als pnet. zu spalten
— k; —
(2, 107 (1. r»lt(;rj u. s. w. Aussei clciii ;i1mt i^cUl von der iiiigiMiH'iii ciiifachcn Syntax, di'* vor allem ;usynil»ttiHc!) ge- ordnotc Ilauptsiltzo, liebt, eine eigenn Wirkung aus, die an einzelnen Stollen für di(^ rliytiiniische Steifheit entsoh'idijj^t :
2,34: Don Morgen Htai b die .schöne Mar^-^reth
Don folgonden Tmix starb der süsse William. Yov Trouf starb die schöne M.Hrproth Vor Horzoleid starb der sü.sse William.
Im oborcu Kirchhof ward William begraben Im Tintcron Kirchliof die schöne Margrelh. Ein Schleestrauoh sprobste von seiner Brust Von ihrer ein Rosenstrauss violet.
Sicherlich ist das nicht mehr das bewegte Tempo des Originales:
Fair Margaret dyod lo day, lo day Swcot William dyed tlie morro-w Fair Margaret dyod for pure truo love Sweet William dyed for .sorrow —
vielmehr erscheint die Bewegung um vieles an der "Ruhe des greisen Dolmetsch gemässigt; aber an sich bringen solche Stellen keine üble Wirkung hervor und kow'iten uns etwa an die zögernd schreitenden Gottscheeer Volks- lieder erinnern; man vergleiche bei Hauffen („Die deutsche Sprachinsel Gottschee" 1895) S. 276:
Shai trügent sho ausn zen kirchlain bais; An jedr shaitn kirchlain pagnlbent shai oins. Aus imon 'seht gebokschen a bainrabo Ans ir ischt gebokschen a guertnroashe . . .
Auch die strenge Beobachtung des Parallelismus bei Bodmer, \vic sie an der citierten Stelle erscheint, wollen wir gegenüber früher aufgezeigten Verfehlungen des Volks- stilcs betonen. Interessant ist zu st>hen, wie diese ruhige Erzählungswcise den idyllischen Partien zu gute kommt, und diese hat unser Schweizer auch offenbar mit be- sonderer Vorliebe behandelt; in dem Eingang der eben angezogenen Ballade von der schönen Margreth und dem süssen William hat Bodmer d'C idyllischen Keime des
— 47 —
Originales aufquellen lassen, aus einer Strophe deren zwei gestaltend (2,31):
1. An einem der längsten Tag' im .Jahr, Unter don Schatten am grünendoii Hag, Sass beisammen ein liebendos Paar; Sie schwatzten den langen S'ommertag.
2. 8ie hatten nicht alles gesagt,, was sie wollten, Als ihnen die Nacht zu scheiden gebot;
Zix scheiden that weh dem liebenden Paar, Da sprach AVilliolm zu der schönen Margot:
3. Der dämmernde Abend gebeut mir zu scheiden, Mein Herz, die Seele, der Leib ist euer, Schöne Margreth', izt scheid ich und morgen Geh ich zu einer Traiiungsfeier.
Den beiden ersten Strophen entsprach nur die eine des Originals:
As it feil out on a long suramer's day
Two lovers they sat on a hill; They sat togethor that long summer's day
And could not talk their All.
Die dritte Bodmersche Strophe entspriclit der zweiten des Originales, die sie, wiederum zu gunsten idyllischer Mo- mente, frei wiedergiebt:
I see no härm by you, Mai'gret,
And you see nono by me Before to-morrow at eight o'the clock
A rieh wedding you shall see. —
Fast ist ein nachträglicher Hinweis auf das Original bei solchen Stellen Bodmers peinlich; man empfindet: das ist zweierlei, und mochte lieber nur das Eine oder das Andere auf sich wirken lassen. An diese Beobachtung aber n^uss ein Ocsamturteil über Bodmei'ß Arbeit vor allem anknlipfen. Vor dem Herder-Schlegolschon Übensetzungsidoale nach- fühlender Schmiegsamkeit können seine Übertragungen nicht bestehen. Sie gewinnen, je mehr man sie als selb- ständige Dichtungen betrachtet. Alsdann wird man mancher landschaftlich und persönlich charaktervollen Zlige inne, durch die sie selbst ihren fundamentalen Mangel au Melodie
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teihvois wieder einbrinKLMi. Nucli oinor Richtung bliiben sie crlreulicli für jeden Bcuiteiler: Als Urkunde des Irischen Interesses, das ein Achtzigjähriger an den Be- strebungen di'r jungen Geni'rati(»n nahm.
Von Bodmers Sammlung vei-sichert uns Gräter'), sie sei „weniger bekannt und gelesen, als sie es zu sein ver- diente". Freilich hält auch er in 'seinem Abdruck der „Pilgerin" fUr nötig, einige kleine Änderungen anzubringen, „um die Verse etwas lesbarer zu machen"; doch ent- schuldigt er sogleich wieder den Autor: „Es werden sich wenige so wie Bodmer in die Sprache jener alten Zeiten hineinstudieren und gleichsam in sie verlieben können, um sich nicht, wenn der Vers stolpert, im Genüsse ge8t<3rt zu finden." Gräter hatte also Eigenart, die ihn ansprach, in diesen Übertragungen gefunden.
Auf das Gedränge der Übersetzungen um die Wende der 70er und 80er Jahre folgt eine Zeit der Ruhe. Die dem heimischen Volksliede zugewandten Bestrebungen er- starken und ziehen einen grossen Teil des Interesses an sich. Aus den Reliques erscheinen nur EinzelUbersetzungen, auch diese zumeist nur erneute Drucke.-) Einer der um diese Zeit für das deutsche Volkslied thätigen Sammler, Elwert, wollte in einer Fortsetzung seines ersten Büch- leins auch „Übersetzungen aus dem Altenglischen" bringen; er kam aber nicht dazu.') So haben wir erst aus dem Jahre 1795 wieder eine Sanmilung: Friedrich Heinrich Bothe's „V^olksiieder, nebst untermischten anderen Stücken", die zu Berlin in demselben Himburgschen Ver- hge, wo die Sammlung von Ursinus erscliienen war, herauskamen.
Der Titel ist dem von Herders zweitem Bändcheu genau nachgebildet. Doch er entspricht auch dem Inhalte, der Volkslieder verschiedener Nationen, nicht nur eughsche,
') Wielands „Neuer deiilschor Merkur- 1797 3, 143. *) Vgl. Wagener S. 48 f
5) Vgl. (las Nachwort öcr später zu be3i)vechendeu ,.Re3te alteu Gesanges", S. 142.
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umfasst und Kunstgedichte reicliiicli einbezieht. Immerhin bleibt das aus den Reliques Geschöpfte der Kern der Sammlunp: was anderswolier stammt, nimmt erst zusammen etwa den ^^leichen Raum ein wie die Stücke aus Percy. Für die Auswahl siad einige recht äusserliche Gründe be- stimmend gewesen. Zunächst ist deutlich, wie Bothe zwar nicht der ihm ungefährlich dünkenden Konkurrenz von Ursinus und Bodmer, wohl aber der Herderischen Samm- lung bewusst ausweicht. Diese Vorsicht war doch be- denklich, denn sie führte ihn unter anderem zu dem Missgriffo, von der Chevyjagd die jüngere ins Bänkel- sängerische gehende Bearbeitung zu geben, statt des bei Herder übersetzten alten Liedes, Überhaupt aber blieb er so den besten Nummern der Reliques fern; und auch der auffallende Mangel an echtem Volksgute ist von hier aus mit zu beurteilen.') Kein einziges der von Herder schon verdolmetschten Lieder hat Bothe nochmals vor- genommen; Bodmer hatte doch bei „Patrik Spense", bei der „Judentochter", der „schönen Rosemunde", „Margaret und William", „Williams Geist" den Wettbewerb nicht gescheut. Aber ein noch äusserlichprer Grund hat bei Bothes A' jwahl mitgesprochen. Vergebens suchen wir nach einer künstlerischen Gruppierung seiner Stücke: wir bemerken jedoch, dass streckenweis, und namentlich im Anfange, Bothes Reihenfolge übereinstimmt mit der in Theophil Miller's „Ballads and Songs chietl}^ taken from Dr. Perc3''s Rel, of A. E. P.", einem blossen Auszuge der Percyschen Sammlung, der in Halle 1794 erschienen war.
') Nur 7 von den 28 Botheschen Stücken lassen sich durch den Vergleich mit Child als echte Volksballaden nachweisen: 1) Chevyjagd (Child 3,303); 2) Herr Kaiin (2,56); 3) Ritter von Elle (1,88); 4) Knäbelein mit dem Mantel (1,257); 5) Gaweins Hochzeit n,288); (i) Child Waters (2,83); 7) Herr Aldingar (2,33). Das übrige giebl sich lueisl sclion clurch die kün<<tliche Form oder Percy's Nachweis des Dichtei-s als Kunatpoesie zu erkennen. — Bei dem „Ritter von P^lle" (s. S. 7, Anm. 1), „Gaweins Hochzeit" und „Herr Aldingar" erschien der alte Kern bei Percy auch mir in starker Überarbeitung.
Palaestra XXIL 4
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Daes Botbe- dieson Millur kannte, bozon^^t dr-r Hinweis auf ihn in dor Einleitung zur Chevy-Chasc (S. 3 u. G); die gesamten Einleitungen zu den einzelnen Liedern aber stellen die. Benutzung ausser Zweifel. Sie stimmen näm- lich öfters, ^vic gleich in dem ersten Lietle ,.Oes Todes Sieg", wörtlich zu den Millerschen, die ihrerseits ver- stilndige Auszüge der antiquarisch überstark belasteten Anmerkungen Percy's sind. Bothe hat zwar auch selbst den Percy eingesehen; er geht an einigen Stellen über Miller hinaus; Regel aber ist der enge Anschluss an ihn in seinen Einleitungen. Diese Art, einen Vorgänger aus- zubeuten, deutet auf hastige Zeitersparnis. Die „Volks- lieder" fallen damit in die Gruppe jener litterarischen Unternehmungen Bothes, die der stets geld bedürftige Privatgelehrte vornehmlich des Honorars wegen betrieb.*) So wird auch die Widmung der Sammlung an „Vater Gleim, den deutschen Volksdichter'' durchsichtig als eines der vielen Bittgesuche an den guten wohlhabenden Halber- städter Canonicus. Ausser dieser Widmung geht den Texten nur noch ein ganz kurzes, schwaches Vorwort voraus; die hier gesperrten Worte, welche die Absicht des Volksdichters „den moralischen Sinn des Volkes zu schärfen und zu veredeln" für die Sammlung in Anspruch nehmen, sind vielleicht auf solche Recensenten und Leser berechnet, die Schillers Forderuiigen an den Volksdichter aus der Bürgerrecension (1791) sich gemerkt hatten. Be- merkenswert ist noch, dass Bothe hier die Hoffnung aus- spricht, mit seinem Buche „so manche Aftervolkslieder zu verdrängen": das ist dieselbe Tendenz, die auch Arnim und Brentano gegenüber Sammlungen wie dem Mild- heimischen Liederbuche Beckers verfolgten.
Unter welchen äusseren Umständen und Antrieben Bothe aber auch gearbeitet haben mag, seine Über- tragungen erreichen einen achtungswerten Grad nach- schaffendcr Fertigkeit. Ihm half eben natürliches Geschick.
^) Vgl. den Artikel Halm.s in der AUg. dtsch. Biogr. 3,19(5.
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Freilich, von Ilerdor bleibt ein sehr merklicher Abstand. Aboi- der Ton des (ranzen, der Rhythmus, der sinnliche Kindruck sind in ihrer Bi-deutuii}^ erkannt und werden, wie der Sinn, mit Sorgfalt wiedergegeben. Nur wird diese Treue mehrfach alif Kosten unserer Sprache geübt. Es begegnen harte Kürzungen, wie „"rablaufen " (S. 48); namentlich aber sind ungeschickte, einer Erklärung in Fussnoten bedüiftigc Archaism'en, nicht so sehr um des „Aerugo" willen, als zur Umgehung von Schwierigkeiten angewandt, wie besonders an einem häufiger wieder- kehrenden Falle deutlich wird. Die Form ,or' für ,oder' kommt allerdings auch im älteren Deutsch vor, wie Bothe (S. 11^ bemerkt; wesentlich wurde ihre reichliche An- wendung aber offenbar veranlasst durch die rhythmisch sehr bequeme Übereinstimmung mit dem englischen ,or' Ebenso steht es mit , ginnen' für ,beginnen' (S. 65) und ähnlich mit ,zerst' für ,zuerst' (S. 10) und in manchen anderen Fällen. Dajiiit soll nicht geleugnet werden, dass auch das Archaisieren an sich dem Verfasser Freude machte: .was' für ,war' (z. B. S. 15), ,sint' für ,weil' (S. 31) u. ähnl. sind metrisch gleichgültige Formen; doch auch bei ihrer Auswahl lässt Bothe den rechten Takt ver- missen. Ganz frei bearbeitete er die „Schöne Unbekannte" (S. 92) und zeigte dabei, wie geläufig ihm der ganze Formel- und Motivenscliatz der englischen Volksballade war, wie leicht ihm deren Manier fiel. Diesem etwa 70 Seiten langen Balladencyclus liegt nämlich ein blosser Prosa-Canevas bei Percy zu Grunde 'j, den Bothe mit Fäden aus bekannten Balladen füllte:
Str. 1 : Könip- Arthur schmau.st in schön Carlil Und zechte rothen Wein etc.
"Vgl.: The King Hits in Dnmferling-toune Drinkjug the blude-reiil wine.
(Patrik Spenae Str. 1.)
') In der VoiTede zum 3. Bd. der Reliqnes, Schvöers Ausg. S. 646.
4»
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Str. 2: Si>rach: ChrJKt mit dir, Herr Arthur, Ohiyst mit dir filr und für etc.
Vg"!.: Now Christ thee save thou liltle foot pajfe Now Christ thee save and eee . . .
(Child of EUe, Str. 4 u. ähnl. oft.)
Sir. 3: Eine Bitt, eine Bitt, Herr König mein Sprach er und sank aufs Knie eto.
Vgl.: A boon, a boon quoth Eari marshall And feil on his bended knee.
(Queen El. Conf., Str. 3.)
Die geschickte Mache fällt in die Augen. Bothe liefeile mit dieser Dichtung ein Gegenstück zu den zahlreichen englischen Balladennachahmungen, die üppig ins Kraut geschossen waren, seitdem erstlich Lady Wardlaw die weihliche Technik, aus Flicken Teppiche zu knüpfen, ins Gebiet der Poesie hinübergespielt hatte. ') Der in vielen Sätteln gerechte Polyhistor Bothe mochte von diesen Ar- beiten ganz gut manches kennen, wie auf jeden Fall aus Ursinus den Percy'schen „Hermit of Warkworth''. Dieser stßht auch an Umfang und durch die cyklische Anordnung am nächsten.
Ausser den eigenen hat Bothe drei fremde Über- tragungen aufgenommen, von denen Mercks hier endlich unter wahrem Namen erscheinende ..Lady, die in einen Diener verwandelt wird", und Millers „verliebter Schäfer" uns seit langem bekannt sind; die dritte ist Bürgers „Graf Walter*', mit eigenen Änderungen Bothes. die grössere Treue gegen das Original anstreben. Die Vorbemerkung (S. 199) hebt richtig hervor, dass unter allen von Bürger bearbeiteten (englischen Balladen „Graf Walter" der ein- fachen Übersetzung am nächsten bleibe; sicherlich hätten auch zarte Nachbesserungen vornehmlich an den später von Schlegel gerügten Stellen das Ganze vollends in diese Sphäre zui'ückgeführt und ihm überhaupt aufgeholfen. Bothes Hand hatte nicht den Takt, hin und wieder viel-
>) „Hardyknut" 1719; vgJ. Brandl in Tauls Grundriss 111,849.
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leicht kaum das technische (reschick zu dieser subtilen Aufgabe. Er seiht nur IMUcken, für die wahrhaft be- dürftigen Stellen geschieht nichts. Man vergleiche niii- in der ersten Strophe das Original, Bürger und ßothe:
Child Waters in his stable 3tood And stroakt bis milk- white steed: Tu him a fayro j'ouug lady came As ever wai'e woman's weede.
Bürger: Graf Walter rief am Marstallthor:
Knapp, schwamm und kämm mein Ross! — Da trat ihn an die schönste Maid Die je ein Graf genoss. Bothe: Graf Walter stund in seinem Stall Und strich sein müchweiss Ross. Da trat ilin an die schönste Maid Die je ein Graf genoss.
Bothe fand augenscheinlich keinen anderen Reim als ,Ross ; genoss'; denn sonst wäre geradezu unerfindlich, wie jemand, der die beiden ersten Zeilen zu dem ein- facheren Original zurückführte, die ebenso untreuen als unzarten Bürgerischen Schlusszeilen stehen lassen konnte. Ebenso ist es in dem Folgenden: Die „goldenen Türmlein" in Strophe 22 und 24 des Originals, bei Bürger fehlend, werden wieder eingesetzt, aber Bürgers widriges Bild einer hochschwangeren Frau, die sich „mit Arm und Bein" durch das Wasser durcharbeitet, wird nicht korrigiert. So ist mit der vermeintlichen „Verbesserung" niemand gedient und die einzige überhaupt in die Augen fallende Ab- weichung von Bürger ist die Rückverlegung der Scene vom Rhein nach England.
Bothes oben besprochene Aufdichtung der „Schönen Unbekannten" liess ein sichtliches Behagen an der äusseren Manier der Volksballade erkennen. Kein Wunder, dass ihn da Jung Stillings unechte Volkslieder bestachen.') Nicht genug, dass er „die grüne Linde", den „falschen
1) Briefe an de la Motte-Fouqu6, ed. Albertine Baronin de la M.-F. Berlin 1848, S. 172, 174: Jung bekennt da im Mai und Juli 1810 seine Verfasserschaft.
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Rittor", „(lio drei .Juiigfi-au''ri'', .,Fjiran»un<l und JyOie"' als „vortnitTlirlio doutscho Volkslieder'' — wie die Voirode sagt — in die Safnmlun^' luifnalini, rr Ul)ersotz(4' sie Über- dies, „um ibn(5n vielleicht auch im Auslände Leser zu versehaffi^n" in einem Anhange ins Enjj^lisclie. Dabei trug er die Farben greller auf; so soll die klil^liciic Mord- gesehichtc „Der Lindenhaum" durch den zugeHlgten Edward -Refrain vollends uidieimlich werden:
At Kindclsborgli hoforc thc liall
Thore Stands an aged lin(Jo, O: With many a bonph so crisp and tall
It rustlos in the win.le, O!
Die letzte Zeile ist direkt aufs Gruseln berechnet dürfte aber den Leser vielmehr Jilchern.
Wirkliche deutsche Volkslieder sind nicht aufgenomnu^n. Dagegen ist hinzuweisen auf zwei Tanzlieder der Aiivorg- naten, in ihrer Heimat, wie Rothe nach seiner (Quellt: mitteilt, die „('lermoiitaise" und die „Montagnarde" ge- nannt, von denen er auch die Originale gieht, im lio- w^usstsein, diese zierlichen Gebilde als Dolmetsch niclit /u treffen (S. 356—367). Beide stammen aus „Petit Jäque.s et Georgette ou les petits Montagnard!> Auvorgnats", Paris 171)1, I, 77 u. 19. Dein französisrlien Vuiksliede hatte man sich in Deutschland, einige (IkcIi mehr niinnc- singerische Stücke bei Herder abgerechnet, noeb nicht zugewandt. Hothe zeigt hier seho!i verwandte Interessen, wie später Uhland und Chaniisso. Auch in England Miat er sich ausser bei Percy nocii anderwärts um, griff dabei aus Sammlungen wie „The Linnet" (London 1749) zwar fast nur schwache Kunst- und J^llnkclsängerlieder auf, machte sich aber auch zum ersten Burns-Übersetzer, in- dem er S. 435 aus den „Poems, chiefly in the Soottish dialect" (Edinburgh 1787, S. 325) ganz gewandt den prächtigen Rundgesang auf die MHdchen:
Thexe's nought but care on ev'ry iian',
In eA'ery hour that passen, O: Wbat signlfles thu lil'e o'nian,
An 'twere na for the lasses, Ol
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(Ibortru«!:, (Ion ßurns selbst einer alten volkstümlichen M'»io(lie an^^epasst hatte,') So fehlen dieser Sammlung, die der Pereysehen Bewegung schon nachhinkt, doch nicht neue Anregungen.*)
Mit dem Buche Bothes, dessen Name uns bei den <leutschen Liedern wiederhogegnen wird, schliesst vor- Uiufig die Reihe grösserer Sammlungen, die aus den Reli(|ues schtipfen. Das deutsche Volkslied rUckt immer energischer in den Mittelpunkt des Interesses, Von den Romantikern hat freilieh A. W. Schlegel seinen kritischen Feinsinn auf die Reliques in bemerkenswerter VVeise an- gewandt. Es ist frappant, wie seine Ahnungen durch die heutige Forschung erhärtet worden. Er vermutete nämlich in dem vorzüglichen Aufsatz über Bürger aus Siilgründen, dass die Eingangsstrophe vom ,,Ch)ld of Elle" Percyscher Zusatz sei: ein BUck in das Folio- Manuskript (1, 138) be- stätigt die V(!rmutung. Er vermisste an der BUrgerschen Übersetzung derselben Ballade in Strophe 18 das Weinen dos entfliehenden Fräuleins: dies Motiv gehört zum alten
') S. Robert ('bambers: „Tho Lifo and work.s of Robert JUims", London 189« I, l:>7.
'^\ Dor )iosilivon Darstellunp: Uothes sei lüer eine bündige Abweisung der vermeintlichen Ergebnisse Wagenors angefügt. W behaiipiot (S. 51), Botho habe die Pereysehen Originale vor der Übersetzung toxtkritisch redigiert. l»io.s»rr Anschein konnte mir bei einer Vergloiohnng Bothes mit der ersten Auflage der Fio- liqnos entslohon; in allen folgenden — und 1795 lag bereits die vierte vor — findet sich, was Wagener als Botbe.s Werk in An- spruch nimmt, schon von Percy selbst besorgt, auch die Kenn- zeichnung dor Ergänzungen in „Gutei- Schäfer sage mir" durch anderen Druck (Rotho S. 222), dor tiinveis auf die Sammlung „Bassus . . .", der Nachweis der Quellen. Nur in „Angelika" (S. 2tW) und in „Brynu und Perine" (S. 420) hat Bothe selbständige Kürzungen vorgenommen, aber nicht aus philologischen Über- legungen hmaua, sondern einfach um der ästbetisclien Wirkung willen. Der Hinweis auf Voltaire's Erzählung: „Ce qui plalt aux damea" bei Üawoins Hochzeit (S. 75) stammt aus Thoophü Miller.
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volksrnässipcn Bostando dos Llodes. ') liOider wandte Sohlend nicht Koino gf.nialf Dolnuitschkimst den Rolicjues zu, doch kam sie don durch Shakespeare verstreuten Volksh'ed vorsehen zu ^ute.*) — Von anderer Seite «t- schienon Übertragungen vor dem Jahn^ L8()6, wo das „Wunderhorn" der Vorherrschaft der Reliqucs ein Ende juachte, nur noch in kleineren Gruppen. Kosegarten begann J800 im Göttingor Musen aimanacli (8. 29) mit seinen Übersetzungen, die sich allmählich zu einer kleinen aber rühmlichen Gruppe zusammenfügten.') Neben Kunst- liedern treffen wir da so vortr-effliche alte Volksballaden wie „Patrik Spense", „Barbara Ellen*', „Judentochter" und „Bari of Murray". Diese Übertragimgen sind als die besten
>) Es ist sehr interessant, diese Stelle nicht nur, wie Schlegel allein tluin konnte, mit Percjs Bearheitung, sondern auch mit dem nlten Volksliode zusammenzustellen:
FoL-Ms. 1,133—34: He leaned ore his saddle bow To kisse this Lady good, The tearee that went them two betweene Were blend water aiid blood.
Porcy: And thrice he clasped her to hts breste And kist her tenderlie: The leares ihat feil rrom her fair eyes Ranne like the fountayne free. Bttrger: Das Fräulein zagxe — stand — und stand Es grauüt' ihr durch liie Glieder. Da griff er nach der Schwanennand Und zog sie flink hernieder Ach! Was ein Herzen. Hund und Brufi, Mit Rang nnd Drang, voll .A.ns^t und Last. Belauschte)» Jetzt die Sterne Au8 hoher Hitnmelsfemel
Anschauliche Knappheit beim Volksliode, Flitlerpuu bei Percy, psycholopi.sches und rhetorisches Au.'^schöpfcn bei Bürger.
2) Theodor Fontane hat freilich in einem Oi»helia - Liede Schlegel erheblich übertroffen:
Bergschnee weiss sein Sterbetucb
Blumen drober hin, Die betbränt zu Grabe trug
Treuer Liebeesinn.
S. Hermann Conrad im „Litterarischen Echo" Jbg. II, H. 1.
3) Beisammen zu finden in der 5. Ausgabe seiner Dichtungen, GreifsT^ald 1824, Bd. 10, S. 177, 19S, 200, 203, 207, 210, 213, 239.
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nach Herder zu bezeichnen. Was ihnen Abbruch thut, ist eine über day ()rii,Mnal binausgehende Regehnässigkeit des Rhythmus und ein etwas zu planer, vor jeder eigen- tümlicheren Wendung zurückschreckender Ausdruck. Man vergleiche folgende Strophe von „Sir Patrik Sponse" im Original, bei Herder und bei Kosegarten:
Make haste, make haste, my mirry men all
Our guid ship sails the morn. O say na sae, my matter deir
For I fear a deadlie storm.
Herder : Macht fort, macht fort, mein' wackre Leut' Unser gut Schiff segelt morgen. O sprecht nicht so, mein lieber Herr Da sind wir sehr in Sorgen.
Kosegarten: Nun rührt euch Bursche, rührt euch frisch "Wir stechen morgen in See. Da sei Gott vor, herzlieber Herr! Es brächt uns Angst und Weh.
Es würde schwer sein, im Einzelnen Kosegartens Strophe zu bemängeln; aber jeder empfindet, dass Heiders Aus- druck charakterYoIler ist. — Zu einer noch umfang- reicheren Gruppe fügen sich die Übertragungen des Schwaben Johann Christoph Friedrich Haug, im 2. Bande von dessen „Epigrammen und vermischten Gedichten" Berlin 1805. Von ihrem Werte aber gilt das Urteil, das Wilhelm Grimm über desselben Autors Verdeutschungen dänischer Balladen fällte: „Hohle, leichte Zuckerbäckerei, die nach nichts schmeckt, nicht sättigt und nicht ernährt, geschändete alte Bilder, worin die Hauptfiguren tibermalt und alles neu und gleissend angestrichen ist".') Übrigens sind nur 2 der 13 Übertragungen wirkliche Volkslieder: ,3arbara Ellen" und „The Bailiffs daughter of Islington"
•) Sendschreiben an Gräter, im Anhange der „Drei alt- schottischen Li»>der", Heidelberg 1813, S. 32. Das Citierte sind die mildesten Stellen aus dem längeren Urteile, die meines Er- achtens zu Recht bestehen, auch wenn man berücksichtigt, dass das Urleil an dieser Stelle ab irato abgegeben i.^it; siehe unten.
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(rjiiia 2,27« u. 42r>). Von der lotztorcn sü^Fk; hier dk /vveiüi StropiK' ueboH doiii Original als Vroiw:
Vet she wa« caye, and would not bolioye
That ho did love her so; No, nor at any iimo would sheo
Any counlenanco to him showo.
II.1UJ? iS. 282: Sie plaiibto dem feinen Gokoso Der stattliclien Erben nie, Log Sprödigkeit, ach! und helüto Des Herzens Sympathie.
Haugs künstelnde Manier mochte einigen der konventionell- spielerischen Stücke in den Minnesängern — in deren Übertragung er unerschöpflich fruchtbar war') — gerecht werden, an den naiveren Stücken, wie an allen Walther- schen, scheiterte er auch hier, und für das Volkslied p?.ssto seine Art gar nicht. Am leidlichsten ist vielleicht noch seine Bearbeitung des einen der bei Bothe niitgct^silten französischen Volklieder, „Yoduno" {i>. 69), das Zunistecg komponierte, aber auch dieses ist aufgestutzt. Seiner Begeisterung für Percy gab Hang auch in cin(nn höchst manirierton „Percj^-Lied'" (S. 318) Ausdruck. — Ol Ucklicher, ein anständiges Mittelmass erreichend, sind einige Über- setzungen von Fouqu6, von denen allerdings! nur die erste in die jiier behandelte Periode fällt.") — Endlich gab Leo v. Seckendorf iu seinen beiden Musenalmanachen von 1807 und 1808 noch eine etwas grössere Orni'pe von Übertragungen: treu, aber um den Preis arger Härten in
') Schillers Mus.- Alm. 1796, S. 22: Oöttinprer Musonalmanache 1797 ff.; wiederholt iu den „Epigrammen und vermischten Ge- dichten" Bd. 2; Oräters „Idunna und Hermotle", .Jahrpang 1.
2) Im Chamisso-Varnhagenschon Mus. -Alm. 1806 (Berliner Neudrucke, 2: Serie, 1, 52): Queen Elianors Confession; unter seinem P.seudonym „I'ellegrin". Weiter in Bilachings „Erzählungen, Dichtungen, Fastnachtspiele und Sobvränke des Mittelalters", Bd. I, Breslau 1814, S. 1; „Adam Bell, Clym of The Clough and William of Cloude.sly", was man ganz intores.sant neben Bodmers Über- ti'agung desselben grossen Cyclu.s .(„Die Wildschützen") halten kann. Ebenda S. 241: „Robtn Hood and Guy of Gisborne".
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Sprachti (Mid ni»yihjnu8 (.J^nd sie zog aii8 ein kleines Kneif' - „liUlc knife''. „Als Glock' verklungen iin<l Mcss' ^esung'n") und gesucht nJiiv Ins zur Albernheit („O ich hab .schla'n mein ROsslein rot - So schön, so treue mi'"). Sie aber führen uns bereits in eine Zeit, >vo die llerrschaft der Reli(iues endete, weil die einst von ihnen geweckten und niälilich erstarkten Bestrel)ungen für das deutsche Volkslied einen überlegenen Konkurrenten gestellt hatten.
Wieder und wieder war unter den Freunden der Keliques der Ruf nach einem deutschen Percy erklungen. Oleieh der erste Rocejisent, Raspe, hatte nach ihm aus- geschaut. „Glauben Sic nur', Hess sich dann Horder im Ossianaufsatze vernelmien, „dass, wenn wir in unseren Provinziallicdern, jed(T in seiner Provinz, nachsuchten, wir vielhiiclit noch Stücke zusanuiienbrächten, vielleicht die Hjllfte tler Relicjues,^ aber die denselben beinahe an Wert gl< ichkäme! lioi wie vielen Stücken dieser Sammlung, insonderheit den schottischen, sind nn"r deutsche Sitten, deutsche Stücke beigefallen, die ich selbst zum Teil gehört." Seine erste Sammlung betrachtete er nur als „eine hand- voll Wasser gegenüber einem nachbarlichen Gastmahl von Füllft und Wohlstand", und aufs äusserste schärfte die Vorrede derselben die Dringlichkeit der Sammelaufgabe ein: „Nur jetzt, nur jetzt! Die Roste aller lebendigen V(j!ksdeiikart rollen juit beschleunigtem, letztem Sturze in den Abgrund d*^r Vergessenheit liinab!" Und wiederum hatte er in dem gedruckten Aufsätze „Von Ähnlichkeit. , ." fast iK'schwörend g(!rufen: „Grosses Reich, Reich von 10 Völkern, Deutschland! Du hast keinen Shakespeare, hast du auch keine Gesänge deiner Vorfahren, deren du dich rühmen könntest? Schweizer, Schwaben, Pranken, Baiern, Wostfäler, Sachsen, Wenden, Prenssen, ihr habt allesamt nichts?" So schloss auch Bürger seinen en- thusiastischen Herzensorgnss mit dem Wunsche, „dass doch endlich <iin deutHcher Percy aufstehe" . . . „unter unseren
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Baiiorn, Hirton, JUpcrn, Bcr^louton, Plandworksbiirschen, KosHelfllhroni, Horli(3lträ^'crn, IJootskncchten, Fuhrleuten, TrutftcJioln, Tyrolorn und Tyrolerinnen cursiret wirklicJi cino crstaunlidie Menge von Liedern ... So eirve Samm- lung, von einen» Kunstverständigen mit Anmerkungen ver- .sQhi»u! Was wollt ich nicht dafür geben!" Er und Voss hatten frühe, doch resultatlosc Anlöule genommen, den deutschen Percy zu verwirklichen. Aber eine Reihe anderer Hände war seither am Werke, Bausteine zu der künftigen deutschen Sammlung herbeizutragen, das Interesse zu schüren, Wege zu zeigen. Von ihrem Wirken im Folgenden.
II. Die Wiedergebart des deotschen Volksliedes.
Am Eingange der dem deutschen Volksliede geltenden Bestrebungen steht als ein gutes Omen der Name Goethes. Durch Herder für die Volkspoesie gewonnen, sammelte er als Student im Blsass — wie Martin mit ansprechenden Gründen vermutet, in Sesenheim^) --- 12 deutsche Volks- lieder „aus den Kehlen der ältesten Mütterchen" und stellte sie in einem begeisterten Briefe dem Freunde für dessen Sammlung zur Verfügung.-) „Ich will mich nicht aufhalten" bemerkt er dazu, „etwas von ihrer Fürlrefif- lichkeit noch von dem Unterschiede ihres Wertes zu sagen; aber ich habe sie bisher als einen Schatz an meinem Heraen getragen; alle Mädchen, die Gnade vor meinen Augen finden wollen, müssen sie lernen und singen." Es ist bemerkenswert, wie hier inmitten aller sprudelnden Begeisterung docli ein „Unterschied des Wertes" bedacht wird: Goethe verlor nicht die Kritik, aber keineswegs mass er das Volkslied an der Kunst-
1) In dem Vortrage „Herder und Goethe in Strassbur«»-'', inl „Jahrbuch für Ge.schichte, Spraclie und Litter.itur Elsass-Lotli- ringens" 14. Jahrg., Strassburg 1898, S. 111) u. 121, Anm. 8 u. 9.
•■2) Herbst 1771; Weiui. Au.sg. Abt. IV 2, 1. — Dio J.ieder selbst gediniekt durch TCrnsl Martin als No. 14 von SeufTerts Litteratur- denkmalen, nach der Hs. ans dem Nachla.sse der l-'rau von Stein (H'); von demselben im rlS. Bd. der Weim. Ausg., S. 235, nach der jetzt im Archiv befindlichen Hs., die Herder erhielt (H-), mit den Abweichungen von H* im Apparate. Es ergänzen sich also die beiden Martin.schen Drucke auf das Bequemste. Näheres über das Verhältnis der Handschriften zu einander giebt Martin in dem citierien Vortrage, S. 120, Anra. 5.
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(lichtuDf?. Das zei^t schon zur (Jcniig«' diu Art 8oln<M' Aufzeichnung: sie ist frei von jtjdcr verwischenden Nach- hilfe und behält namentlich in der illteren Handsclirift H* die mundartlichen Elemente, wie auch alles Trüninierhafte getreu bei'), so dass diese erste Gebiidi-ten dargebrachte Sanmilung noch heute für die vergleichende wissenschaft- liche Betrachtung des Volksliedes Wert hat. Auch die Melodien — „die alten Melodien, wie sie Gott erschaflen hat" — schienen Goethen der Aufzeichnung würdig, während die meisten dieser ersten Sammler noch achtlos daran vorübergingen. Leider sind uns diese musikalischen Notizen nicht erhalten.
Das einmal erwachte Interesse verliess Goethe nicht bis zu seinem Lebensende.-) ,,In den Märlein und Liedern, die unter Handwerksburschen, Soldaten und Mägden herum- gehen, wäre oft eine neue Melodie, oft der wahre Romanzen- ton zu holen" schrieb 1772 der junge Recensent der Frankfurter Gelehrten Anzeigten"'); und schon hatte er selbst begonnen, beim Volksliede in die Schule zu gehen. Denn noch in Strassburg entstand das „Haidenröslein" nach einem Liede in der Sammlung Pauls von der Aelst. Dann führt die kleine Scene „Vor Gericht" ein Motiv des Liedes vom Pfalzgrafen selbständig aus. Ist schon dieses Gedicht voll dramatischen Lebens, so zeigt sich vollends im Schluss des Clavigo wie auch (Jem Dramatiker Goethe das Volkslied Impulse gab: Situationen des Liedes vom Hen-n und der Magd schweben hier vor. Vielleicht wurde selbst die Conception der Valentinscene im Faust durcli verwandte Lieder vorbereitet.*) „Menschen, die mit ihrem Körper lieben, mit ihren Augen denken und
1) Vgl. über diesen Punkt Martin in dem „Jahrbuch u.s.w." S. 116 u. 120, Anm. 3.
2) Vgl. zu dem Folgenden: W. v. Biedermann: „(loethe und das Volkslied" in den „Goethefor-sohungen", N. F. Leipzig lSb(i, S. 303; M. V. Waldberg: „Goethe und das Volkslied", Rörlin 18S9.
8) Weim. Ausg. 37, 229.
*} VgL E. Schoüdt: H. L. Wagner, 2. Aufl. 1879, S. 134, Anm. 64.
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mit ihren Fäusten zuscbluf^en", hatte der jun^^c Ri^ronsont im Volkslieile gefunden: gewiss gehört auch Valentin zu diesen. Ob übrigens nur die voHen Farben und starken Acccnt«? uns an das Volkslied gemahnen sollen? Otto Ludwig fand eine gewisse Weichheit Goethescher "Dramatik darin beschlossen, dass er „das Schreckliche blos andeutet und aus der mildernden Entfernung der Vergangenlicit volksliedartig herUberkUngen lässt.*") Doch ist das natürliche Verwandtschaft; noch aber sind der Fälle genug, wo der Philologe vom Lernen spreclien darf. Im Geiste des Volksliedes und der Lenore Bürgers ist die Claudinen- ballade geschaffen, die wiederum Motive des Liedes vom Herrn und der Magd verwertet; Crugantino, der sie singt, und Gonzalo rühmen „die alten Lieder, die Liebeslieder, die Mordgeschichten, die Gespenstergeschichten", und auf die Renaissance des Volksliedes in Goethes eigener Zeit wird angespielt. 2) Auch die Einlagen des Goetz verleugnen so wenig wie die des Egmont und Faust die Schule der Volkspoesie'): die Romantik rheinischer Volkslieder webt im „König in Thule", der — auch ein Lieblingslied des Volksliedsammlers und vornehmsten Rheiudichters Brentano — durch Öhlenschlägers Vermittelung in Dänemark wirk- liches Volkslied wurde.-*) Goethe kehrt aber auch noch vor Weimar bei fremden Völkern ein und gewinnt auf Umwegen den auch für die Geschichte der poetischen Formen bedeutsamen serbischen „Klaggesang der edlen Frauen des Asan Aga'' ; in Weimar liefert er dann 1782 die beiden brasilianischen Lieder Montaigneschen Augedenkens trefflich übeitragen in das Journal von
') Werke od. A. Stern 5,348.
2) Weim. Ausg. 38, 154.
3) Zu „Schwing dich uuf, Frau Naclitigall", vgl. Uttethe, Anz. f. deutsches Altertum 23,397; zu (•lärcheu.s „Freudvoll und leidvoll" E. Schmidt, Charakteristiken 2, 1«4 Anm.
*) E. Schmidt, ebenda. — Brentano: s. Arnims Anspielung- ■Wunderhorn 1,458.
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Tiefurt. ') Von solchen Trutz- und Liebesliederu der Wilden zu dem mystisch - legendarischen ,. Christlichen Roman", den er ebenda al)druckt, ist wohl ein weiter Wog, aber Goethes freie Empfänglichkeit versagte sich solchen Stücken so wenig wie dem kecksten burlesken Volkshumor, mit dem zwei dorn Hoffräulein v. Göchhausen diktierte deutsche Lieder das Christlich - Biblische be- handeln. 2) Die Tagebuchnotiz vom 2. Nov. 1776") zeigt auch, dass er den Nicolaischen Almanaoh nicht unbeachtet hatte vorübergehen lassen. Ein ganzer Chor von Volks- liedern Herders und volkstümlichen Liedern erklingt in der „Fischerin", die auf solchen Vortrag in stimmungs- voller Umgebung ihre stärkste Wirkung baut."*) Es kann hier nicht der Ort sein, im Einzelnen den stets er- neuten Impulsen nachzugehen, die Goethes Lyiik und Balladendichtung vom Volkslied»- empfing: aber auch be- trachtend, sammelnd und übersetzend bleibt er in Italien und später dem Volksliede treu. Was er in jenem SUd- lande über Volksgesang beobachtet hat, erzählt er in der
1) Schriften der Goethe- Gesellschaft 7,296 u. 303. Letzteres Lied iu „Kunst und Altertum" 1826 (V 3. 130) wiederholt Vgl. Weim. Ausg. 4, 320 u. 333.
2) Aus dem Nachlasse mitgeteilt von E. Schmidt, „Zs. des Vereins für Volkskunde" 6, 3r>0; etwas abweichend beide Lieder Wunderhorn 2,399 u. 403. — Der „Christliehe Roman": Schriften der Goethe-Ciesellschaft 7,217 (Wuuderliorn l,f)4).
3) Weim. Ausg., Abt. III 1, 26.
*) Dans man in weimarischon Kreisen das Volk.slied für ge- sellige Unterhaltung fruchtbar zu machen wusste. bezeugen ausser- dem die Kompositionen des Hofmaunes Siegraund von Seckendorff, al.s „Volks- und andere Lieder" in 3 Sammlungen 1779—82 herau.s- gogeben. Hier findet sich unter andrem der „Edward" zuei'st komponiert; wie die.ser sind die übrigen Volksliedertex to ans Herder entnommen, nicht ohne gelegentliche prüde oder effekt- haschende Änderungen, z. B. in ,Herr Oluf in der 3. Samndung: „ein Schnupftuch von Seide" statt des undelikaten „Hemdes von Seide"; oder der Effekt: „Da ächzt er, <la st^rb er", am Schlu.sa desselben Liedes. Als Ganzes gehören diese Sammlungen in die Musikgeschichte.
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italienischen Reise'); ein italienisches Volkslied gab ihm seineu melodischen „Nachtgesang" ein. Dem „Wiiuder- horn" ebnete Goethes öifentliche Anerkennung gar sehr den Weg, wenn es dem Meister auch nicht gelang, die Eigenart jedes einzelnen Liedes in ein paar lakonische Stichworte voll einzufangon. Und eben um die Zeit des ^Wunderhorns", doch unabhängig davon, 1807 nach den Tag- und Jahresheften, 1808, wie v. Loeper ermittelte^), bedaclito Goethe selbst neben einem „historisch religiösen Volksbuch"' eine „allgemeine Liedersanmüuug zur Er- bauung und Ergetzung der Deutschen". Es verwächst aber bei dem späteren Goethe die Neigung zur Volks- poesie aufs engste mit weltlitterarischen Interessen; jenes späte kleine Gedicht, das den Sphärentanz der Gesänge von Pol zu Pol feiert, spiegelt diese Verschmelzung be- zeichnend wieder. Schon bei der Recension des Wunder- horns hatte er nach einer internationalen Fortsetzung ausgeblickt. Ei- meint von Wilhelm Grimms altdänischen Liedern, „sie sind wunderbar, wir haben dergleichen nicht gemacht"''); er schickt anfangs 1811 an Zelter sein „Schweizerlied" und die Bearbeitung eines finnischen; 1814 trägt er eines seiner elsässischen Lieder in Karls- ruhe in Hebels Gegenwart vor*); 1815 nimmt er an den neugriechischen, welche die Herren v. Natzmer und Haxt- hausen gesammelt hatten, lebhaften Anteil, vergebens freilich zum Drucke mahnend."^) Besonders aber legt in
>) Henipel 24, 683 fg.
2) Weim. Auag. 36, 30. Goetbe-Jabrb. 4, 369.
3) steig: „Goethe und die Brüder Grimm", S. 58. Allerdings hütete er sich, als die Sammlung vollständig war, öfff^ntlich für sie einzutreton, um nicht als Parteimann der Romantik zu er- scheinen; vgl. den küMen Sekretär-Brief ebenda S. SO.
*) „Sulpiz Boisser6e", Stuttgart 1862, 1, 2S8. l-^iimisch: „Kam der liebe Wohlbekannte". Zu dem SrliweizerliDde vgl. Zs. des Vereins für Voliskunde 5, 160 und Taschenbuch der histor. Ges. des Kantons Aargau 1896, S. 60.
^) Weim. Ausg. 36,94; vgl. aber auch v. Biedermanns An- merkung bei Hempel 27, 486.
PaUaatra, XJCIL 6
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Goethes spätestem Alter die Zeitschrift „Kunst und Alter- tum" noch einmal umfänglicheres Zeugnis fUr sein welt- litteranscli ausgel)reitetes Interesse ah. Hier überträgt er seihst aus dem Neugriechischen, würdigt Kind's ein- schlägige Sammlung und lässt auch Rhesa's litthauische und mehrere serhische Revue passieren. Ja, er scheint zeitweilig die Herausgabe von Liedern des europäischen Ostens „vom Olympus bis ans Baltische Meer" selbst ge- plant zu haben.') Bei den serbischen Liedern kann er stimmungsvoll an seine eigene Jugend — Asan Aga — ankiiüpfen und auch in dem kurzen Aufsatze „Volks- gosänge, abermals empfohlen" von dieser seinen Ausgang nehmen. Auch den Begrit!" des Volksliedes, den der Jüngling natürlich in der bunten Herderischen Fülle Über- nommen hatte, fühlt der Mann der Romantik gegenüber zu revidieren das Bedürfnis. Antiromantisch aber ent- scheidet die Recension des Wunderhoms, dass das Volks- lied „weder vom Volke noch fürs Volk" gedichtet sei; und während die Romantik in der Volkspoesie eine geheimnis- volle, zur Kunstdichtung nahezu incommensurable Gattung sehen wollte, betont einer der Sprüche in Prosa, dass alle Vorteile des Volksliedes auch dem Kunstdichter zugäng- lich seien. 2) Goethe ist also in Sachen des Volksliedes nie Romantiker gewesen; dass er aber die Ideen Herders seinerseits in anderer Richtung als die Romantik wesent- lich fortgeführt habe, vermag ich auch nicht aus seinen Äusserungen mit v. Waldberg herauszulesen.') Der an- gezogene Spruch in Prosa trifft nicht Herders Antithese:
») S. Hempel 29, 562 und das Schema Weim. Ausg. 3, 429: dazu Arnold im zweiten Ei'gänzungshefte der Zs. Euphorien fl89(») S. 107, der die neugriechischen Lieder in grösserem Zusammenhange würdigt. — Die .sonstigen Stellen aus „Kunst und Altertum" bei Jlempel Bd. 29, S. 5(51, 563, 575—696, 802.
2) Honipel 19, 141.
■^) S. hosonders S. 14 ff. bei Waldberg. Nach meiner Empfindung ist Herder, des.sen VolksliedbegrifT hier „bequemer Mysticismii.s" gescholten wird, bei v. Waldberg unterschätzt; dann kam freilich ein Abstand zu Goethe heraus.
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„Natur- und Kunstpoesie", die noch kein romantisclier Dualismus war; denn Herder — und so die Gonies — stellte ja ganz im Sinne dieses üoetbeschen Spi'udies die Naturpoesie als Muster für die Kunstdicbter bin. Und wenn Goethe in einer seiner letztcji Äusserungen, bei der Recension der „Spanischen Romanzen, übersetzt von Beauj-egard Pandin" (v. Jariges). Volkslieder als „Lieder die ein jedes Volk eigentümlich bezeichnen" definiert'), so lenkt er vollends in Herderisches Fahrwasser ein. Als originalste Äusserung Goethes erscheint mir eine Be- merkung in der Kritik des Wundcrborns, in der er den Namen .Volkslieder' bei solchen Gedicbten legitimiert findet, die „so etwas Stämmiges. Tüchtiges in sich haben und begreifen, dass der kern- und stammhafte Teil der Nationen dergleichen Dinge fasst, behält, sich zueignet und mitunter fortpflanzt." 2) Obschon auch diese Definition noch innere und äussere Merkmale tastend v(;rquickt, rückt der x\ccent doch schon vernehmlich nach dem Kriterium hin, das heut als das entscheidende gilt: die Reception durch das Volk. Hier dürfte in der That ein Punkt sein, wo Goethe etwas über Herder hinauskam. Merkwürdig übrigens, dass in der Folgezeit gerade ein Goetheschcs Liedchen „Kleine Blumen, kleine Blätter" bew^eisen sollte, dass das Volk neben dem Stämmig- Tüchtigen auch das Graziös-Schwebende einmal erhört.'')
Solchen weit ausgreifenden Bestrebungen Goethes, für deren erschöpfende Scliilderung auch noch die Briefwechsel heranzuziehen wären, stellen sieh die einiger anderer Männer des rheinischen Kreises weit ])escheidener an die Seite. Jung-Stillings schon erwähnte Nachahnuingen bezeugen nicht mehr als die liebevolle Teilnahme eines
') Hcmpel 29, 607.
2) Hompol 29, 396.
3) Über „Kleine Blnmon, klcino BLäller" ju; Volksmunde, durch Kellers Sinngedicht unvin-g-esslich geworden, handelt zu- sammenfa-ssend: E. Schmidt, CharakterisLiketi 2,177. (Melodie; Max Friedländer Goethe- Jahrb. 17, 178).
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Rinnes, den doch vornehnili«'h das iiussoro Co^tÜni, dif Manier, fesselte. Bei weit ^^üSKcrer Freiheit iui Eiiizelueii traf Lenz den Volkston viel besser in seinem trefflichen „Rösel uns llennegau", das Muhme Wesener in eine leicht- sinnige Scenc der , Soldaten" (11, 3) warnend hineinsin^, Sainmellust re^te sich beim Maler Müller: er notierte sich anscheinend aus niüudliclK^r Überlieferung, und jeden- falls abweichend von Nicolai, das Lied vom Herrn und der Magd, sowie Bruchstücke zweier anderer Liedchen.') In seinem „Soldatenabschied" („Heute scheid' ich, heute wandr ich") aber glückte ihm ein Stück, das, äiissei-st sangbai" und Motive des Volksliedes geschickt verwertentl, noch lieuto als Volkslied lebt. So gelang auch einem anderen Süddeutschen, dem Sehwaben Seh u hart, das Lied „Auf, auf ihr Brüder und seid stark, der Abschiedstag ist da, Wir ziehen über Land und Mc(t ins heisse Afrika**, das sofort zündete und Arnim in ländlicher Sommernacht zuerst die „volle thateneigene Gew alt'' des Volksgesanges nahe brachte.^)
Bei Herder, dem geistigen Vater der Genie-Be- strebungen, nahmen di<' deutschen Lic^der in seiner Samm- lung nur einen verhältnismässig geringen Raum ein. Etwa der vierte Teil aller mitgeteilten Lieder ist deutsch, und ebenso war das Verhältnis in dei- zurückgezogenen ersten Sammlung gewesen. Der CJrund datili' liegt in der Spär- liclikeit der Quellen. Eine einzige deutsche Sammlung stand ihm zu Gebote, die Pauls von der Aelst. Mühsam hatte er dann noch einiges geschichtlichen und philo- logischen Werken, wie Spangenbergs Mannsfelder Chronik und Morhofs Poeterey abgewonnen. Wie viel mehr Hülfs- mittel hatte Percy für seine engere Aufgabe gehallt! Da ist begreiflich, dass Herder Anleihen bei Kunstdichtern machte. Bei seinem überhaupt dehnbaren Volksliedbegrifl'e mochte es auch hingehen, wenn er Stücke wie das .,Abend-
1) SeuftV-rt. Maler MüIIpt (T^oilin 1877), Anhang S. 455. «) Wiinderhorn 1, 428 (Text 1, 315).
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lied" von Claudius und (rootlu-s ,, Fischer" aufnahm; in solclien liicdern durfte er mit Ulm ht das wiedorlinden, was Heinrich Hein(3 einmal „die sympathetische Naturkraft" der VolksHeder nennt. Auch Simon Daclis frisches „Aennchen Yon Tharau" wird man sich namentlicli im <iStpreu8sischeo Platt, wie es die erste Samu»hini< noch hrachte. gern ge- fallen lassen, weniger schon das etwas zu didaktische „Freundschaftslied". Aber Li(^der von Uist, Opitz und Roberthin sind doch in keinem Sinne mehr dem Volkslied verwandt, und hier dürfte wohl ein frisch eiwachtes histo- risches Interesse Herders ilsthotisches Gefühl beirrt haben. Zu Opitzens „Freiheit in der Liebe" bemerkt er (S. 540): .,Mehr als einmal ist der Wunsch geschehen, dass Opitzens, Flemings und anderer zerstreute verlorne Gedichte auf- gefunden und gesammelt würden. Hier ist eins von Opitz . . . ich wünsche, dass ihm mehrere und l)essere folgen nUJgen". Dies und die Aufnahme des althochdeutschen Ludwigsliedes (dessen Übertragung nicht gut gelang) gi<'.bt vielleicht einen Fingerzeig. Übrigens ist nicht zu üljer- sehen. dass diese Lieder erst 1778 zahlreicher eindringen; die erste Samndung von 1773 brachte nur das „Aennchen von Tharau", während Opitzens „File in der Liebe", ob- wohl mit lobender Anmerkung versehen, doch wieder zurückgelegt wurde (Werke 25,111). Möglich immerhin, dass auch die erlittenen Angriffe Herdern bedenklich ge- macht hatten --- man erinnere sich nur des müden Nach- wortes der Sammlung - und dass die Aufnahme der Kunst- lieder ein Einlenken darstellt gleich der Übertragung des „Aennchen von Tharau" ins Hochdeutsche, von der Herder .selbst gesteht, das Lied habe dabei verloren (S. 301). Es ist auch auffällig, d;iss 1778 nur drei der von Goethe übersandten Lieder Gnade finden, der Falkenstein, das Lied vom eifersüchtigen Knaben und das Ijiod vom jungen Grafen, während 1773 noch das Lied vom Pfalzgrafen und das vom Grafen Friedrich mitgingen. Doch dämpfte das alles nicht die mächtige Anregung, die von der Sammlung im Ganzen ausging.
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Herders Sammlung stellte zugleich die wUrdigste Antwort dar auf eine P<;rsiflage, die kurz vorher hervur- ^^ctrelen war. In den Jahren 1777 und 1778 hatte der Berliiiei- Huchh-lndltjr Nicolai, ein Stimnifiliircr des Katio- nalismu.s, seinen „Foynen kleynen Almanacli voll schönerr echterr liblicher Volkslieder, lustigerr Reyen undt kleg- licher Mordgeschichte" ausgehen lassen. Es war ein Hieb namentlich ge^^on Bürgers „Herzensausguss", des weiteren auch gegen Herders Ossianaufsatz. Aber weder der niUh- samc Witz der Vorreden, noch die verzerrte Schreibung und die polemischen Drucker, die Nicolai in die auch sonst frei behandelten Texte hineinredigiert hatte, noch die obscönen Gassenhauer vermochten das Volkslied wirklich lächerlich zu machen. Zwar war Nicolai nicht der einzige Gegner des Volksliedes, obschon der würdeloseste. Auch andere Männer der älteren Generation sahen kopfschüttelnd dem Enthusiasmus der Jugend zu. Dem zwölften der „Briefe' von H. P. Sturz ist die „Zuschrift eines Freundes'' angehängt — es sei dies nun Sturz selbst oder Joh. Georg Zimmermann') — in der ein „Wehe" erschallt über die neuerdings beliebte ,.ThränenUbung im Mondschein, den Veitstanz convulsivischer Leidenschaften, den stark sein bullenden Unsinn, anentheuerlich aus Barden und Skalden geplündert", über das Absingen von „"Mord- und Gespenster- geschichten . . . Volksliedern, die man nachzuleiern nicht errötet, als wäre es ein schimmerndes Verdienst, so witzig als ein Handwerk.sbursch zu sein". Der Genius der deutschen Litteratur scheine „zur faselnden Kindheit herab- zusinken''. Ähnlicli abschätzig spricht auch ein Anonymus
«) Ich möchte mich mit Koberstein* (2, 1522 £) und E. Schmidt {Charak(<Ti.slikeJi 1,237) gegen Max Koch (S. 131 f) lieber für das erslovc cnlscheitlen: Slui'zens Zwittorslolluiiß: den Stürmern gegen- über würde ein solcher Angriff mit hiutenangeUängter Milderung, die doch mehrfach wieder ins Ironische umschlagt, ganz ent- sprechen. Man vergleiche auch seine Briefstelle: „Au.s der teutschen Volkspoesie Hess sich, dünkl mich, doch so recht viel nicht heraus- desülUren" bei Koch S. 130 Anm. 1.
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in den „Rheinischen Beiträgen zur Gelehrsamkeit'' (1781 2, 146) von dem „Aul'sucheii und Sammeln von Balladen und Gassenhauern, Minneliedern, Volksliedern, Sprich- wörtern und wie all dergleichen Dinge mehr heissen, nach welchen unsere Schatzgräber aus der Zunft der schönen Geister mit so heisser Begierde sich umschauen". Etwas origineller verfuiir ein anderer ungenannter „Voiksfreund" im „Journal von und für Deutschland*' (178G 2, 256). Nach- dem er versichert, dass er „schon manchesmal auf Ver- tilgung der allerdümmsten und ausgelassensten, sowohl den Sitten als dem Verstände verderblichen Lieder, die haupt- sächlich von Handwerksburschen gesungen zu werden pllcgen" gedacht habe, rückt er mit einer „Pi ■■^isaufgabe" für „muntere, gefällige und zugleich auf Verbesserung der SiHlichkeit Einfluss habende Lieder" heraus, welche „die alten garstigen Gassen- imd ßierhausschmierer" verdrängen und einen besseren Stoff für „die elenden Hecken- druckereien" abgeben sollen, „in deren schmierigen und lumpichten Pressen die bisherigen Volkslieder ihre Ent- stehung erhalten haben". Für einen Dukaten pro Stück, lieber aber noch für „das Vergnügen Volksprediger zu werden" möchte er Lieder haben nach dem Rezept: „Sitt- lich, sprachrein, deutlich, und besonders munter und diese Gattung von Leuten (!) zum Lachen reizend"; „für jede Profession fast hätte ich gern eines, welches ia dem Cha- racter des Unterscheidenden in jedem Handwerke, mit Kunstwörtern der Profession tüchtig durchspickt, verfertigt wäre". Das liest sich denn freilich wie ein Programm für Zacharias Beckers „Mildheimisches Liederbuch über alle Dinge in der Welt und alle Umstände des menschlichen Lebens, die man besingen kann" mit seinen unterschied- lichen Liedern für Schornsteinfeger und Landpfarrer, Savoyarden und Schriftsteller, Juden und „Magisträte" Doch stehen den paar Bundesgenossen Nicolais zahlreiche andere Männer gegenüber, die sein Bestreben zurück- wiesen.') Der Alraanach leistete sogar der Gegenpartei
1) 8. EUingers ausführliche Einleitung zu seinem Neudrucke
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wider Willen einen guten Dienst, indem er eine wertvolle Sainndung des Kl. .lalirliiindortF, die Bergreilmii des Nürn- l»ergisclii'n Druckors Hans üaubmann (1547j, welche Haupt- quoUe waren, den Volkslicdfreunden orschlos-s und daneben noch manrlien fliegenden Einzeldruck. Leute, die aus dem Tagesstieito heraus "waren, wie Gräter und die Heraas- geber des „Wunderhorns", sprechen nur unter diesem positiven Gesichtspunkte von dem Alraanach.
Zu den Männern, von denen sich Nicolai durch persön- liche Verbindung Beitrüge verschafft hatte, gehörte auch der Osnabrücker Historiker Justus Moser, der die platt- deutschen Bauernlieder des zweiten Teiles geliefert hatte. ') Der Verfasser der „Spinnstubenphantasie" ^) kannte den Volksgesang aus dem Leben, war durch seine historischen Studien aucl mit der Limburger Chronik gleich Lessing vertraut^) uiu. ersehnte die Zeit, wo auch in Deutschland die alten Gesänge gesammelt werden würden, die ihm ., lieber wären als die Knochen aller 11000 Jungfern zu Cöln"; die Zeit, wo „ein Bürger unsere alten Volks- crzählungcn und legendary tales, die zuweilen so kräftig sind und immer noch den Mann ergetzen, wenn er die Freuden der Jünglinge geschmacklos findet, behandeln möge"."*) Er bespricht dann des näheren die Volkslegende vom heiligen Petrus mit dem gedoppelten Schlüssel. Wie hier auf die Legende, so wies er noch auf eine andere Gruppe zwar nicht der Volkspoesie im engeren Sinne, doch der Gesellschaftspoesie hin: auf das lateinische Trinklied des Mittelalters^) — zufällig in demselben Jahre, wo Bürger sein „königliches Sauflied": „Ich will einst bei
des AlmaTiach.s (Berliner Neuditicke Bd. 1 u. 2, 1888), die mir er- laubt, hier nuj' anzudeuten.
*) VgL Mosers Vormischte Schriften 2, 163 (Bei"lin u. Stettin 1798).
2) Patriotische Phantasien 1 (Berlin 1775), S. 41.
3) Ebenda S. 51, Anm.
*) Vorm. Sehr. 2, 233 u. 280.
B) Patriotische Phantasien B (1778), 2tt0.
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Ja und Nein vor dem Zapfen sterben" dem Erzpoeten nachsang. Freilich geht auch Mosern wieder Minnelied und Volkslied noch vielfach durcheinander') und mehr Beruf als zu einem deutschen Percy hätte er sicherlich zu einem deutschen Warton gehaht, als den Herder ihn gern sehen wollte. 2)
Der junge Goethe hatte sich glücklich gepriesen, hei alten Mütterchen wenigstens noch ein Stück Yolksgosang zu finden: „denn ihre Enkel singen alle: Ich liebte nur Ismenen". Denselben Ton schlägt der singenden Jugend gegenüber Joh. Georg Jacobi an.'') Die modernen Mädchen sängen nur noch italienische Arien mit ge- künsteltem Theater -Vortrage, mehr um zu glänzen als um zu vergnügen. Wer es aber auch heut noch mit „denen herzlichen ungezwungenen Mädchen" der alten Zeit und mit Alcest in Moli^re's Misanthrope hielte'*), dem setze er „zur Bestärkung in seinem guten echten Gefühle" ein „Lieblingsstück unserer Vorfahren" her: das Lied vom eifersüchtigen Knaben, nrbst der Melodie. So war d<'nn auch ein Anacreontiker unter die Freunde des Volksliedes gegangen, wie ja einst auch Hagedorn der klassischen und der Volksmuse unbefangen zugleich gehuldigt hatte. •'^) Es scheint, dass Jacobi sein Liedchen niündliclior Über- lieferung entnahm: „Meine Freunde und Freundinnen und ich haben öfter, wenn wir uns in die vergangenen Jahre
') S. den Brief an Ursinus, Veim. Sclir. 2, 233, besonders, was er ihm anbietet; die dort angedeuteten Lieder sind Patriot. Phant. 3,240 in extenso mitgeteilt.
2) Werke 25,65 und „Ideen" 4 (1791), 26 u. 286.
3) Iris 5 (1776), 129: „Vom Singen".
*) Jacobi über.setzt das Liedchen: „Si le roi m" avait donne . . ."
folgenderma.ssen :
Wenn der König mir verhies.=i'
Seine grosse Stadt Paris Verlor mein Liebchen drüber —
Wollte sagen altsobald: Herr König, Eure Stadt behalt't, Mein Liebchen isst mir lieber. Er giebt aber klugerweise auch den Urtext.
6) S. Hagedorns Vorrede zu den „Oden und Liedern", 1747,
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binointräunicn wollten, die Sterne damit bewillkommt" (S. 132) — deutlicher Hpriclit er sich nicht ühcr di»' Quelle aus. Weniger gut war .Jjicobi freilich beraten, als er — noch in demselb«!n 5. Band der Iris (8. 184) — Klamer Schniidt's ^rollfaibig-rhetori.schc Bearbeitun}^ von ,Fair Uosainund', in Lonorenstrophcn, aufnahm; und auch ihn bostiichcn, wie Herdern, die niadegassisch eingekleideten Erotica des französischen Barons Parny. Er nahm sie unter ausdrücklicher Versicherung ihrer Echtheit 1795 und 1796 in das „Taschenbucli von J. G. Jacobi und seinen Freunden'' auf. Übersetzer war der Kujjferstecher Fiessinger.')
Weit nachhaltiger als die Iris trat ein Organ der jungen Generation für das Volkslied ein: Boie's „Deut- sches Museum". Bürgers „Herzensausguss", Herders Aufsatz „Von Ähnlichkeit . . ." sind uns aus demselben schon begegnet. Es brachte aber auch gleich der erste Jahrgang eine Partie deutscher Volkslieder aus den Händen desselben Eschen bürg, der gleichzeitig die Sammlung \on Ursinus mit englischen Liedern versorgte. Er sandte 7 Lieder und 2 Bruchstücke ein (1776 1,389): darunter den „Hildebrand", zu dem Herder in derselben Zeitschrift (1781 1,268) noch Varianten aus einem anderen Drucke lieferte*), und das „Schloss in Österreich", indessen bleibt die Frage offen, wie weit hinter diesen Mitteilungen Eschen- burgs noch ein anderer stellt, und zwar kein geringerer als Lessing. Dieser nämlich schrieb am 20. September 1777 an Nicolai, der ihn um Volkslieder angegangen hatte: „Und hierbei muss ich Ihnen aaz'' sagen, dass ich schon
») Jgg. 1795 S. 120 11. 177; Jgg. 1796 S. 183 u. 219. Der Über- setzer ist iu letzterem Jahrg'p'. S. 224, Anm., genannt; auf derselben Seite Jacubi's liekraftifrunjr der Echtheit. An diese kann ich .so wenig als D. Jacoby (Z.s. f. deutsche.s AUcrlum 24,236) glauben. Es er.srheint mir höeh.st unwahrscheinlich, das.s ein Wilder die .sinnlichem Liebe mit .^jo \ic.] Delik.ite.sse behandeln sollte, wie hier geschieht, wo bei aller Unverhiilltheit nie ein roher Zng einüie.sst.
2) Herder nämlich ist der Anonymus: s. Esche nburgs „Denk- mäler altdeutscher Dichtkiin.st", Bremen 1799, S. 439.
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vor vielen Jahren Hrn. Eschenburg das Anziehendste ge- geben habe, was sich von (licsoni Schrot und Korn in der (WolfenbUttlor) Bibliothek gefunden."') Im einzelnen kann sich Lessing nur noch entsinnen, ilass er das derb schwank- hafte Stückchen von dem „Bräutlein das nicht wollt' zu Bett" Eschenburg übergeben habe: dieses aber gehört zu den an unserer Stelle gedruckten. Lessing hatte ja sein Interesse an Volksliedern schon 1751) im 33. I>itteratur- briefe bekundet, hatte Gleim gegenüber die vortreffliche Landsknechteistrophe „Kein seiger Tod ist in der Welt . .", die er aus Morhof kannte, gerühmt^), und an desselben Dichters „Liedern fürs Volk" das Bestreben gelobt, das Volk ernst zu nehmen, sieh — nicht „herabzulassen" — sondern unter dasselbe zu mischen.') Er kannte auch und schätzte gerade um der Lieder willen die Limbui'ger Chronik.'*) Später unterschied er Nicolai gegenüber die einzelnen Gruppen des Volksliedes untereinander und von den ,Pöbelliedern' so scharf, dass Nicolai etwiis betreten zurückschrieb: „Orsina kann nicht feiner distinguiren, als Sie die verschiedenen Arten der VolksHeder." •'^) Kaum brauchte es noch der ausdrücklichen Versicherung gegen Herder: „Ihre Volkslieder sind mir sehr lieb und wert."*) Bei Nicolai vermissto Lossing vor allem die Quellen-
») Hempel 20«, 717.
2) 6. Feb. 1768 (Hempel 20», 148); allerdings gefiel ihm nur diese lötzte Strophe des Kriegsliedes; (über J. Vogel als Verfasser oder wohl Vermittler 8. Eichler iu Seufferts Vierteljahrsschrift für Litteraturgeschichte 2, 246.)
3) 22. März 1772 (20>, 491). Diese Lessingsche Briefstelle kon- trastiert eigentümlich zu Schillers Worten in der Bürgerreconsion, von dem „männlichen Geiste, der, eingeweiht in die Mysterien des Schönen, Edlen und Wahren, zu dem Vollce bildend hernieder- steigt, aber auch in der vertrautesten (Gemeinschaft mit dem.selben nie seine hininilischo Abkmft verleugnet" (Werke 6, 320).
•*) S. die Auszüge Werke ed. Lachmann 1. Aufl. 11, 473; vgl. Gräters ,Bragur* 6 ', 86.
^) 10. Okt. 1777 i Hempel 202, 897). Lessings Scheidung: 20. Sept, 1777 (20», 717).
«) 25. Juni 1780 (20», 808).
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;ni<^:ilKMi: Mnn honcfilc, dass in Eschf-nhiirfff; Mitt(»ilunj? die — (luichwc^ ^rdruckton — Qntdlon mit ^Tosser Exakt- heit an^'CK<d)eii sind. Nach all dem i»iöchto ich den Anteil f.essinjrs ;m dieser Veröfrentliehiin}< nicht zu p^ering' an- setzen. Andererseits war Esciienbur^' sicherlich koin mechnnisch-teilnamsloser Herausgeber, das schliesst schon i^oin uns bekanntes Interesse an den «.'njjfjischen Liedern aus. Und als er 1790 di<' deutschen Lieder aus dem Aluscum in seine „Denkmäler altdeutscher Dichtkunst"* hiniibernuhm (S. 4:^5 fg.), hatt« er sie rund um die Hälfte veinnehrt. Schwerlich dürfte auch all dies noch aus dem alten Schatze stammen, den Lessing bereits 1777 Esehen- burg „vor vielen .Jahren" überliefert haben will. Die Qtielh'uangaben auch der 1709 neu binzujj:ekonimenen Lieder, unter denen der Lindenschmidt, sind gleichfalls sorgfältig; nur bei .,Elslein, liebstes Elselein" fehlt eine Angnl»e. Noch die Herausgeber des „Wunderhornos " standen mit Eschenburg in Verbindung.')
Kinen weiteren Reit rag brachte der Jahrgang 1778 (2, 'W2) aus der Feder des schwäbischen (lymnasial- profossors David Christoph Seybold.*) Der Verfasser schib' rt den Kinderaufzug zur Einholung des Sommers, ilon er in der Pfalz am Sonntage Laetare beobachtet haf): Die Procession mit den hrdzernen Gabeln, durch die eine IJretzcl sich tiuer hindurchzieht, wie wir es auch auf einem Holzschnitte dos „Wunderhornos", vor den Kinderliedern, sehen; dabei sänge jnan: „Tra ri ro, der Sommer der ist do!'' Von diesem Liedchen giebtSeybold eine Art kritischen Text: „Wie alles vorbei war, verglich ich mein Nach-
') Stei^': „Ach. v. Arnim und Giemen.'; Brentano", S. 188.
-) Dor.solbo, der frllher in Jena war, und mit dem anlässlich seines ..Sc-liveilien.s über den Homer" der junge Ooetbe einen kritisohen M''iiiVonganp in den Franklurter Gel. Anz. hatt«: Weim. Ausg. 37, 1(19.
■•) Nicht -«rit 8<niuliigo Oculi, s. die Bcriohtung 1770 iJ, 7>>, wo Soybold liinzufügt. das.s du8 l-Vvst auch in Schwaben und am Rhein gebräuchlich war, bis man es als .Unfug' abschaffte.
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gesobriobenes und oiiKMulierte, conjekturicrte, redigierte in ordineni." Atuli intt'rpretiert er es liebevoll luid iilt- mudisch — niuss doch so'j^ar Horaz dabei genannt sein — und betont die bestiindigc Variation solcher Lieder: ^Die korrupteste Stelle in einem alten Schriftsteller kann nicht so viele Varianten haben, als ich hörte." Am Eingang seines Aufsatzes cirwilhnt er die Herdersclien Volksliedei- und fordert mit warmen Worten zum Sanmieln auf. Der Gesichtspunkt, unter dem uns seine Veröffentlichung aber vor allem interessiert, ist, dass man hier zum erstenmal herabsteigt zu einer ganz primitiven. Schiebt des Volks- liedes, zum Kinderlied; denn was Herder im Ossianaufsatze so genannt hatte, kann man in Wahrheit nicht dahin reciinen. Freilich that dieser einsame I?uf fürs erste ni»ch wenig Wirkung; erst fast ein Jahrzehnt sj)iiter kamen andere — merkwürdigerweise in dem aufklärerischen „Journal von und für Deutscliland" — ausführlicher auf solche mehr volkskundlichen Materien zurück und schlugen die Brücke zu den umfassenderen Bestrebungen F. D. Gräters.
Zunächst hält man sich noch an das grössere er- zählende Volkslied. Li diese Sphän? lenken auch die noch übrigen Gaben des Deutschen Museums zurück. D(^r Görlitzer Gymnasialdirektor Dr. Carl Theophil Anton, der ins Museum vor allem Aufsätze zur älteren deutschen Litteratur lieferte, gab auch teils aus handschriftlichcj), teils aus gedruckten Quellen einige historische Volkslie<ler des 15. Jahrhunderts, die wir heute sämtlich bei Liliencron wiederfinden.') Ein historisches Volkslied des 17. Jahr- hunderts, auf den Tod Ferdinands IIl. („Schöner Adler, Prinz der Luft, König unter dem Geflüger') teilte ferner A. G. Meissner mit, der 1784 auch die „Tageweis" von Pyramus und Thisbe lieferte.*) Würdig aber schliesst die
») 1777 1,439: Liliencron 1 No. 74; 177H 2,456 f^r, y Lieder: Liliencron 1 No. GO, 66, 108.
■J) Ersteies 1778 2, 1S3, letztere 1784 1,465. Dit^ ,T;i<;'e'weis' ist nur ,M' unterzeichnet; da sie aber übereiustimmt mit dem Drucke
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Stimmen im Doutsclien Museum der w<^stfälisclH' Historiker Clostermeyer, der 1785 (2, 379) die crstf* und bis beut beste niederdeutsche (lippiscbe) Aufzeichnung des „Herrn von Falitenstein" gab; es verschlllgt wenig bei einer durch den Text so wertvollen Gabe, dass er eine irrtlltnliche Deutung beigab. Denn er hielt diese Romanze für ein historisches Volkslied, das auf ein bestimmtes Ereignis ginge. — In der Folge schweigt das Deutsche Museum über das Volks- lied, obwohl es, mit seiner Fortsetzung, noch bis 1791 lebte. Dem ,Dcutschen Museum' ist Canzlers und Meissners „Quartalschrift für ältere Litteratur und neuere Lekttiro" an die Seite zu stellen. Hier teilte im ersten Jahrgange (1783, 2. Stück, S. 102) Canzler „Das Lied von der Frauen von Weissenburg" nach Brotuffs Marsburger Chronik des 16. Jahrhunderts mit, das von hier aus in das „Wundcr- horn" (1, 242) einging. Der folgende Jahrgang 1784 brachte? von demselben Oajizler einen Aufsatz „Über die Vitalien- brüder und ihre berühmtesten Hauptloute Claus Störte- beker und Clütte Michael" '), in dem er das berühmte Volks- lied nach dem hochdeutschen Texte des „Venusgärtleins" abdruckte. Von dieser Sammlung des 17. Jahrhunderts erschien also hier die erst*^ Kunde; zehn Jahre später ging Canzlers College Meissner anderen Ort^^.s weit ge- nauer darauf ein (vgl. miten). In demselben Jahrgange (3. Quartal, 2. Heft, S. 7) bemüht sich Canzler noch um em Schimpfliod des 16. Jahrhunderts, das chronikalischen Nachrichten zufolge in Amiaberg überaus aufreizend ge- wirkt habe: „Johannes im Korbe". Er kennt den Text
in Meissners Apollo 1794, S. 165 (woraus dann das .,Wundorhorn'' schöpfte) so ist dies ,M* sicherlich als .Meissner' anfztilösen.
») Erstes Quartal, I.Heft, S.U. — Nach Angrahe des „Journals von und für Deutschland" 1792, St. 7, 658 u. 565 wurde die Ge- schichte Störtebekers auch dramatisiert: 1707 ein anonymes ,Sing- spiel': „Störtebeker und Jüdge Michaels" (2 Teile, Hanibnrir, S") \ind 1783: „Klaus Storzenbecher, ein Schauspiel aus den ersten Zeiten des blühenden hanseatischen Bundes", von B. 0. D'Arien (Hamburg, 8<*, auch in dessen ,Schauspieleii').
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nicht und sucht ihm durch vornieintlicl» vorwandtf^ Frag- mente näher zu konuuen. Wir werden natürlieli an ein dem bekannten „Heinrich Konrade, der Schreiber im Korb" eng verwandtes Spottlied zu denken haben; dagegen geliört das von Canzler S. 24 hei-angezogene Fragment gar nicht hierher, sondern zur Sippe „Grossnmttt^r Schhmgenköchin". ') — Der dritt^^ und letzte Jahrgang der Quartalsschrifl berührt das Volkslied nicht.
Aber ein Organ, in dem man Volkslieder von vorn- herein kaum suchen würde, Adelungs „Magazin für die deutsche Sprache" brachte inseinem zweiten Bande (1784) noch drei Beiträge. Das burleske Lied „Der Bauer ein Pfründner" (St. 1 S. 152), einem fliegenden Blatte aus der Zeit um 1520 entnonnnen, schildert lustig die Streiche eines Mönch gewordenen Bauers, die, hauptsächlich auf miss- vei^tandenen Befehlen sich aufbauend, stark an die Hans- wurstpossen der Dramen erinnern. Ausser diesem werden die Lieder von „Trimunitas und Floredebel" und vom „Grafen von Rom" nach fliegenden Drucken der Kunigunde Hergotin mitgeteilt (St. 2, S. 51 u. 3, 114).
Die Zeitschriften fühien uns bis in den Anfang der achtziger Jahre. Bevor in der zweiten Hälfte derselben durch allmähliches Hinzutret^^n volkskundlicher Interessen ehie Wendung eintrat, sollte diese erste Welle d(;r Be- wegung noch eine geschlossene Sammlung emporti-eiben. Im Jalu'e 1784 bescherte der junge Hesse Anselm El wert
>) Es lautet:
Wohin, wohin mit deinem Körbchen?
Schönstes Christinchen ! In den Garten, in den (iarten
Liel)ate Muhme mein!
Was willst du in dem Oarten machen?
Schönstes Christinchen ! Blamlein pflücken, Bl&mlein ptlOcken
Liebst« Muhme mein!
Wer soll denn die^e Hlfimlein haben?
Schönstes Christinchen! Herr Johnunes, Herr Johannes
Liebste Muhme meint
Cetera deHunt
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sciiiü „Unj^ediucktoii Roste alten Oosangf^s, nebst Stücken neuerer Dichtkunsl" (Gie8Son u. Marburg.)
lOlweit gali seine Sannulun;.% ähiilieh wie Ursinus, als jungei- Mann iicraus (er war 1761 geboren) und trat dann alsl)ald in die Verborgenheit eines vielbeschäftigten Be- junteiidaseins zurück. Dieser rnistaiid erklärt deu Mangel f.ast aller biographischen Naehrichten über ihn.') Immer- hin ers('hlicssen uns ein paar Brit^fe. ein paar Äusserungen Brentanos, dej- ihn später sali, und vor allem seine eigenen Gedichte den Kern dieser Persöidichkeit. Es muss eine .StiuuMung weicher schwärmerischer Sehnsucht schon in der .Tugend über ihm gelegen haben; eine gewisse Weh- leidigkeit, verstärkt durch eine uns nicht näher bekannte unglückliche Neigung, die das ständige Thema seiner Lyrik bildet.-) Auch die Sinidichkeit in diesen Gedichten hat etwas Weichlich-Schnuichtcnd(>s. Todesphantasien mischen sich ein. Doch was humcr Krankes in Elwerts formell nicht ungewandten Liedern stecke, nirgends machen sie den Eindruck amcs blossen Exercitiums; ein Stückchen Erlebnis haftet allen an. Ein schwacher Seiteuschössling in Elwei-ts Wesen ist die ziendich zahme Satire, die in einzelnen Epigrammen hervortritt; sie vermochte ihm kein Stab zu werden, an dem er sich über die Emptindsamkeit hinaushob. Durch die juristische Beschäftigung in Be- rührung mit der realsten Alltagswelt gebracht, schrak Elwerts mimosenhafte Natur in sich zurück; er macht fortan den Eindruck eines Verwundeten und Resignierten.
') Es versagt z. B. selbst ein .so umfängliches Specialwerk wie K. W. Justi's „Grundlage zu einer hes.si.schOTi Gelehrton-, Schriftsteller- und Künstler-Geschichte vom Jahre 1806 — 1830" — (Elwert starb 1825). Einige kahle Daten stellte Walther in der AWg. Dtsch. Riogr. 6, 76 zusammen,
2) Seine Gedichte finden sich: Dtsch. Mus. 1784 1, S. 278 u. 288; mit leichten Varianton wiederholt im Anhange der ,Reste', wo Elwerts übrige Gedichte stehen. Sie bilden hier, eben als die auf dem Titel gei\annteu „Stücke neuerer Dichtkunst", ein übles An- hängael, das mit Recht in der von Elwerts Sohn besorgten (sonst unveränderten) zweiton Auflage, Marburg 1S48, fortblieb.
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Zwar meint er, sicli abjrefunden zu hüben und die Excerpte, die er als Zwaiizi^^jährigcr ans älterer deutscher Litteratur sich gemacht, nun „als Mann und ganz kalt" zu be- trachten'); aber Grätei"s „Bragur'* ruft ihm doch die alte Welt zurück und erscheint ihm „wie ein Sonnenstrahl für den Gefangenen", der doch zuletzt gestehen nmss „keine Hoffnung mehr zu haben, die wissenschaftlichen Traum- bilder seiner Jugend reali'.iert zu sehen." Es war nur ein flüchtiges aussichtsloses Aufleben gewesen. Ein stärkeres brachte ihm das Ei*schcinen des „Wunderhorns". Jetzt nun, in der belebenden Spannung, mit der er naturgemilss dem Veranstalter dieser S.ammlung entgegentrat, dabei in der gesteigerten Stimmung des Vaters, der im schönen Frühsommer den Sohn auf die Universität begleitet, sah ihn in Heidelberg Brentano und gewann ihn lieb. „Er ist durchaus so liebenswürdig wie seine Sammlung", schrieb Clemens an Arnim.-) Bezeichnend ist aber auch, was er hinzufügt: „Stelle dir vor, dieser alte Practicus selbst ei- kennt unsere Restauration und Ipsefacten für echt; das liebste ist ihm dein verlorner Schwimmer", Man sieht: zum Volksliede stand Elwert immer mehr als Enthusiast, denn als kritischer Kenner. „Ein rechtes Erbauungsbuch": das ist ihm und seiner Familie das „Wunderhorn"; seine Töchter wüssten es beinahe auswendig.') Nicht lange nach dem ersten Besuche erhielt Brentano von Elwert ein Ge- dicht, „Vaters Klage", dem Verluste zweier Töchter ge- widmet: das ansprechendste Elwertsche Gedicht und das einzige, das Anlehnung an das Volkslied zeigt. Zwar Brentano, der solche Stimmungen erst kürzlich selbst erfahren hatte, überdies auch in der Manier eine kleine Verwandtschaft zu der seinigen herausfühlen musste*),
') An Oraler, Brag'ur 8,492. Ebendn «lio foljrendon Citale.
2) Steig: „Ach. v. Arnim und <U. Brenluno" S. 172.
'^) Steig S. 178. Dort auch das gleicii zu erwähnende Gedicht „Vaters Klage". Dieses wurde auf Brentanos Veranlassung von Luise Reichardt komponiert (Steig S. 179, 185).
♦) Arnim bezweifelte wegen dieser Verwandtschaft sogar, das.s
P»:a(!8(raXXri. 6
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iiitorpretiertc es vielleicht zu wolihvollond. Doch wollen wir iliin nicht abstreiten, dass es als Lied eines „von Ge- scliäftcii ordilickton Mannes" eine „scliöne freie Seele'* bezeuge. Was immer auch Elwcrt im Widerstreitc zwischen Leben und Wünschen geworden ist: jedesfalls kein Piiilister. Elwerts Naturell nun übte einen Eintluss auf seine Samn)lung aus, der ihr vorteilhaft wurde und etwas Neu- artijjcs gegenüber den Vorgängern gab. Es führte ihn nämlich naturgemäss zur Volkslyrik hin, die bisher vorder Ballade zurückgestanden hatte; auch was Eschenburg davon gegeben, waren nur wenige kurze Zeilen. Hier al)er finden wir das Lied „Dort oben auf jenem Jierge, da treibt das Wasser ein Ead" (S. 34), das dann später auf ,.Schäfers Klagelied" von Goethe, auf Eichendorff, auf Brentano'). Eintluss üben sollte: dann die weiteren Liebeslieder „Ich kann und mag nicht fröhlich sein" (S. 15), „Schwarz- braunes Äugeicin, wo wendest du dich hin" (S. 39). dann das Nonnenlied „Ich ess nicht gerne Gerste" (S. 17) und andere. Hier auch finden wir, um Ausländisches zu nennen, das naive mittelenglische Frühlingsliedchen „Sumer is icumen, Ihude sing cucu" (S. 9), dessen deutsche Über- setzung allerdings melodischer sein könnte.-) Auch das Nachwort, wo Elwert das liebliche, schon von Herder gebrachte Liedchen „Wenn ich ein Vöglein war" als Bei- spiel heranzieht, zeigt deutlich, dass «u- beim Volksliede stets sofort an die lyrischen Stücke dachte. Freilich ist die Sammlung nun nicht etwa nach Seiten der Lyrik hin einförmig; sie nimmt auch Balladen auf wie „das Lied
Elwevt der Verfasser sei (Stpig S. 184); doch nüisslc dann Brentano gei'adezu den Kiwerlschen Brief S. 178 f. erfunden liaben; auch ist eine gewisse Eckigkeit der äusseren Form bei Brentano scldeclit (lenkbar,
•) Im ersten Rheinmärchon : „l)a«lrnntrn an» ireuliebcn Rheine^ treibt Treue und Liebe ein Rad".
5) Über das l.icd Brandl, Pauls Grundriss, 11 1, (J20 u. 840. — (iriirüoethe vielleicht hier den Kuckucksrefrain für .sein „Frühlings- orakel" auf?
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vom !Ring<'" oder das den Jägerromanzon verwandte Lied: „Und als der Schäfer über die Brücke trieb".') Tberhaupt macht die Saminiung den Kindnu-k bunter Mannigfaltig- keit; sie ist ja auch, wenngleich in den deutschen Liedern ilire eigentliche Bedeutung liegt, thatsächlich international, nur weit kleiner als die Herders. Edda und Ossian, Alt- französisches und Altenglisches — doch nichts aus Percy — finden wir hier, auch Kunstlieder sind reichlich eingestreut, Sie sind nach dem Massstabe „Wahrheit und Leben" aus- gewählt 2): ein ganz ähnlicher, wie er Herdern bei der Auswahl von Kunstliedern leitete, üntt^r den fremden Stücken der Sammlung findet sich jene Partie des alt- französischen ,Lai du corn', die nachmals zu Elwerts Freude Titel und Prologgediclit des Wunderhorns anregte'); sie ist nach Elwerts Angabe (S. 13 u. 144) aus der englischen Umschreibung in Warton's History of English Poetry, 1775, übertragen, wo Elwert auch jenes mittelenglische FrUhlings- •liedchcn gefunden hatte. Bei Elwert spielt das Gedicht von dem wunderbaren Hörn noch keine Eingangsrolle; vielmehi- lässt er eine sehr freie aber geschickte Bearbeitung von Partien der Vciluspa, betitelt „Prophezeiung von dem Untergange der Welt, nach der Edda" Portal bilden, während andererseits die Sammlung recht Elweitisch in elegische Schlussaccorde — Kunstlieder übrigens — aus- klingt. Dazwischen bewegt sich die Anordnung zwanglos ohne erkennbares Princip.
Duell die deutschen Lieder der Sammlung verlangen noch eine nähere Betrachtung. Sie sind -^ nach der Be- merkung zu No. G im Verzeichnis, S. 144 — „aus dem Munde des Volkes am Rhein" aufgenommen. Die Art aber, in der Elwert sie giebt: dass er auf eine Variante
') Vgl. y.n (lioson boulon Höckel „Deiitsclio Volksliosl<>r aus Oberliessen" S. 80 ;i.(10; iu('ik\viiniif>-er\veist' die einzigen Parallelen bei Böckel, i\m- «io<.-li in lOlwerl.s Heimat saminelto.
■•') S. die Anmerkuriit;' zu No. 24 auf S. 140.
^) Vgl. Steig S. 172 und Otto W'arnat.sch, Zr3. für vevgleichonde Litteraturgeschichte, N. F. 11,181.
C
- fit —
Cjüwicht logt (S. 54), ilass er bei cirvr vtn'genonimenen (Konjektur in der Fussnote das Ui-sprlln^'liclio arij^icbt (S. 53), tiass er das Muiidartliciie bewahrt, all das lilsst ihn als einen zuverlUssigen treuen Aufzeichner erkennen. Schade, dass er nicht noch durch Beifügung von Melodien den bleibenden Wert des Buches erhöht hat. Zwar sagt uns El Werts Nachwort, dass zwischen dem Erlernen der Lieder uud der Niederschrift ein längerer Zeitraum lag, während dessen er sie nur im Gedächtnis bewahrte: „Ich würde was vollständigeres liefern können wenn dem nicht so wäre; ich wollte das nicht ungenutzt lassen, was ich hatte". Diese Bemerkung deutet aber doch an, dass er nur das Sichere aufgezeichnet habe. Wenn er ferner hinzufügt: „Weniges habe ich gerettet und gebe es euch hier', so ist anzunehmen, dass er sich in der Sammlung so ziemlich ausgegeben habe. Schwerlich dürft«»n daher jene Materialien, die Elwert später mit den zwei rührenden, von uns bereits für die Charakteristik angezogenen Briefen Gräter über- mittelte, noch viel für das Volkslied enthalten haben. Jedesfalls erschien nur noch einmal und zwar erst 1810 in Gräters „Idunna und Hermode/' (S. 61) ein Volkslied unter Elwerts Namen. Es ist eine Ballade, die in raschem straffem Gange die Motivenfolge: Werbung, Brautgeschenke, Brautnacht, Tod der Braut in derselben. Begräbnis, ab- schreitet, und die, da ich sie ausser dem geläufigen Schlüsse in neueren Sammlungen nicht wiedeiünde. hier unverkürzt stehen mag:
Es küin ein Knab fürs B.iuei-n Thür: Aoh Bauer schaff mir dein Tochter herför'
Der Bauer der dacht in seinem Mut: Der Knabe stolz, wo hat er sein Gut!''
Der Knabe hat der Gaben so viel Und kaufet dem Mäg'dlein was es will.
Er kief ihr ein Oiirlel um ihren Leib Der war viel lang und auch viel breit.
Er kief ihr ein Ring an ihi-e Hand Damit reist sie diirchs ganze Land.
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Er ki»>f ihr ein paar neue Schub Damit trat sio zum Ehsland zu.
])or Taff verging, dio Nacht herkam, Der Bräutgam die Braut schlafen nahm.
Es war kaum um die halbe Nacht Der Bräulgam an sein Braut gedacht.
Er wollt sio nehmen in seinen Arm Da war sie kalt und nicht mehr wurm.
Er wollt sie küsson an ihren Mund Da war sie tot und nicht gesund.
Der Bräutgam schrie mit heller Stimm: Ach Gott hilf mir! mein Lieb ist hin!
Wo krieg ich denn zwei junge Weib Die mir mein Schatz in St-iden kleid?
Wo krieg ich denn sechs junge Knaben Dio mir mein Schatz zur Erde begraben? —
Den Herausgebern des „Wunderhorns" scheint El wort schliesslich doch nichts beigesteuert zu haben; der letzte bekannt gewordene Brief (Steig S. 178) entschuldigt die Säumnis mit dem Tode der beiden Töchter.
Das Nachwort ist warm und verständig geschrieben. Herderisch w'ird hier Volks- und Urpoesio verbunden, Ein- falt, Leben und Wahrheit als hervorstechendste Merkmale des Volksliedes gcrllhmt; Arnims "Wort von der Demant- festigkeit klingt vor, wenn es heisst: „Es muss etwas in diesen simplen Liedern stecken, das ihnen Stärke giebt, dem Zahn der Zeit zu trotzen, der so schnell an unseren schönsten Operarien nagt'' (S. 138). Arnim war denn auch voll liobes über Elworts Sammlung und citiertc mehreres aus dem Nachworte in seinem Volkslieder- Aufsatze.') Wir dürfen dies Lob unterschreiben, ebenso wie wir dorn hand- lich und sorgfältig in Scdez gedruckten Büchlein, dessen Mancherlei nie ohne Geschmack zusammengestellt ist, Brentanos Epitheton „liebenswürdig" nicht vorenthalten werden.
') Wunderhorn 1,457 Aiim.
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Elwcrts Buch hVwh zwischen dem iiinvüidi^eri ..Alma- nach'' NicolaiK und dem „Wundcrhorn'" dio einzi^''o ge- schlossene Saninilung , di«; dem deutschen (weni^'stens liJiuptsächlicli dem deutschen) Volkslicchi galt; denn eine 1794 von einem gewissen Pfarrer R(5tlicr aus Aglaster- hausen angokUndiKto erschien thatsiichlich nie.') Dennoch ist auch das ausgehende Jahrhundert niclit stumm; ja es erweitert sich sogar der Gesichtskreis für Volkstümliches, und tastende Ansätze zu dem, was wir heute Volkskunde nennen, werfen hald auf das Volkslied ein neues Licht.
Der Volkskunde kommt mehr als der Erforschung des Volksliedes ein natürliches Interesse am Auffallenden. Ab- sonderlichen zu Hilfe, so dass volkskundliche Nachrichten selten ganz versiegten, wie verschieden auch die Zeiten und Bildungsinteressen waren.*) Trachten und Feste ins- besondere fesselten die Aufmerksamkeit auch solcher Männer, die für volkstümliche Eigenart längst nicht die Augen eines Herder, Moeser oder Goethe hatten.^) Auch das Aufklärungszeitalter w{\r dafür nicht blind. Jener Anonymus in den „Rheinischen Beiträgen zur Gelehrsam- keit", der so abschätzig über das Sammeln der Volkslieder sprach (s. oben S. 71) that das zu Beginn eines Aufsatzes über „die Eitelkeit der Frauenzimmer des 17. Jahrhunderts". Wielands ,:Merkur' brachte 1783 (2, 331 u. 404) einen ober- flächlichen Artikel über „Form, Geist, Charakter, Sprache, Musik und Tanz der csihnischen Nation", in dem die mit- geteilten Melodien das Werthvollste sind. Dürftig und aus zweiter Hand gaben die „Jahrbücher der preussischen Monarchie unter der Regierung Friedrich Wilhelms IH." (1799 2,415) Nachricht über „Nationaltrachten der alten
«) S. Brentanos Brief bei Steig S. 160; die Ankündigung selbst in Gräters Bragur 3, 478.
2) R. M. Meyer hat in einem Aufsatz: ^Die Anfänge der doiilschen Volkskunde'- in Steinliausens Zs. für Culturgeschichto 2 (1895) S, 135 die dout.sche Vergangonhoii d:ira\ifhiu durchmustert.
5) Über „Goethe und die deutsche Volk.skunde" handelt R. M. Meyer, Zs. des Vereins für Volkskunde 10 (VMO) S. 1.
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Friesen". Das „Journal von und für Deutschland" scheint sich schon durch den Titel in den Dienst eines Volks- tunies zu stellen, bringt aber zumeist nur Berichte, auf die das Xcnion passt:
^\ propos Tübingon! dort sind Mädchen, dio tragen die Züpfo Laug gellorlitf^ii und dort giobt man die Hören lieraus.
Die liüufig wiederkehrende Rubrik „Aberglauben und Ge- wohnheiten des gemeinen Volkes" •) ist ein äusserst trocken aufzählender „Indiculus superstitionum" der Aufklärung. Aber in dem Gewirr dieser Zeitschrift taucht 1784 (1, 47) auch die Anfrage auf: „Ist die Gewohnheit, am Sonntage Laetare Bilder vor den Häusern herum zu tragen und ein gewisses altes Lied dabei herzusagen noch jetzt in einigen Gegenden und Orten Deutschlands im G^ange und was ist der wahrscheinlichste Ursprung derselben?" Seit dieser ei-sten Anfrage verschwand der Gegenstand, der schon 1690 durch Paul Christian Hilscher eine monographische Behandlung erfahren hatte =') und an den jüngst wieder Seybold im „Deutschen Museum" erinnert hatte (s. S. 7(\), nicht mehr aus dem Journal. Am eifrigsten griff ihn der betriebsame Giessoner Professor Christian Heinrich Schmid auf. Eine vermeintliche Ähnlichkeit mit alt- rümischen Lustrationen zog ihn dabei an. Beim weiteren Einarbeiten liess er aber zum Glück diese verfehlte Be- trachtungsweise einem freieren Interesse weichen und trug nun schlechthin alles zusammen, was er an einschlägigen Notizen in Werken verschiedensten Charakters und aus alter und neuer Zeit auftreiben konnte.^) In der That musste noch Jacob Grimm dies die „fleissigste" Sammlung
«) 1785 11,407; 1786 1,180 u. 11,339; 1787 1, 18C, 454 u. If,340; 1788 1,469, 575 u. 11,27, 56, 183, 425, 430; 1790 1,441 u. 11. 2(', 142, 348, 389; 1791 11,176.
2) „De ritu Dominicge T^aelare, quem vulgo appellant den tod austreiben"; vgl. Jac. CJrimm, Deutsche Mythologie * II, 637, Anm. 1.
3) 1787 11,186 u. 480; 1788 1,506 u. II, 409, 455; 1700 1,310; 1791 11,1002. Dazu von anderen: 1784 1,282, 439; 1788 1, 57U u. ir, 27. Schmid gab später noch einen Nachtrag iu der „Deutsclien Monatsschrift" 1798 11,58.
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nennen, zugleich aber die riionlnuiif^ und Kritiklosifrkeit des Aufsatzes r(i;,'eii.') Denn Iner werden dem Leser wohl die venschiedcnen Typen dieses Frühlinj^'sfestes als Kanipf- spicl, als blosses Austragen des „Todes", als Umzug einer conci'etcr gedachten heidnischen Gottheit geschildert, auch der Vorfall bis zur blossen Bettelei, aber «lic l'nterschicdc <!ieser Typen werden eher verwischt als hcrvorgehobm, und während die Sitt« allerdings vor allem im mittleren Deutschland bis zum slavischen Osten hin heimisch er- scheint, bleibt unerhellt, wie die einzelnen Spielarten sich landschaftlich verteilen. Nur weil Schmid nicht sah, wie doch in wesentlichen Punkten das rheinische Kanipfspiel von der polnischen Sitte abstach, konnte er so ernstlich den slavischen Ursprung des Brauches verteidigen (siehe besonders 1700 1,312 f.). Als heidnische, liöchstcns nach- träglich christlich gefärbte Sitte fasste schon Schmid das Fest auf; aber mit behaglicher Breite lässt er auch ab- weichende Ansichten Kevue passieren, hält sich überhaupt bei neueren Äusserungen zu dem Gegenstande fast länger auf als bei den Quellen und erschwert so dem Leser durch ein wirres Gestrüpp von Namen, Titeln und Citaten die Klarheit aufs Äussei^ste. Kurz, hier spricht ein Mann, der. ohne Fühlung mit den neuen Bestrebungen Herders, und dessen lebendiger und treffsicherer Auffassung ganz entbehrend, einen Gegenstand der Volkskunde lediglich aus curiösom Interesse und mit der Unmethode dos Poly- histors behandelt.
Indessen regten Schmids Artikel doch manchen Leser des Journals an, auch seinerseits Beobachtungen oder Lese- früchte Über Volkssitten einzusenden. Wir erfahren von DreikönigsumzUgen, vomUrbanstage der Weingegenden, von Kinderfesten am Tage Gregors des Grossen, des Schutz- patrons der mittelalterlichen Schule.-) Stets ist es der
•) Deutsche Mythologie * II, 637. 642, 64ö.
2) Dreiküni-^umzup: 1788 11,27; 178i> 1,150; 1790 11,88. Urbanstag: 1785 1, 149; 1788 11,50. Gregorsfest: 1784 1,412; 1786 IL20R; 1790 1,352; 1701 1,271. Fastnacht: 17.'i4 T. 421 ; 17B6 11,163:
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oinzelne Brauch, dossen Curiosililt interessiert, meist rej^te nur die wirkliche oder venneintlicbc Verwandtsolmtt mit dem Laetarefcst zur Einsendunji: J^n. Nirgend wird daran erinnert, days Herder schon die Erforschung des gesaniten Volkslohens als wissenschaftliche Aufgabe gestellt hatte. Umfassenderes Interesse zeigte erst wieder ein Schüler Herders, der zugleich selbst in enger Fühlung mit dem Volksleben erwachsen war.
Friedrich David Gräter und seine Zeitschrift „Bragur" sind heute beide so gut wie verschollen; und doch hätte wohl ein Mann, in dem Klopstockisches Barden- wesen unter dem hinzutretenden Einfluss Herders nach und nach in einen schon romantisch gefärbten Cultus des deutschen Altertums überging, als charakteristischer Ver- mittler zwischen der alten und der neuen Zeit einigen .\nspruch auf unser Interesse. Es sei darum auch hier der Charakteristik und dem Wirkon Gräters ein Excurs gewidmet; zum Volksliede wird er selbst uns den Weg alsbald zurückweisen.
Über Gräter sind wir nur massig gut unterrichtet. Hauptquelle ißt für die Jugend und das erste Mannesalter eine autobiographische Skizze Gräters, 1794 oder 1705 als Te.\t zu seinem Bildnisse in C. W. Bock's „Sanimlung von Bildnissen gelehrter Männer und Künstler" geschrieben');
1788 II, 27. Joliaimisfeuer: 1788 11, 27; 1701 I, 02. Nainubuiffpr Kir.sohenfest: 1789 1,175; 1790 1,80(5. Mailafr: 178C 11,2^5. (Grüner Montag: 1786 II, 2(37. Hochzeit: 1787 II, 202, 413. Trinoctium ca.slitati.s: 1780 11,548. Spinnstuben : 178() II, 296. Bussen der Ro.so: 1790 11,462. Majrnusstab : 1792 11,947. Klageweiber: 1789 11,86. Kirchliches Schauspiel: 1786 1,379.
') Nürnberg 1791 ff.; eine unregelmäs.sige Folge von Heften, später äusserUch zu zwei Bänden zusammengefügt; Gräters Biogr. im 1. Band. Exemplar: Münchener Hof- und Staatsbibliothek. — Die Gräterscbe Selbstbiographie verrät sich durch die Erwähnung Hässleins als eines Mitarbeiters an der „Bragur" deutlich als im Jahre 1794 (höch.steus Anfang 1795) ge.schrieben; denn nur am 3. Bande, der Ende 1794 erschien, war Hllsslein Mitarbeiter; vgl. die Vorrede zu Bd. .'>.
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daran roilit sich für oino folgondp Zoil dor inneren Krisi« ein wicht i^^^r Uricf un ('. G. Scliiitz. den Herausgeber der .IciiaischcM IJttcratiir-Zcitung, vom l(i. DezcMubcr 1707') und Arnims (Üuirakteiistik-); über die letzte Zeit unter- richtet der Briefwechsel mit Jacob (Jriinm.') Die bio- },^raphis(lien Skizzen sind alle, ausser der anderweitig un- zureichenden in der Allgemeinen Deutschen Biographie, vor dem Bekanntworden letzterer Briefe gesciirieben, auch benieksichtig(^n sie nicht di<' erste Jugend und gehen zu wenig auf eine Charakteristik der Persönlichkeit aus."*)
Friedrich David Gräter wurde am 22. April 1768 zu Schwäbisch- Hall, das damals Reichsstadt war, geboren. Sein HeimatstUdtchen war klein genug, um noch ländliche Lebensformen und charakteristische Vulkssitten zu be- herbergen, wie einen von Alters her bestehenden Aufzug der Salzsicder. In der romantischen Umgebung mit ihren Schlossruinen, Wallfahrtskirchen und dem geistlichen Stifte Comburg"') machte Gräters Vater mit dem Knaben Spazier- gänge und erzählte dem aufhorchenden, an das Gesehene anknüpfend, die „Sagen und Geschichten der Vorzeit".
') „C. (i. Schütz", Darsfellung seines Lebens von seinem Sohne Julius Schulz, 2,113.
-) Steig, Arnim uiul Brenlano, S. 149.
3) Ed. II. Fischer, Hoilbronn 1877.
*) Am ausfiihrliclisten ist lieinr. Döring bei Ersch \i. flruher 78,91. Dort namentlich reiche Litteraturangaben, wenngleich Bocks Sammlung incorrect citiert und offenbar auch nicht benutzt ist. — ,1, Franek in der A.D. B. 0,599 ist nicht zuverlässig; von einem Fniversitätsstudium in Tübingen weiss die Solbstbiographie nichts. (Einige Bericht igungon gab H. Fischer ebenda 10, 768.) — Die Gräler.schon Zeitschriften übersieht man am besten bei Goedeke -7,203. Eine genaue Übersicht der auf das Volkslied bezüglichen Beiträge gebe ich iq einer Beilage am Schluss.
*) Das damalige Schwäbisch -Hall und die Umgebung be- schreibt anschaulich J. G. Fahl in T. F. Ebrmanns „Bibliothek der neuesten Länder- und Völkerkunde", 4. Bändchen, Tübingen 1794, S. 1 — 05. Auch ein Besuch bei Gräter (1793) wird geschildert. Der."selbp Pahl gab in seinen ^Denlcw'ürdigkeiten au.'^ meinem Leben" (1840) S. 83 wertvolle Beiträge zur Charakteristik Gräters.
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Solche Wamleninjrcn soriktoii in ihn nach cijrenfrn Ge- ständnis (Ion ersten Hanjj^ zum Studium der vaterli^ndisclicn AltertüniiT. Auch eine Riistkannner in der Stadt selbst •wurde von Vater und Sohn oft besuclit. Dazu kam, dass in der Familie, die zu den Honoratioren des lieichs- ijtädtchens gehörte, von einem schriftstellerndcn Gross- vater her eine litterarische Tradition bestand, wach ge- halten durch die Mutter, die ihren Kindern gern ihres Vaters Gedichte vorlas. Der Lebenskreis der ersten Jugend war hier also in der That ein Nährboden für vieles, was an dem Manne charakteristisch hervortrat. Büch(!r sclieinen in dem Landstädtchen allerdings selten gewesen zu stsin, sonst spräche die Selbstbiographie nicht von der p]rriclitung einer Leihbii)liothek wie von einem Ereignis. Bedeutsam, zum Teil verhängnisvoll wurden die neuen Bücherschätze freilich für den jungen Gräter, der mit einem wahren Heisshunger sich darauf stürzte. Denn er fand hier Klop- stock, die Oden und die Hermannsschlacht, die ihm „fast den Kopf schwindeln machte", auch Kretschmanns Barden- gesänge und Venvandtes, und lebte sich immer tief<>r in ein phantastisch aufgefasstes Altertum hinein. Abc: das bunte Gemisch einer solchen Leihbibliothek wird in dem empfänglichen Knaben auch den Grund gelegt haben zu dem geschäftigen Dilettantismus, der ihm blieb; zu einer Zersplitterung der Interessen, die nun zunächst den Jüng- ling schwanken lässt, ob er R(.'chtsgelehrsamkeit, Medicin, ]\lathematik oder Theologie studieren solle. Die letztere siegt zunächst; der angehende Theologe geht ITBU nach Halle, im Herzen begleitet von der „schwärmerischen Hoffnung, irgendwo ein altdeutsches ßardenlied zu ent- decken", wonach er auch schon zu Hause „alte Bücher und Handschriften'' (vielleicht städtische Urkunden, die ihm sein Vater als Ratsbibliothekar zugänglich machen konnte) durchforscht hatte. Er findet auf der Universität bei seinem theologiachen Lehrer Prof. Niemeyer V^ep- Btändnis für solche Neigungen; durch diesen fallen ihm Denis' Schriften in die Hände, er holt sich nun alle in den
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Anmorkuii^on des VVionor I];irdoi» f'itiortcn Werke aus der l'iiiv('rsitiitsl>il»li()(li('k uml «las pTruaniBch- antiquarische I nloroßs«'. (lrHn{^t <la8 theologische immer mehr zurück. Auch Ilfnlri-, dem er später begeistert zuschwört, wird ihm liier auf drr l-niversitHt zuerst durch seine Schriften näher «:etretcn sein.') Er h«rt aher auch V. A.Wolf, und «5iiie Unt^^rstiiimung klassisch-philolot^ischen Tntprcsses ist stiiljier wohl an ihm zu bemerken. Doch ist os auch hier wieder Gräters Fluch, nicht zu einer festen Schulung zu gelangen: al.s er vor dem Eintritte in das Wolfsche Seminar steht, verscheucht ihn eine in Halle ausbrechende Krank- lieil im Aprii 1788 nach Erlangen, wo der Umgang mit dem betriebsamen Hofrath Meusel, seinem neuen Gönner, so wenig die wünschenswerte Concontration in seinem AVesen begünstigte, als vorher in Hallo der Verkehr mit dorn gleichlalls ins Weite schwärmenden Universitäts- freunde Georg Gustav Fülleborn. Aber Griitcrs gewaltiger Fleiss, den alle Stimmen ihm zu jeder Lebenszeit zu- eikennen, bewältigt, wie schon bisher das Hebräische und Englische, nun das damals noch so schwer zugängliche AltnordiBchc in kurzer Zeit so weit, dass er 1787 als ein NeunzehnjHluiger seinen litterarischen Erstling, die „Nor- dischen Blumen" ausarbeiten konnte, die dann zwei Jahre später erschienen. Sie blieben in seinem sehr fruchtbaren Schriftstellerlebcn das Beste, und auch Jacob Grimm wollte sie gelten lassen.-) Hier erhielt das deutsche Publikum, durch Gerstenberg und Herder auf eine solche Gabe schon vorliereitct, eddische Poesie in ganz ansprechender Über- setzung, die, bei allen Mängeln im einzelnen, den Gcsamt-
') Einen schünen Nachruf widmete er Herder J804 in "Wielands Doiil.=;t'henj Morkur, Auprust, iS. '241; -wiederholt in Gralers „Zer- Rtreuteu Blältern" (deren Titel auch auf Herder biuüberblickt), l^rsle Sammluni;-, lim 1822. S. 287.
■J) Mort-enblait 1812, No. 65-t>S, und Briefwech.<el 8. 13. Die berliner l'niver.>" ätsbibliothek bewah)t Grimms Exemplar der „Noi'diseb»Mi iniimni-, wo einzelne Striche und Aiisnifung'szeichen die .Stellen he./.eielinen. nn denen er AnslOi^s nahm.
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Charakter tlies»T Lieder recht wohl veranschaulichen konnte. Freilieb ist auch bezeichnend, dass wir bereits in diesem Gräterscben Erstling — etwa ein Jahrhundert vor IFoftbrys Waj^nis — die Lokasenna durch ein beiirefiijirtes Personen- ver/eichnis, scenische Beniei-kungen, Abteilung nach einem erst^Mi, zweiten, dritten „Auftritt" als ein Drama hingestellt finden (S. 209 f.). An geistreichen Einfällen wird der spätere Gräter dann immer reicher, und immer Iciciiter gehen sie ins Paradoxe. Indessen hatte die Arbeit an den „Nor- dischen Blumen" seinen Enthusiasmus für das germanische Altertum noch geschürt; die neu empfangenen klassisch- philologischen und die immer noch nicht erlosch(!nen theo- logischen Interessen traten hinzu und nun muss er 1789 sein volles Innere in die philiströse Enge seiner Vater- stadt zurücktragen. Der Freund Meusels, das Mitglied einer angesehenen Erlanger litterarischen Gesellschaft, kam zurück in ein Städtchen, das dem Dorfe sich näherte und von allen geistigen Centren völlig abgesondert lag. Es konunen die Mühen des Lehramtes, aber er bl(?ii)t wissen- schaftlich strebsam. 1790 erlangt er von Erlangen die philosophische Doctorwürde und wird schon zw(M Jahre darauf durch ein Schreiben Herzbergs zum Correspondenten der Berliner Academie ernannt. Zwar spricht er schon 1792 (Vorrede zu „Bragur" 11) von „gänzlichem Mangel an Heiterkeit des Geistes", al)er das konnten erst nur vorüberg(ihende Wolken sein, sonst hätte Pahl. der ihn zu Ende des>'.lb'5fi oder zu Anfang des nächst(!n Jahres sah, die Schilüifung seines Besuches nicht in so hellen Farlwn gehalten. Und selbst der l^ehrthätigkeit wusste Gräter einen persönlichen Stempel aufzudrücken: er besuchte nn't seinen Primanern jene alte Rüstkammer und verhus bei den Schulfeiern den „Psalm" seines verehrten Klopstoc.k.*) Freilich nahm er, wie Pahls „Denkwürdigkeiten" andeuten, manches Andere in seinem Berufe dafür um so leichter.
») Vgl. „Idunna und Hermode" 1812, S. 49. und Gräteis „Zor- streuto IJläitoi", 1. Sammlung-, l'hn ls2'J, S. '.U\.
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Al.sb.il<l l>o;.Mnn or i\uolj wit'ilcr «-in jrr'i: «'"res litt^rariscbes UnliTnelinirii, die Altertuins-Zoitiiiiir „liragiir". Nun war 08 koiiio gldckliclio Wenduii;.'. dass Grätcr von der freieren kUiistlcriscln'ii Tliiitiifkoit des Ül)ors('tz('rH, drn ein rc( htos Einspinnen in iW.n Stoff fördert, mehr und nn;lir libcrj^ing zu wisscnscliaftlicheni Betrieb, der ein kritiscbes Heri"schen über den Stoff neben der Liebe orfordert. Die neue Zeit- schrift hat stets sehr viel versprochen und sehr wenig gelialtcn; sie ist überreich an Anrejrungen, Appetitbissen, pr();_a-anjmati seilen Weckrufen und arm an positiven Er- gelfnissen; verwirrend durch die Viclgestaltigkeit des eng zusaniniengedrllngten Materials — Sprache, Littcratur, Mythologie und Realien der germanischen vorzüglich der nordischen Vorzeit bis zum 16. Jahrhundert. Volkspoesie und Volkskundliches im weiteren Sinne, gelegentliche Griffe selbst in das neuere englische und französische Gebiet — und das alles sowohl durch Aufsätze als in übersetzten l*rol)en vorgeführt — fürwahr, es war zuviel für einen jährlichen Kleinoktavband von etwa 500 Seiten. Auch war es ein Fehler des Programmes, dass zugleich blosse Unterhaltiuig des grossen Publikums ins Auge gefasst wurde: aus einem in den ersten Anfängen der Bebauung stehenden wissenschaftlichen Gebiete sind solche Unter- haltungen noch nicht zu gewinnen. — Griiters Persönlich- keit als wissenschaftlicher Arbeiter aber tritt uns in keinem Beitrage der „Bragur" charakteristischer entgegen als in dem Aufsatze: „L^ber den Umfang der vaterländischen Altertümer, unsere Aussichten und Hoffnungen'* (IV 2, 3). Es ist sein Programm. Da spielt er den erregten Pro- pheten einer neuen Wissenschaft, berauscht sich förmlich an der Aussicht in das neu zu erschliessende Gelände und meint in hoffnungsseligem Enthusiasnuis mit etlichen Briefen und Fragebogen — worüber W. Grimms „Sendschreiben" spottet — die Unmasse der stets so weit als möglich um- schriebenen Aufgaben bald erklecklich zu fördern. Dazu allerlei Wunderlichk«'iten in Gedanken und Ausdruck, wie wenn er gar die Amazonen für den Ursprung des deutschen
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Volkos bemüht (S. 5), oder wenn wir Ijoi d(^r D«'finition des Altertumes lesen: „Alt, so wird man uns antworten, ist alles was nicht neu ist und wir sind im Grunde voll- kommen mit dieser Erklärung zufrieden'' (S. D). Ebenso glorreich tritt noch an mancJKui anderen Orten Griiters schwäbische Originalität hervor, z. B. in Seckendorfs „Oster- taüchcnbuch von Weimar" 1801, wo er (S. 2ai) ein Gedicht über das Strumpfband eines litthauisch»?n Landmädeliens druckt, mit dem lienierken: „Die Litthauerinnen pflegen ihren Gelicl)ten in Strumpfbändern und dergl. ihre Em- pfindungen zu erkennen zu geben". Manches in den letzten Bragiirbünden erinnert an die Sphäre der germanistischen Commerszeitung') und es ist ewig schade, dass dergleichen nur der gehaltenen Satire Wilhelm Grimms und nicht auch einem rechten Schalk — etwa Brentano — anheim fiel. üräter mochte übrigens selber l>ei seinen Absonderlich- keiten und seinem Übersehwange bange werden, und am Schluss jenes progranunatisehen Aufsatzes erwägt nr doch, ob nicht einige Leser meinen würden: ,,Dulce est pro patria desipere". Aber verfolgen wir Gräters Schicksale und Stimmungen weiter in sein Mannesalter hinein, um womöglich den Schlüssel zu iinden zu dem unerfreulichen Abschlüsse seiner Laufbahn, dem Zwiste mit den jirüdern Grimm. Die hoffnungsvolle Stinunung, mit der er nnfangs neben seiner Amtsthätigkeit seine wissenschaftlichen Be- strebungen weiter gepflegt hatte, hielt nicht an. Die 1794 geschriebene Selbstbiographie durchzieht zuletzt ein trüber, resignierter Ton; Briefe an Wieland aus dem Jahre 1790 oder 1797 müssen, wie wir aus Wielands Antwort er- sehen'), von Missnuit und übler Lage gesprochen haben, auch ihi' Erfolg der ZeitscluiJt entsprarh seinen Ei"war- tnngen nichf); endlich brnchte das .inhr 1797 (nne Krise. Griiter unternahm eini' l'eise, die ihn iK'irdlich bis .lena
«) Z. B. „T}ras:ur^' S, 1.
-) AusgcwählU) HrJefe vor» 0. M. Wiclaiul 4 (ZiirKh ISIT.). 171. ^) Vgl. den JJriuf ;ui l)iMii-i xoiii 24. I''«'l)niur ITlMl. in Denis' Litlerariscliem Naclilruss 2 (Wien 1«02}, 1S9.
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fiilirtc, und diese Miisenstadt licss die Erinnerung an die iiiiioriich reichste Zeit seines Lebens so mächtig wieder aufloben, weckte all«^ Hotfnungcn auf eine ausgiebigere wissenschaftliche Bcthiltigung (er denkt an eine Professur in Jena) von neuem so stark, und zeigt ihm in der feinen geistreichen Geselligkeit, die er bei Schütz und auf der Rückfahrt bei Wieland in Ossmannstädt gefunden hatte'), einen solchen Contrast zu den heimischen Verhältnissen, dass er sich nun als Verbannter fühlt, von seiner „reichs- städtischen Pressluft" spricht und die Stimmungen Ovids in Tomi nachzuleben meint. Der Brief an Schütz vom 16. üecember 1797 ist der aufschlussreichste über die rein- menschliche Lage Gräters. Es scheint nun ein neuer trotziger Anlauf zu wissenschaftlicher Thätigkeit gefolgt zu sein und, Jieben häuslicher Misshelligkeit, von der wir durch Arnim und Pahl erfahren, die schwere Krankheit verschuldet zu haben, in die er 1806 verfiel. Arnim sah ihn kurz vorher, im December 1805, als er sich Lieder für das Wunderhorn von ihm erbitten wollte, und giebt folgen des anschauliche Momentbild: „Ein Mann, etwa die mittlere Proportionallinie zwischen Koch^) und Wieland im Äusseren, lebendig wie ein TrieseP), wie alle Sammler ihrer Natur nach von vielen Seiten geschlossen, auf einem einzigen Seile tanzend rückwärts und vorwärts, freundlich olme Einbildung, unglaublich fleissig, unglücklich zerstosscn in dem kleinen Gekröse des Lebens, ich meine in seinem Ehestande — so hat er mir oft stundenlang erzählt und hat mich oft gerührt. Er ist von einer Frau geschieden, die er pedantisch geliebt, und ist mit einer Frau ver- heiratet, die er nie geliebt hat." Nachdem die Krankheit, zu der diese Zerschlagenheit schliesslich führte, 1807 über- wunden war, blieb doch die trübe Entsagung. Resigniert klingt diis Vorwort seines nächsten grösseren Werkes, der
•) Ausgewählte Briefe 4, 183, bes. 187.
2) Erthiin Julius Koch in Berlin, von dem noch zu roilen sein wird.
8) Märkisch = Kreisel.
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1809 fresaiunielten „Lyrischen Gedichto'*. An sich geben diese wenig Aufschluss über seine Persönlichkeit: es sind gefeilte Exercitien eines gebildeton Geschmacks, denen man auch annierkt, dass ihi- Verfasser Lateinisch kann, aber keine Gelegenheitsgedichte im tiefen Sinne desWortes. •) Grilter fühlt nun auch deutlich, dass er von einer neuen Zeit überholt wird; die Aufnahme seint^' meist schon weit früher tibersetzten Minnelieder entschuldigt er — sechs Jahre nach Tiecks Minneliedern - - damit, „dass sie Tielleicht als Versuche, die unter die ersten nach Gleim und Götz gehören, des Aufbevvahrens nicht unwürdig seien".-) V^^ehmütigc Rückschnu hält auch die Vorrede der letzten Bragur (1812, bes. S. X ff.). Während er sich nun aber von Tag zu Tag der Bühne der Welt mehr «ent- fremdete und im eigenen Innern erlahmte, sah er gleich- zeitig den Stern der Brüder Grimm in ruhiger, sicherer State, die seinem Zickzackiaufe immer gefehlt hatte, empor- steigen. Er ertrug das nicht; es war das, woran er für das eigene Leben nun verzweifelt war. So setzt der Brief- wechsel mit Jacob, der Gräter hochachtungsvoll um ähn- liche Gefälligkeiten bat, wie Arnim sie in Schwäbisch-Hall erfahren hatte, mit einer kühlen Ungeneigtheit von Seiten Gräters ein, die sich allmählich zu kleinlicher Scheelsucht auswächst. Ein Gönner Grimms, der ihm das Manuskript durchsah, wäre Gräter wohl geworden, kein gleichstehender Helfer.'') Eifersüchtig auf äussere Ehren, ja eitel, wie Gräter war, wacht er nun peinlich darüber, ob dieser
') Das Urteil des alten Wieland, a. a. O. S. 291, „Sie haben sich dadurch einen Platz unter den vorzüg^lichsten Lyrikern Deutsch- land.s erworben", muss befremden.
2) Vorrede S. 11. — Jacob Grinam meinte y.u diesen Gräter- schen Minneliedera (Briefwechsel S. 13): „Gegen die Einrichtung der Minnelieder lässt sich vieles sa/jon, doch einiges auch für diese bestimmte Art, im Gegensatz zu de;- Tieckschen Moderni- sierung." — Auch Conz, Leon aus \S'ien und Haug erscheinen in Gväterschen Zeitschriften als Übersetzer von Minneliedern; zu letzterem vgl, oben S. 58.
3) Siehe besonders S. 17 des Briefwechsels.
Palacstra XXII. 7
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junge Concurrent auch allenthalben in und zwischen den Zeilen den Respect nicht vormissen lasse: ja es werden hier nach und nach die Unfehlbarkeitsanspiüche des Herrn Rectors mit einer gewissen Naivetät aus der Schulsphäre in die Öffentlichkeit getragen. Als sich nun erst der ältere, dann der jüngere Bruder in Gebiete wagte, die Gräter, weil er dort das erste Hurrah gerufen, als eigensten Jagd- grund ansah, kam es zu empfindlichen Reibungen, dann zum Bruch. Die Brüder Grimm hatten eine Ankündigung ihrer Edda in das Morgenblatt (1812, No. 65-68) ein- rücken lassen. Ohne das Werk selbst abzuwart.en. machte Gräter die Anzeige zum Gegenstand einer missgiinstigen, ja stellenweis perfiden Kritik.') Jacob übersandte ihm darauf eine Erwiderung mit der sehr verbindlich aus- gesprochenen Bitte, diesell)e „mit eigenen widerlegenden oder berichtigenden Fortanmerkungen" in eine Grätersche oder fremde Zeitschrift zu bringen. Gräter versprach den Abdruck und — verzögerte ihn so lange, bis er keinen Sinn mehr hatte. ^) Ferner: da Jacob seinen „Reinhart Fuchs" vorbereitete, bat er Gräter um die Abschrift eines flamländischen ,Reineke', der, im Stift Comburg bei Hall befindlich, einst von Gräter in einem Programm beschrieben worden war. Gräter zögerte auch hier und druckte in der Zwischenzeit die Handschrift selber ab.') Das erste war ein Vertrauensbruch, das zweite ein mindestens sehr unedler Wettbewerb gewesen. Unheilbar wurde der Zwist aber erst, nachdem vorübergehend die Gräters Ehrgeiz weniger berührenden Märchen wieder eine Annäherung herbeizuführen schienen, durch Wilhelms ,. Altdänische Heldenlieder". Gräter gehörte neben Gerstenberg*), Herder,
») Idunna nnd Hermode 1 (1812), St. 17 f.
2) Ich verweise zusammenfassend auf die in diesen Handel einschlagenden Briefe aus dem Jahre 1812, vom 12., 18., 20. und 29. Mai; 24. Juli; 23. und 28. August; 6. und 19. September.
3) Bragur 8, 285. — Briefe vom 23. Oktober 1810, 11. und 28. JuU 1811, 10. Oktober und 22. November 1811, 12. Mai 1812.
*) Im 8. Litt.-Briefe, Neudruck von A. von Weilen S. 59. — Gräters Übertragungen: Bragui- 2,200; 5 -, 74 u. 77. Ausserdem
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Kosegarten') uud Haug-) zu den wenigen, die dies Gebiet bis dahin bebaut batten, und während Gerstonberg als erster das nordische Mark in der Zuthat ossianischer Rhythmen noch allzu weich gekocht hatte, wusste GrUter und noch mehr Kosegarten den Eindruck der Originale schon im Ganzen zutreffend wiederzugeben, wenn auch beide Herder nicht erreichten; Haug allerdings gab eine kraftlose, modern geschminkte Mache. Grimm aber that nun allen diesen Vorgängern gegenüber einen Schritt vor- wärts und machte mit dem Grundsatze der Form- und Sinntreue, der Wiedergabe auch des Eckigen und Rauhen in einer Weise Ernst, die niemand bis dahin gewagt hatte. Seine Übertragungen forderten vertraute, folgsame Leser, die wussten, dass im lebendigen Gesänge viele fürs Auge vorhandene rhythmische Härten wieder schwinden, weil, wie Grimms Vorrede sagt, „der Gesang den lose zu- sammengehaltenen Rhythmus durch sein DarÜberschweben wieder verbindet". Gräter hätte nun besser als mancher andere ein solcher Leser sein können ; er hatte den Volks- gesang im Leben beobachtet, er wusste auch wie das Volk reimt. Aber der Concurrenzneid blendete ihn jetzt. In einer anonymen, doch an der ganzen Haltung und frappanten Parallelen zur Kritik der Edda- Ankündigung deutlich
ist 3, 292 ein Originaltext mit Erläuterung aus dem „Dänischen Zuschauer" abgedruckt und die Melodie hinzugefügt, die Herr von Abrahamson aus Kopenhagen übersandt hatte; unbedeutend ist oin kleiner Aufsatz Sandwig's: „Über die alten dänischen Lieder", 3,286: Abrahamson erläuterte 8,120 noch ein kleines Fragment und übersetzte es in Prosa.
') SchilliTS Musen- Almanach 1796, 158. „Poesieen" 1 (Leipzig 1798), 212 uud 225; ferner „Schwedische Volksgesänge" in den ,Blumen' (Berlin 1801), S. 96 ff.
2) „Epigrammen und vermischte Gedichte" 2 (Berlin 1806), 393; „Idunna und Hermode" 1 (1812), 101 und 117. V<rl. oben S. 57. — Haug versündigte sich auch an deutschen Volksliedern, moderni- sierte 2. B. (nach Arnims Vorgange Wunderhorn 1,63) „War ich ein wilder Falke" (Id. u. Herm, Jg. 3, S. 41), da« Erlaoh nebst ähnlichen Stücken in seine dilettantische Sammlung (3, 192) auf- nahm.
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genug kcnntliclieii "ReronRion^), einem Non plus ultra von Voreiiigenonmienheit und gesuchtem Tadel, bemängelte er nicht nur die erwähnten Punkte, sondern schliesslich alles, von der Wahl der zu Grunde gelegton Textrecerision bis zu den durchsichtigsten Druckfehlern. Kein Wort des Verständnisses für die Vorrede, noch für den Versuch, den damals nur die Brüder Grimm machen konnten, in den Anmerkungen stellen der IJeder durch Sagenvergleichung in helleres Licht zu setzen. Horders, Gerstenbergs und gar Haugs l'bertragungen der ,Elfenhöhe' werden den Grimmschen als Muster vorgehalten. Wilhehn setzte nun jede Rücksicht bei Seite, deckte in einem, den ,Drei alt- schottischen Liedern' (1813) angehängten „Sendschreiben an Herrn Professor D. F. Gräter" alle menschlichen und wissenschaftlichen Blossen seines Gegners auf, sprach von Leuten mit „nur leise auftretender Gesimmng", die für das Altertum „enthusiastische Gaukelsprünge aller Art" gethan hätten, und schnitt so das Tischtuch für immer entzwei. Man errötet für Gräter, dass es bis zu diesem Ausgange kam; denn schliesslich entsprach die Kleinlichkeit, die er in diesen Händeln gezeigt hatte, nicht dem Durchschnitte seines Charakters. An die Möglichkeit eines längeren und engeren Zusammenarbeitens mit den Brüdern Grin)m, mit Jacob also vornehmlich, könnte man freilich in keinem Falle denken. Dazu waren die Naturen zu verschieden. Gräter fehlten — das erkennen wir gerade, wenn Jacob Grimm ihm zur Folie dient — eigentlich die wesentlichsten Bedingungen des wissenschaftlichen Arbeiters. Statt tief wurzelnder Liebe zum Gegenstande nur flackernder Enthu- siasmus; statt umsichtiger Ruhe eine Erregtheit, die das Gleissende, Geistreich-Schillernde zuerst gebiert, die sich lieber an lockenden Möglichkeiten berauscht, als eine be- scheidene Gewissheit langsam erarbeitet; statt Vorsicht Hypothesen ins Paradoxe: statt kritischer Sachlichkeit
*) Heidelbergische Jahrbücher der Littevatiir, 1813, No. 11— 13 (S. 161). Gräter hat sich übrigens später zu dieser Recension be- kannt: Idunna xind Hermode 4 (1316), 12.
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Personencultus, namentlich g-e^onüber Sahni'); statt der Lust am unbestochcnon Erkennen Verjj^nti^cn am Wieder- finden eines vorgefassten Ideales. Fleissig allerdings war öräter, doch in den späteren Jahren ein langsanKM- Arbeiter, der gern das „nonmii prcmatur in annum" citiert; er harrte auch niclit bei einer Sache aus und blieb auf diese con- eentriert, sondern fing vieles an und verliess es wieder. Und auch der Mensch Gräter mit seinen närrischen Seiton, mit dem Schulschmäcklein, das sich in pompösen lateini- schen Citaten und einem gewissen Brustton bei harmlosen Dingen offenbart — dieser Mann mit der Freundschafts- schwärmerei, der doch keinen Freimut vom Fn^mde er- tragen konnte, auch der hätte sich nicht in (xrimnis klare Männlichkeit geschickt. Aber ein liberales Einvernehmen, fördernde Gefälligkeiten im Einzelnen, wie Jacob sie er- bat, das wäre zwischen beiden wohl möglich gewesen, und hätte Gräter hierzu die Hand geboten, so hätte er die Verbindung mit der folgenden Generation und dadurch mit der Folgezeit überhaupt nicht verloren; er würde heute als ein Erzieher auf den Meister hin im Gedächtnis leben. So aber trat er auf einen Isolirschemel: wer kümmerte sich, als nun die „Altdeutschen Wälder" erschienen, noch um „Idumia und Hermode", in der die dilett^xntischc Wirrnis der „Bragur" noch überboten wurde. Der Bruch mit den Brüdern Grimm bedeutete für Graeter ein Selbstbegräbnis; statt unter den Ahnen der deutschen Philologen genannt zu werden, lebt er im Andenken höchstens noch als ein
') Der andere nordische Gewährsmann Grätei's, der in „Brapriir" meist nur die Arbeiten nor(Hschcr (belehrter popularisierte, ist Rasmus Nyerup. Eine kurze Autobiogrraphie dieses Golelirten, <lor von Boies „Dtsch. Museum" bestimmende Anrej^ungen empfanjfetl hatte (Weinhold, S. 269), steht ebenfalls im ersten Band der Bock- schen Sammlung'. Auch Nyemp war für Volkspoesie interessiert, lieferte einen Neudruck der Kämpoviser („Udvalgte danske Viser fra Middelalderen" 1812—14) und eine IRjersicht' der diinischeu Volksbücher („Almindelig Morskabsla;sniug i Danmark og Norge", 1816); vgL Pauls Grundriss 1, 53 u. 57.
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präbifitorischf^fi Fossil, mit (l«»n abenteuerlichen Auswüchsen eines solchen. ')
Das Gebiet des Volksliedes hatte für Gräter den grossen Vorteil, dass hier die vertraute concreto An- schauung, die ihm seine Heimat mitgab, der Phantasterei und den gleissendeu Hypothesen keinen Raum Hess. Positiv aber gab sie ihm einen Vorsprung vor allen bis- herigen Forschern. Wir dürfen billig neue Gesichtspunkte und eine Vertiefung der landläufigen Vorstellung von einem Manne erwarten, der mit dem ländlichen Leben eines der sangreichsten deutschen Gaue seit früher Jugend eng verwachsen war. Und er hat sie in der That gegeben.
Es ist in erster Linie der Braguraufsatz : „Über die teutschen Volkslieder und ihre Musik" (3, 207), in den er seine Ansichten niederlegte. Er ist zugleich, wie keine andere Äusserung Gräters über den Gegenstand, ein Ventil seines Uberschwänglichen Enthusiasmus, derart, dass er ihn selbst später „Meine Rhapsodie über die teutschen Volkslieder" nannte.*) Wie viele andere Arbeiten Gräters blieb er freilich ein Torso.
') Vorstehende Skizze gilt mehr der Persönlichkeit Gräters als seinem littorarischen Wirken. Dieses, zumal die massenhaft en kleineren Zeitschriften-Aufsätze erschöpfend zu würdigen, würde den Rahmen dieser Arbeit völlig sprengen. Zur bibliographi.schen Übersicht nehme man zu Qödeke 2 7, 208 für die kleineren Aiif- sätze noch Gradmann's „Gelehrtes Schwaben" (Ravensburg 1802), S. 196, und Schmidt's „Neuen Nekrolog der Deutschen", 8. Jahrg. 1830, 2. Teil, S. 969-71. Nur Folgendes sei erwähnt: Ein allen Forschern über Bürgers Lenore wohlbekannter Aufsatz: „Lber Bürgers Quellen und ihre Benutzung" in Wielands N. T. Merkur 1797 8, 143, worin das Suffolk-miracle als Quelle der Lenore ab- gewiesen wii'd, hat Qräter zum Verfasser, der sich hier also an die Seite A. W. Schlegels stellt. Gradmann, der als Landsmann Gräters und nicht lange nach Veröffentlichung des Aufsatzes sein Verzeichnis schrieb, wird sich mit dieser Angabe, zu der auch die Chiffre „Gr — r" durchaus stimmt, nicht irren. — Über Gräter als Dialektforscher vgl. Trömel; „Die Litteratur der deutschen Mund- arten", HaUe 1864, S. 9,
3) Idunna und Hermode 1 (1812), No. 50, Beilage.
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Der Gang des Aufsatzes ist sprunghaft und sorglos; „schlendern wir ein wenig durch den Garten Gottes", meint er (S. 212), und an anderer Stelle: „Man verzeihe mir, wenn ich meinen Weg ganz frei und ungezwungen gehe und mich ganz vom Zufall und meiner individuellen Kenntnis der Volkslieder leiten lasse. Was ich sage, soll ja den Gegenstand nicht erschöpfen, soll keine systema- tische Ahhandlung, sollen nur hingestreute Ideen zur weiteren Nachforsclumg für andere sein'' (S. 225). Bei dieser Freiheit gewinnt die Darstellung zwar an Leben; die kaleidoskopische Buntheit regt an. Zugleich aber wird dabei mit den springenden Punkten Versteckens gespielt, und wir würden dem neuen vorwärts führenden Zuge erst spät begegnen, wenn wir genau dem Gange des Aufsatzes uns anbequemten.
Dagegen fassen wir das Charakteristische mit einem Griffe, wenn wir nur einen Überschlag machen und die Materien, welche nach und nach zur Darstellung kommen, zusammenstellen. Da begegnen uns: Zunftlieder, Arbeits- lieder, Tanzverse, Schnadahüpfeln, Ringelreihen und Ab- zählverse, Jägerlieder und Schäferlieder. Wer hatte bisher so viele Schichten unterschieden? Bürger hatte wohl auf die „Bootsknechte und Hechelträger" hingewiesen; aber wer hatte sie bisher wirklich bei ihrer Arbeit belauscht? Was vom Volksüede in den Gesichtskreis der Gebildeten getreten war, war die Ballade und, vornehmlich durch Elwert, das grössere lyrische Lied; von Kinderliedern waren einzig die Verse zur Einholung dos Sommers am La>tarefeste besprochen worden und auch hier hatte nur Seybold neben dem Inhalt auch für Form und Vortrag ein Ohr gehabt. Nun aber lässt sich das Publikum von der Hand dieses prickelnd lebendigen Schilderers hin- führen zu den Ramlern, die bei Hall Pfähle in das Wehr rammen (S. 215); zu den Webern, deren Lied dem Schlag und Widerschlag der Weberlade nachstrebt (S. 221); die erst in unserer Zeit von Bücher vollauf gewürdigten Be- ziehungen z.vischen Arbeit und Rhythmus, so wenig auch
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noch das Auj?c dafflr ^oschSrft ist, treten in den CJcsichts- kreis. Es gellt, ohne alle rationalistische Wohhvoislieit hinab zu den Ringelreihen und Spielen der Kinder, hinein zu den Tanzenden in das Dorfwirtshaus, hinaus an die Dorf linde, wo am Kirch weihfest« der gcniessener«' Ileigen spielt. Wir hören, wie sich das Zunftbewusstsein, der Schneiderwitz und der HaufTnstolz im Liede aussprcclien. So wurde die bisher noch zu gleichförmige Vorstellung vom Volksliede erst abgestuft. Aber ein Zweites ist nicht minder wichtig. Jene primitiveren Gruppen des Volks- liedes Hessen sicli nicht, wie noch die Ballade und das Liebeslicd, nach Art eines litterarischen Denkmals der Kunstdichtung vornehmen und an sich betrachtxin, sie er- heischten zu ihrem Verständnis das lebendige Volksleben. Und zwar das Volksleben in seiner Breite; die Kenntnis eines einzelnen auffallenden Brauches konnte da auch keine Frucht tragen. So that Gräter, von persönlicher Anschauung aufs beste beraten und von selbst dahin ge- führt, den weiteren wichtigen Schritt: er reihte das Volks- lied ein in einen grösseren volkskundlichcn Zusammen- hang. Wir erhalten bei den Tanzliedertexten zugleich eine «ausgeführte Beschreibung des süddeutschen Schleifertanzes (S. 226), die keineswegs auf der Oberfläche haften bleibt, sondern die erotischen Wurzein des ganzen Spieles bloss- legt; alsdann wird der Reihentanz behandelt und mit Umsicht nicht aus demselben Prinzipe, sondern als ur- sprüngliche Prozession gedeutet (S. 235); in der natür- lichsten Weise schliesst sich hier eine Beschreibung jenes Hallischen Salzsiederfestes an.') Das Rammen, die Kinder- spiele als Thätigkeiten werden uns vorgeführt; und auch bei den schon bekannteren Jäger- und Hirtenliedern weiss Gräter die Beziehungen zur Waldhorn- und Schalmei- begleitung, zu dem ganzen Jäger- und Hirtenleben in ein
1) Yfrl. übfv dieses aui'h „Tdiinna und Herniüile" 1, (1812), Beilap'ü zu No. 50. Nach ilansjakob, „Un.sere Volkstrachten", JVei- biirg i. B. 1896, S. 27 hat sich das Fest bis in -unsore Zeit erhalten.
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holIf'iTS Tiiclit zn SPtz(^n, als es der von ibni oft mit Hoch- achtung erwiihnte Herder im Ossiunaufsatzo intuitiv ver- mocht hatte. Noch unterrichtender hätte GrRter hierüber IVeilich sein können, wenn nicht gerade in diesen Partien der rhapsodische Enthusiasmus die wissenschaftliche Unter- suchung tiberwucherte. Aber sein ganzes Interesse ist nicht mehr das eines Ästhetikers; mehrfach gesteht er offen, dass die kleineren Gattungen des Volksliedes „mehr für die Sittengeschichte von Deutschland als für den Geist der Poesie" — wir würden heut sagen „mehr für die Volkskunde als für die Ästhetik" — belehrend wären. Ihm lag es daher auch nahe den Zunftliedern die prosaischen Handwerksgrüsse und Umfragen zur Seite zu stellen (S. 216 Anm.), den Jägerliedern die Waidsprüche und die Hubertuslegendc (S. 265, 272 Anm.). So führte Gräter eim*u Teil dessen aus, was Herder als Aufgabe gestellt hatte, und zwar den näclisten dringendst(^n Teil der Auf- gabe. Herder hatte ja, namentlich in dem Aufsatze „Von Ähnlichkeit ..." bereits auf „Spiel und Tanz, Musik, alte Vorurteile und Gebräuche" des Volkes hingewiesen.') Aber indem er diese Dinge zusammenstellte mit „Denkart ujid Sitten, Wissenschaft, Sprache und Götterh^hre" als Zeug- nissen, in denen „sich die Völker selbst schilderten", er- weiterte er sogleich die concrete volkskundliche Frage- stellung zu einer spcculativen, völkerpsychologischen. Gräter hielt sich zu seinem Glück nur an die Volkskunde, wo er wirkliche Aufschlüsse geben konnte.
Nachdem man den Hauptgcsichtspimkt d«is Aufsatzes einmal erkannt hat, bemerkt man auch, wie zu ihm von dem scheinbar ganz abliegenden Eingang aus doch ein Weg führt. Eine vergleichende ('harakteristik der Volks- lieder germanischer Nationen ist noch nicht möglich: mit diesem Gedanken setzt Gräter ein. Denn, so spinnt er den Faden weiter, noch fehlen die Unterlagen dafür; es genügt nicht, Percys, Herders, Sandwigs Sanunlungen ver-
') Die bezfticUuendste Stelle Werke 9, 533.
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gleichfind nohon ofnandor zu logen, weil sie allo noch, wie nacluliiickiicb betont wird, den Blick durch eingestreute Kunstlieder beirren; wir mllssten erst Sammlungen haben, die vor allem nur wirkliche Volkslieder enthielten, sodann diese auch zeitlich ordneten und endlich sie nach Gruppen schieden. Auf dios(;m Wege, wenn man die Seitensprünge ausschaltet, kommt Oriiter zur Hauptsache. „Dass wir unseren Gesichtspunkt und Zweck nicht aus den Augen verlieren — auch die wirklichen Volkslieder sind blos nach Gegenstand, Entstehung und GelegeTiheit ungemein unter sich verschieden; man hat andere Lieder bei Volks- fest^'.n, andere bei Schmausen und Tänzen: anders singt die Zunft und der Bauer: anders das freie und feiner fühlende Volk: anders die Jünglinge und Mädchen; anders die Kinder." In diesen Worten (S. 213) liegt der eigent- liche Anfang des Aufsatzes, das andere war Vorspiel. Nachdem er dann über jene Liedergruppen, die er dem Publikum vor allen Dingen vorstellen will, gesprochen, schliesst er den ersten Hauptteil mit den Worten: „Und nun genug von diesen besonderen Liedern, welche bis dabin die Aufmerksamkeit der Sammler und Forscher noch wenig oder gar nicht auf sich gezogen hatten** (S. 245), und geht zu den Jäger- und Hirtenliedcrn über, die er (S. 251) „die allgemein iut«?re9santen und bekannten Volkslieder" nennt. Die springende Darstellung verliert also doch die Hauptsache nicht aus den Augen, und man erkennt, dass Gräter sich bewusst war, mit der genaueren Einteilung des Volksliedes etwas Neues zu geben. Freilich, schliesslich bricht der Aufsatz einfach ab; in einer Fort- setzung sollen noch diejenigen Lieder besprochen werden, „welche die eigentlich allgemeinen sind und sich weder auf Zunft, Stand und Ort einschränken, noch ihre Melodien nach einem eigenen Instrumente ausschliessend gebildet haben", d. b. also die Balladen und Lieder; doch diese Fortsetzung erschien nicht.') Der Gang des Aufsatzes
') Sie ist noch 1812 nirgend erschienen, wie Gräter „Idunna ■und Hermode" 1, Beilage zu No. 50, gestehen muss.
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von unbekannten zu bekannteren Materien bekundet aber die Vermutung, dass das dem Verfasser Weaentlichste bereits gesagt sei. Auch Arnim betracliteto diese Gräter- sehe Arbeit in erster Linie als „einen treffliclien Aufsatz über Arbeits-, Handworks-. Kinderlicder und Tanzlieder"; er lobt übrigens den Enthusiasmus.')
Ausser diesem Torso haben wir nur noch ein paar viel kürzere Äusserungen Gräters zum Volksliede. Immer- hin gejiügen sie im Verein mit Scitenbemerkungen des Aufsatzes, um seine Stellung zu zwei Hauptfragen der Volksliedforschung eiuigcnuassen zu bel<3uchten: nach dem Ursprünge der Volkslieder und nach der Bedeutung des Zersingens. In dem ersteren Punkte ist Gräters Haltung schwankend und suchend geblieben. Er spricht S. 211 der grösseren Arbeit von Gelegenheiten, die den einfachen Mann „so lebhaft rühren, dass er darüber in Gesang aus- bricht, oder die Empfindungen eines andern, wenn sie natürlich genug sind, um allgemein zu gelten, für die seinigen sprechen iässt"; auf der nächsten Seite redet er vom „Verfasser" der Volkslieder, , S. 208 aber von „ur- sprünglich vom Volke gesungenen, allgemein bekannten und allein durch mündliche Überlieferung und Volksgesang erhaltenen Liedern." Diese Definitionen schillern; neben der Aufnahme von Liedern bestimmter Dichter rechnen sie doch auch noch mit spontaner Entstehung im Volke und rücken den Accent zwar schon merklich aber noch nicht entschieden genug auf den lebendigen Umlauf. Doch sehen wir, dass Gräter im Ganzen weniger mystisch vom Volksliede dachte, als die Romantik. — Das Zersingen war ihm natürlich aus Erfahrung wohlbekannt. Er hat sich darüber besonders in der erwähnten Recension von W. Grimms dänischen Liedern ausgesprochen (namentlich S. 191 f.). Doch überschätzte er die Tragweite, wenn er — übrigens in direktem Gegensatz zu seiner früheren Bemerkung auf S. 210 des grossen Aufsatzes — einzelne
*) Im Volksliederaufsatz, „Wanderhorn" 1,455 Aum. 1.
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KilmiMjvisor als ^csan^smiissi^«* Variationen sa^cnver- wandter Eddalieder auffassen wollte, oder wenn er auf dem gleichen oinfaclu'n Wege das Lied: „'S Bäuerlc will Wwvc scliUttle, Birre, wiJllo nit falle . . ." aus dem aller- dings zu Grunde liegenden und von ihm so früh auf- gespürten jüdischen Osterliede herleiten will.') Denn das blosse Zersingen allein konnte doch nicht den anfänglich ernsten Charakter des Ijicdes in sein (Jegentcil verkehren, oder, mit (iräter zu reden, „alles Positive aus schlechtem G(;diichtnis und eigener Nachllickerei in das Negative ver- wandeln." Ja, (iräter wäre, wie der Schluss dieses Ar- tikels zcngt, im Stande gewesen, das mittelhochdeutsche Nibelungen -Epos, unter Ausschluss jeder redaktionellen Thätigkeit, als reines Naturprodukt solcher unwillkürlichen volksmässigen A'^ai'iationspraxis anzusprechen.
Über die in dem grossen Aufsatze herangezogenen Volksfeste briichte noch der 6. Band der „Bragur" (1, 118) einige kurze Btiiträge aus anderer Feder''); frühzeitig jedoch dürfte Gräter auch schon jene wirren CoUectaneen aus geograpliischen, historischen, theologistiien und anderen Werken angelegt haben, die er dann im ersten Jahrgange von „Idunna und Hermode" (1812) ohne jcd(^ Verarbeitung unter der monatlich wiederkehrenden Kubrik „Litteratur d(!i deutschen Volksfeste und -Gebräuche" abdruckte, (öfters wird hier ein Autor und ein Buch genannt, auf das schon der Hauptaufsatz (S. 213) anspielte: Flöge l und seine „Geschichte des Groteskkomischen" (liiegnitz 1788). In diesem Werke werden allerdings manche Gebräuche bei Volksfesten geschildert, aber nicht nus Anschauung, s(mdern nach älteren Schriftstellorn(Agricola,Tritemius u.a.) und vor allem nur unter dem äusserlichen (iesichtspunkte, auf den schon der Titel hindeutet.
>) ja. u. Herrn." 1 (1812) No. 40-41; S. JüT u. 16t. (Zur Sache s. d. Kühler, Kl. Sehr. 3,3."»") und die doil liÜRrte. Lilteratur.)
2) Teils von einem Pfarrer Prescher zu Gschwend, teils „ — z" (Oouz ?) unterzeichnet.
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Wai- Grätors Aufsatz die benierkonswertesto tln^oro- tische Kundgebung über dv.n ücgenstand seit den Arbeiten Herders, so ist nicht geringer anzuschlagen, was er und seiue MitaH)oiter praktisch durch Veröffentlichung von Texten und Melodien namentlich für die neunziger Jsihre leisteton. Klagte doch in eben dieser Zeit Meissner, man scheine des Aufsuchens von Volksliedern müde geworden zu sein, „Bragur" allein kümmere sich noch darum.') Auch die kühle Art, mit der Recensenten der „Bragur" die darin enthaltenen Volkslieder aufgenommen hatten-), zeigte, dass jetzt nicht mehr die Stimmung der siebziger Jahre herrschte. J)ass der glimmende Funke nicht erlosch in dieser flaueren Zeit, ist ein Verdienst des Gräterschen Organes, das unter den Vorläufern des ,Wunderhorns' einen Hauptplatz einnimmt. (J räter Hess nicht nur einen leidenschaftlichen Aufruf zum Sammeln ausgehen, in dorn der nachdrückliche Hinweis auf die Melodien bemerkens- wert ist^), er konnte darin auch bereits auf eigene Leistungen hinweisen und lieferte in der Folge noch mehr. Die hier theoretisch geforderte Beigabe der Melodien hat er freilich selbst, vielleicht aus mangelnder Fertigkeit in der Aufzeichnung, nur selten geübt; noch seltener seine Mitarbeiter. Lieder, die nur aus schriftlichen Quellen be-
») „Apollo" 1794 1,287.
2) „Neue Bibliothek der schönen Wissenschaften ii. der iie.yen Künste" 49, 321 und 50, «8.
3) „Bragur" 3,201 im An.schluss an den Aufsatz de.s Enof- ländei's William Tytler: „Obor die uUon .schottischen Balladen und Lieder und die schottische Musik überhaupt" (S. 120), den (irSter aus den „Trausactious" der von Tytler präsidierten „Society of tho Antiquaries of Scotland", Edinbur^^fh 1792, übertragen hatte. Den grössten Raum darin nehmen ganz allgemeine musik-historische Austülirungen ein; nebenher iat Tytler bemüht, nach rein musi- kalischer Verwandtschaft CIruppen von Balladen zusammenzustellen und diese aus dem Chaiakter der Musik chronologisch zu be- stimmen: ein VerLdiron, das erst bei ganz anderen Unterlagen, als man damals halte, aussichtsreich werden konnte. Eschenburg gab triftige Berichtigungen und Ergänzungen „Bragur" 4 ^ 170. — Über Tytler vgl. auch Uraudl in Pauls ürundriss 2 *, 852.
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kaniit waren, wurden in der „Bragur** von denon gesondert, die im Volke noch lebten, wenn auch vielleicht die gegen- wärtige Textgestalt auf eine schriftliche Quelle zurückging (vgl. l,26ii). Das war methodisch berechtigt; besser wUre freilich noch eine saubere Sonderung nur nach den je- weiligen Quellen gewesen. Gräter selbst schupfte vor- nehmlich aus mündlicher Überlieferung, zumeist seiner engeren Heimat; seltener griff er in seine Sammlung fliegender Blätter. Bei einigen Liedern vermisst man genaue Quellenangabe, bei wenigen fehlt sie ganz. Die Texte hat Gräter sorgfältig behuTidelt; nichts deutet auf künstliche Glättung; das Mundartliche ist, wie von einem Dialektforscher zu erwarten, treu bewahrt. Wo Lieder schon von anderer Seite abweichend gegeben waren, ver- weist er stets auf diese Drucke, führt bisweilen auch die Abweichungen zu bequemerem Vergleich unter dem Texte an.') Ein erster Ansatz zu philologischer Behandlung war damit gemacht; doch wurde Griiter, wie alsbald zu zeigen sein wird, gerade in diesem Punkte von anderer Seit-e in derselben Zeitschrift weit übertroffen. Er selbst ver- öffentlichte Volkslieder hauptsächlich in den zwei ersten Bänden der „Bragur", wenn wir von den Einlagen des grossen Aufsatzes jetzt absehen. Unter den hier gebotenen Balladen und Liedern interessieren am meisten zwei, denen Melodien beigegeben sind: die Schwäbisch-Haller Fassung des Liedes vom Grafen und der Nonne, und die moderne Fassung (die Heimat wird nicht genau genannt) des uns von Nicolai her bekannten Liedes: „Es hätt ein Bauer ein schönes Weib". Indessen wurden die Mitteilungen Gräters, der an einer Quelle der mündlichen Tradition sass, aufs glücklichste ergänzt durch die eines Mannes, dem die Schätze einer grossen Bibliothek offen standen: Gottlieb Leon in Wien. Dieser brachte im 6. und 7. Bande zahlreiche Lieder aus fliegenden Blättern der Hofbibliothek, aus derselben Quelle also, die später Ph. Wackernagel für
») 1,240 f., 277, 281; 2,212 0;. und öfter.
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ühland ausschöpfte. Leon hat nun, wie ein V<;rglcich mit ühland zeigt, nicht nur genau, sondern sklavisch nach- gedruckt, jede bedeutungslose orthographische Abweichung wiedergebend. Melodieen sind nicht beigeffigt. Wir treffen hier das Huttenlied: „Ich habs gewagt mit Sinnen", das Qrasliedchen: „Es fuhr ein Maidlein übern See" (Uhlands „Lämmerweide"), Conrad den Schreiber und andere. Im letzten Bragur-Bande, der aber bereits weit hinter dem „Wunderhorn" liegt (1812), öffnete Gräter noch einmal seine eigenen Sammlungen und gab aus genau citierten fliegenden Blättern sechs wertvolle Lieder: Tannhäuser, Hammen von Reystett, Buchsbaum und Felbinger, Herzog Friedrich, Möringer.') Gräter wollte auch die alten Holz- schnitte beifügen, doch unterblieb dies schliesslich der Kosten wegen (Vorrede S. XXVIII).
Neben diesen grösseren zusammenhängenden Beiträgen stehen noch mancherlei kleinere, von denen einer durch seine Methode höchst merkwüidig ist. Der Berliiier Pre- diger und Realschullehrer Erduin Julius Koch behandelte im 2. Bande (S. 311) das niederdeutsche Volkslied „Henneke Knecht". Es lagen ihm zwei Fassungen davon vor; er wägt sie gegen einander ab, druckt die vorzüglichere diplomatisch nach, verzeichnet die Vaiianten der anderen und versieht alles zusammen nachlier mit einem aus- führlichen sprachlichen Commentare, zu dem er ausser mehreren niederdeutschen Wörterbüchern auch eigene Sammlungen aufbot. Einzelne Varianten wer<len in der Erklärung mit ganz gesundem kritischem Sinne gegen einander abgewogen, wenn auch im Ganzen noch etwas einseitig auf die stilistisch beste Fassung hingearbeitet
') S. 186 ff. Mit Ausnahme des „Hammen von Reystett" ab- weichend vom „Wundcrhorn" und aueli von dem Drucke bei Uhland. Den „Hammen von Reystett" hat Arnim nach eigener Angabe aus (rräters Bibliothek empfangen (als er ihn im December 1805 be.suchte; Arnim dankte m.it dem Gedicht „An einen Sammler", Werke 22 [Weimar 38ij6] S. 6). Er hat das Lied zwar nicht diplo- matisch, aber im Ganzen getieu abgedruckt.
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wird, die mit der cclitestoii ja iiiclit oiine weiteres idontisch ist. Jedonfallg ist, soweit ich sel»e, niemand im 18. Jahr- lunulert in ähnliciicr Weise als Philologe an ein Volkslied herangetreten.
Derselbe Erduin Julius Koch aber leistete den Er- forschern und .Sannnlern des Volksliedes noch einen anderen wichtigen Dienst. Zwar sein ^System der lyrischen Dicht- kunst in Beispielen" (1792) schweigt auffallenderweise vom Volksliedo. Aber in seinen) „Compendium der deutschen Litteiaturgeschichte von den ältesten Zeiten bis auf das .Jahr 1781" gab er bereits in der ersten Ausgabe von 1790, Ö. 8iJ in dem Abschnitte: „Epische Gedichte ge- mischten Inhaltes", dann reichlicher noch in der zweiten Ausgabe von 1798 (2, 1 u. 51, bes. 69) in den Abschnitten „Ernsthaftes Lied" und „Scherzhaftes Lied" eine ganze Reihe von Hijuveiseu auf illtere Sammlungen und Einzel- drucke, die ein wichtiges bibliographisches Hilfsmittel für die Materie des Volksliedes darstellten. Den Heraus- gebern des „Wunderhorns" waren diese Nachweise wohl- bekannt, auch standen sie in persönlicher Verbindung mit Koch.') Wer den Quellen des Wunderhorns im Einzelnen nachgeht, dürfte daher beachtenswerte Fingerzeige in dem Compendium finden. Zugleich wäre mit einem ebenfalls im Wesentlichen bibliographischen Aufsatze Fiiedrich August Kinderlings (Bragur 5 ',20) zu rechnen, der im Übrigen noch durch den nachdrücklichen Hinweis auf die Contrafacturen und ihre Bedeutung für die VolksUed- forschung bedeutsam ist; endlich verdienten auch die bibhographischen Zusätze Beachtung, die Chr. F. Blanke u- burg in der zweiten Auflage von Sulzers „Allgemeiner Theorie der schönen Künste" (1792 — 1794) zu Artikeln wie .Lied', .Erzählung', ,Heldeugedichf machte; Brentano weist einmal den Freund ausdrücklich auf diese hin.-)
») S. Steig .,Arnim u. Brentano", S. 121, 139, 142, 183.
2) Steig, S. 124. Die gleichzeitig genannten Manuskript- Aus- züge in Tentzel's »Monatlichen Unterredungen" 1691 u. 1697 gaben demWunderhorn nichts. — Die Stellen bei Sulzer 2, 131 u. 561 ; 3, 271.
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Anssor lUtr .,Biagur" trat nur noch eine Zeitschrift der neunziger .Jahre für das Volkslied ein: Meissner's „Apollo". Sie iSiiU 17!)4 ausfülirlichfro Kunde von dem „V'enus^ärtlein" '), auf das dir .(^uartalscliriff nur kurz \ erwiesen hatte. Vierzehn Lieder druckte Meit-sner im Ganzen daraus ah, und zwar aus der Ausgahe von 1G59, Wühei er sieh nur ganz ireringl'iigige Änderungen gestattete. Allerdings griff er auffallend wenig von dem älteren deutschen Volksgute n.it: Der „Lindenschmidt" und „Py- ramus und Thishe'' vertreten allein diese Oattung, aus der das .Venusgärtlein' doch noch so manches andere Stück bot. Zutreflend aber vernuitete er, dass viele Lieder der Sammlung Dichieni des 17. Jaliihunderts von der Richtung der Schlesier angehören möchten, ohne im Einzelnen den Ursprung nachweisen zu können; ferner dass sein Exemplar ,,iiur eine Neuauflage einer älteren Sammlung" darstelle. Sein Druck dient« den Herausgebern des „Wunderhorns" als Vorhige. Die Zeitsclirift „Apollo" war im übrigen kurzlebig und kam nicht mehr auf das Volkslied zurück, auch dei- vorangegangene Jahrgang 1793 enthält nichts.
Gräter hatte auf die Schnadahüpfl hingewiesen. In den ei"sten Jahren des neuen Jahrhunderts besannen sich zwei Hauptgehiete dieser Gattung auf ihren ]5esitz: Baiern und Tyrol. Joseph Hazzi veröffentlichte in seinen „Sta- tistischen Aufschlüssen über das Herzogthum Baiern" (Nürnberg 1801) im ersten Bande S. 407 eine Partie „bairischer Alpenlieder in ländlicher Aussprache": kecke, verblüffend natürliche Liebesverschen.-) In einem ganz ähnlichen W(^rke, dem „Sammler für Geschichte und Sta- tistik von Tjrol" (2, 69), gab 1807 J. Strolz gleichfalls eine